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Porträt

Steffen Möller

09.11.2012 | 17:00 Uhr

Das scheint aber auch wahrlich ein echter „facet“ zu sein, denke ich bei hereinbrechender Dämmerung so bei mir. Beziehungsweise denke ich das natürlich nicht so, weil ich keinen blassen Schimmer von der polnischen Sprache habe, aber nach einer guten Stunde Gespräch mit diesem Steffen Möller kommt mir bereits manches an diesem Nachmittag überaus polnisch vor. Und auf „Bursche“ bin ich auf der Suche nach „Lausbub“ gekommen, weil der Mann zunächst einmal so ein erfrischendes, ansteckendes Jungen-Lächeln hat. Mit Grübchen und diesem „Übelnehmen zwecklos“-Ausdruck. Vor mir sitzt einer, den man aus einem noch zu ergründenden Grund hochgradig ernst nimmt, obwohl da gleichzeitig das Gefühl dieser ungeheuren Leichtigkeit ist. Warum das alles so ist mit Steffen Möller, versteht man zunächst nicht wirklich. Bei dem nur schwachen Trost, dass er es vermutlich auch nicht tut.

Möglicherweise trifft man ja den Kern, wenn man sagt, Steffen Möller wollte eigentlich niemals von sich aus ein Star sein. Nicht in Deutschland und auch nicht in Polen. Heute ist er aber einer. In Polen sowieso und in Deutschland geht es auch schwer nach oben. Was ihn aber auch nicht besonders zu stören scheint. Es schmeichelt vielleicht. Oder hat es doch auch schon ein bisschen süchtig gemacht? Steffen Möller ist auf einem Weg, er kennt dessen bisherigen Verlauf. Darüber kann er auch Auskunft geben. Bei den nächsten Wegstrecken wird’s da schon schwieriger. Irgendwas wird schon kommen. Womit wir eine Erkenntnis schon mal verbuchen können: ein wirklicher Lebensplaner ist Steffen Möller nicht. Lebenskünstler vielleicht schon eher. Obwohl er bei Künstler vermutlich auch wieder zucken könnte und sich die Denk- und Lach-Grübchen neuerlich auftäten.

Steffen Möller

Begeben wir uns also kurz in die Vita des Kabarettisten, Schauspielers, Deutschlehrers, Hochschul-Dozenten und Buch-Autors, Bundesverdienstkreuzträgers und Polenflüsterers, wobei die Reihenfolge irgendwie auch wieder nur eine untergeordnete Rolle spielt. Steffen Möller wird Ende der 60er-Jahre in Wolfenhagen bei Kassel in diese Welt geboren. Und in ein durchaus theologisch geprägtes Elternhaus. Der Vater ist Professor für Evangelische Theologie, die Mutter Religionslehrerin. Was ja vielleicht auch schon eine erste Erklärung für seinen – gefühlten - missionarischen Eifer sein könnte, das polnisch-deutsche Verhältnis zu sanieren oder zu stärken. Reduziert auf den Begriff „missionarisches Handeln“ kann er dem vielleicht zustimmen, allerdings mit deutlichen Einschränkungen: „Das ist wohl so, aber ich habe ja niemals mit dem Kabarett angefangen um eine deutsch-polnische Versöhnung zu betreiben.“ Angefangen habe das schließlich schon in der Schule, die dann übrigens in Wuppertal stand. Seine bevorzugten Themen: Die Schule an sich eben und die Lehrer. Irgendwann seien diese Themen aber auch durchgenudelt gewesen und die Sache mit dem Kabarett habe sich zunächst einmal wieder gelegt. „Irgendwie hatte ich kein Thema mehr.“ Was sich dann später allerdings in Polen wieder mächtig ändern sollte.

Um zu verstehen, warum es dann gerade Polen wurde, muss man vermutlich versuchen, den weiteren Lebensweg erst einmal etwas langsamer nachzuvollziehen. Schließlich hatte der junge Steffen nach eigenem Bekunden zunächst einmal „null internationale Ader“ in sich. Er sei vielmehr der vorgezeichnete Typ für eine Lehrer-Karriere gewesen und habe deshalb auch „mit Mühe und Not zu Ende studiert“. Theologie und Philosophie. Und ein bisschen Italienisch.

