Als „Sommerfrischler“ im Sauerland
18.07.2011 | 17:56 Uhr 2011-07-18T17:56:00+0200
Iserlohn.Es ist in den Sommerferien mein erster gemeinsamer Urlaub mit den Eltern, seit Vater aus der Gefangenschaft zurück ist. Die Vorfreude ist groß. Das Ziel liegt tief im Sauerland. Für meine kindliche Vorstellung fernab vom heimatlichen Iserlohn: Fretter!
„Wir fahren sehr lange mit der Eisenbahn“, sagt mein Vater. Damit beginnt für mich schon das Abenteuer am Iserlohner Bahnhof. Über Letmathe, wo wir umsteigen müssen, geht es bis Finnentrop.
Dort steigen wir aus und nehmen auf einer Bank auf dem Bahnsteig Platz, denn der Zug, der uns nach Fretter bringen soll, kommt erst in einer knappen Stunde.
Da sind die Brote, die Mutter für das zweite Frühstück eingepackt hat, gerade recht, denn wir sind bereits über drei Stunden unterwegs.
Auf den Schildern am Zug, der uns zum Ziel bringen soll, lese ich „Finnentrop–Eslohe–Wennemen“. Wir steigen ein. Ich habe den Eindruck, als ob wir zurück fahren würden, aber dann biegen wir durch einen Tunnel ab ins Frettertal. Vater hält schon die Koffer bereit, denn bald ertönt der Ruf: „Fretter! Fretter!“ Wir sind am Ziel. Der Bahnhof liegt oberhalb vom Ort in der Nähe eines Kalksteinbruchs.
Wir werden von unserem Gastwirt, der einen Handwagen für das Gepäck mitgebracht hat, abgeholt und schreiten in die Dorfmitte. Unweit der Kirche liegt an der Landstraße der Gasthof, wo wir einquartiert werden.
Jetzt sind wir „Sommerfrischler“. So nannte man damals die Urlauber auf dem Land, denn in den Städten – auch in Iserlohn – gab es noch reichlich Fabrikschlote und Hauskamine, die mit ihrem Qualm die Luft verpesteten. Hier, zwischen Wäldern, Feldern und Weiden, ist die Luft so sommerlich frisch.
Am ersten Tag schauen wir uns ein wenig im Dorf um. Am Abend werden die Kühe von den Weiden geholt. Über die teils noch unbefestigten Wege und die Hauptstraße werden sie in die Ställe getrieben, und zurück bleiben zahlreiche Kuhfladen, deren „Duft“ ebenfalls zur Sommerfrische gehört.
In den nächsten zehn Tagen folgt eine Wanderung nach der anderen. Einmal geht es von Fretter hinauf nach Weuspert und nach Faulebutter. Bei allen Wanderungen trägt Vater sein Jackett und eine Krawatte. Das war damals so üblich. Ich trage selbstverständlich meine Lederhose. Die ist in der Freizeit unverwüstlich. Das Korn ist schon reif und in Garben auf den Feldern zum Trocknen aufgestellt worden. Da können wir uns bei einer Pause gut anlehnen.
An einem anderen Tag wandern wir nach Serkenrode und bestaunen schwarze Schweine auf einer Weide. Alle Wege werden hin und zurück zu Fuß zurückgelegt. Die Wandertour nach Schönholthausen ebenso wie der weite Weg durch ein wunderschönes Seitental nach Schöndelt.
Das macht manchmal recht müde Beine, aber ein selbst geschnitzter Stock stützt. Ich finde es sehr interessant, all die kleinen Dörfer mit ihrem beschaulichen Leben kennenzulernen.
Wenn im Steinbruch eine Sprengung erfolgt, dröhnt durch Fretter ein- bis zweimal am Tag ein lauter Knall. Der ist weit im Tal zu hören.
Unser weitester Ausflug geht mit der Eisenbahn von Fretter nach Eslohe. Das ist im Grunde nur ein kurzes Stück, aber für mich erscheint die Entfernung doch recht groß, weil man ja mit der Bahn fahren muss.
Als wir mal nicht wandern, geht Vater mit mir an den Fretterbach und zeigt mir, wie man mit der Hand Forellen fangen kann.
Wir liegen bäuchlings am Ufer. Vater hält die hohle Hand ins Wasser. „Die Forellen schwimmen in die Handhöhle. Man muss die Hand ganz ruhig halten.“ Und schon packt er zu und wirft eine Forelle auf die Wiese. Dort zappelt sie, bis er ihr mit seinem Taschenmesser ein Ende bereitet. Ich habe kein Glück bei der Fangakrobatik. Drei Forellen werden zum Abend für uns zubereitet.
So vergehen zwölf Urlaubstage recht kurzweilig. An einem Tag mit echtem Sauerländer Nieselregen bleiben wir in der Pension.
Alles hat einmal ein Ende. Mit zweimaligem Umsteigen bringen uns die Dampfzüge wieder nach Iserlohn.
Nachwort: Heute kann ich in einer knappen Stunde mit dem Auto nach Fretter zum Wandern fahren. Es ist in meiner Empfindung nicht mehr fernab von Iserlohn.
Aber es ist nicht mehr das beschauliche Fretter von 1951. Die Wohnsiedlungen haben sich vom Dorfkern bis zum Waldrand ausgedehnt. Den Steinbruch hat sich die Natur zurückgeholt.
Sechzig Jahre zeigen reichlich Veränderungen – auch bei mir.
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