Und genau in dieses Land zieht es ihn dann auch. Aber schon nach kürzester Zeit stellt Steffen Möller fest: „Diese Mentalität ist nichts für mich. Da kam ich als armer Wuppertaler nicht hinterher“. Seine ganzen schönen Pläne, in denen er sogar als Märchenerzähler arbeiten wollte, waren plötzlich für die Katz. „Die Leute da waren mir einfach zu extrovertiert.“ Und da sei Krakau später ganz anders gewesen, da habe er schon nach zwei Tagen gemerkt: „Das ist eine Super-Mentalität für mich!“ Auf der einen Seite sei der Pole „super reserviert“, zum Beispiel auf der Straße. Aber wenn man dann ein bisschen an der Oberfläche kratze, dann käme da auch der Italiener raus. „Daher nenne ich den Polen übrigens auch immer gern den Italiener des Ostens!“

Das erklärt ja vielleicht auch vordergründig die gewaltige Begeisterung für die Polen, aber auf der anderen Seite immer noch nicht, wie der Kontakt überhaupt zustande gekommen ist. Selbst wenn Italien gefloppt hat, warum dann Polen? Statt einer Erklärung von innen kommen jetzt eher grundsätzliche Begründungen. Dass Polen nun mal ganz schön dicht dran sei an Deutschland, sagt Steffen Möller, dass es mehr Zug-Verbindungen geben würde, als der Laie glauben könnte. „Polen ist so nah!“ Wahrscheinlich hat er das auch immer wieder seiner Mutter so erklärt, weil „für die ja schon mein Studienort Berlin unmittelbar am Ural war.“ Und wahrscheinlich hat Steffen Möller sich selbst unterschwellig das auch so erklärt, denn in ihm wohnte schließlich vom Grundsatz her auch durchaus das Gefühl „Heimweh“. „Nach drei Wochen Italien hatte ich ganz fürchterliches Heimweh, in Polen in 19 Jahren nicht einen Tag.“ Im Grunde seines Herzens sei er ja sogar auch ein Feigling, könne sich nicht vorstellen, „im Dschungel zu wohnen und sich da auch noch wohlzufühlen.“ Aber offenbar in Polen. Was der Gesprächspartner und zudem die 70 Prozent der Deutschen, die noch niemals in Polen gewesen seien, vermutlich auch nicht nachvollziehen könnten. Weil wir ja der Meinung wären, nach Polen fahre man - wenn überhaupt – am besten mit dem Reisebus. Und vorn und hinten GSG 9.

Lassen wir es an dieser Stelle also gut sein mit dem Versuch zu ergründen, warum/wie Steffen Möller letztlich überhaupt nach Polen gekommen ist. Irgendwann war er eben da, fühlte sich wohl und wollte auch bleiben. Wie macht man das? „Ich bin nicht der Typ, der sich bewirbt“, sagt er und erzählt die Geschichte vom Privatlehrer für Deutsch-Schüler und –Studenten. Er habe einen Zettel ans Schwarze Brett der Uni gemacht und flott zwei bis drei Schüler gehabt. Bei guter Bezahlung. Was auch nicht verwunderlich sei, denn schließlich machten jährlich 80000 polnische Schülerinnen und Schüler ihr Deutsch-Abitur. Sprachlich sei er selbst übrigens bei 0,0 angefangen, sagt er. Sein erstes polnisches Wort sei „Handbremse“ gewesen. Aus der Erkenntnis heraus, dass dieses eine Wort jedoch noch nicht für Erfolg im Land der Träume reichen würde, folgen weitere Sprachkurse. Der Durchbruch sei dann Monate später der Umstand gewesen, dass er auf der Straße einem Passanten, der nach der Uhrzeit gefragt habe, ohne zu zögern habe sagen können: „Zehn vor Zehn!“ Dass er einige Zeit später sogar Dozent für Deutsch an der Hochschule sein würde, hat er da vermutlich auch nicht gedacht. Aber unterm Strich kann er diesen Weg dann doch nur wärmstens weiterempfehlen: „Wer in Iserlohn keine Perspektiven hat, ab in den Ostblock.“ Gern nennt er sich selbst noch einmal als leuchtendes Beispiel: „Ist doch was. Mit 26 Jahren an der Uni und die Studenten standen morgens auf, wenn ich reinkam. Das war und ist eine verdammt gute Erfahrung.“

Je tiefer Steffen Möller in die Welt der Polen eintaucht, sind da plötzlich auch wieder die Themen für das Kabarett. Die Gabe und den Willen, Menschen genau in ihrem Handeln und Denken zu beobachten und zu analysieren, waren ihm im Laufe der Zeit ja nicht abhanden gekommen. Also mietet er einen kleinen Keller in Krakau, „befiehlt“ die Studenten ins Publikum und beginnt auch, sich bei den wichtigen Stellen aus Polens Medienwelt zu vermarkten. Was wiederum zu einem Engagement in der polnischen Telenovela „L wie Liebe“ führt. Zwei Mal in der Woche schalten sich rund 10 Millionen Polen diesem Opus zu. Bei einer Gesamtzahl von 30 Millionen potenziellen Zuschauern wahrlich kein schlechter Wert. „Und wenn du in Polen ein Promi bist, dann bist Du auch einer. Wenn man in Bayern durchs Fernsehen berühmt ist, kennt Dich in Norddeutschland kein Mensch. Das ist in Polen anders.“ Wobei es natürlich auch in diesem Fall mal wieder so ist, dass Steffen Möller das eigentlich ja gar nicht so wollte. Nicht vorsätzlich jedenfalls. Er sei doch niemals wirklich auf die Idee gekommen, Schauspieler zu werden. Obwohl schon ein mal ein Professor nach einem Hegel-Referat zu ihm gesagt hätte, er habe sich noch nie so gut unterhalten gefühlt, er sehe Möllers Platz allerdings nicht unbedingt am Dozentenpult sondern eher in der Lindenstraße.“

Nun gibt Steffen Möller also seit Jahren erfolgreich den Polen-Versteher, Aszendent Deutschland-Experte. Dass für die grundsätzliche Stammes-Analyse heute keine Zeit bleibt, ist schnell klar. Vielleicht nur soviel. Die Deutschen nehmen von den Polen nur den allerkleinsten Teil wahr. Und auch den unrepräsentativsten. Und den falschen obendrein. Polen bestehe eben nicht im Wesentlichen aus Putzfrauen, Autodieben und Prostituierten.

„Leider assoziiert niemand das Land mit Bildung und Hochschulen, mit Ordnung und Disziplin. 99,9 Prozent des normalen Lebens in dem Land finden nun einmal kein Echo.“ Was natürlich auch in weiten Teilen umgekehrt gelte. Kaum ein Pole könne sich vorstellen, dass im Rathaus von Wuppertal es durchaus mal korrupt zugehe. „Also erzähle ich ihnen davon und vermittle ihnen über die Inhalte ein neues Gefühl für Deutschland.“ Offenbar insbesondere für Wuppertal, denn inzwischen fahren Polen auf dem Weg z.B. nach Frankreich in Wuppertal von der Autobahn und schreiben Möller anschließend Grußkarten: „Wir waren da!“

Kommen wir aber doch noch einmal auf die Lebensplanung. Gibt es nicht doch eine Idee? „Ich hätte vielleicht Lust auf ein drittes Buch“, sagt Steffen Möller. Und als potenzielle Reiseländer kämen vielleicht Südamerika, Sibirien bzw. Russland ganz allgemein in Betracht. Aber kommt sofort wieder die ganz spezielle Möllersche Lebensphilosophie durch: „Ich kann weglaufen, wohin ich will, am Ende geht es wieder nach Polen.“ Gibt es denn wenigstens eine Familienplanung? „Familie kann sehr wichtig sein, für mich selbst hat es nicht unbedingt Priorität! Ich bin eher der unruhige Geist!“ Kann es sein, dass dieser Mann zum Eigenbrödlerischen neigt? Klare Antwort: „Ja! Ich lasse mich nun mal nicht gern von äußeren Strukturen einkesseln und beeinflussen. Ich liebe das Gefühl, bei Null anzufangen.“ So sei das eben auch heute eine Art Idealzustand: „Ich lebe in zwei Ländern und immer wenn ich nach ein paar Tagen in dem einen Land die Nase voll habe, fahre ich wieder zurück.“

Ich ahne, dass das Gespräch vermutlich noch lange nicht am Ende ist. Weil es noch so unendlich viele Themen gibt bei dem Mann, dem man offensichtlich auch wirklich nur ein wenig an der Schale kratzen kann. Und darf. Wir reden noch über den Gefühls-Kälteschock, den Tschechien-Besuche bei ihm schon nach kurzer Zeit auslösen, obwohl er das Land doch für das schönste in Europa hält. Wir reden über die Wärme des katholischen Glaubens, die möglicherweise Italien und Polen am Ende dann doch wieder unsichtbar verbindet. Wir reden aber auch über die Schwierigkeiten des jungen Steffen Möller, als er sich schon in seiner Jugend als Freund der großen Komponisten outete: „Wenn Sie als 16-Jähriger ein Klassik-Fan sind, dann bringt Ihnen das mehr Probleme mit sich, als Ihnen lieb ist.“ Apropos Musik: Er erzählt auch von seinem musikalisch eher gegensätzlich veranlagten Bruder, der bis heute der festen Überzeugung sei, dass Schubert lediglich ein Werk geschrieben habe und „das heißt ‚Die Sonate’“. Möller schwärmt noch eine Runde von den polnischen Damen, die gleich aus vielerlei und durchaus seriösen Gründen die beliebteste ausländische Frauengruppe sei. Möller gibt immer wieder Insider-Tipps: „Fahren Sie nach Krakau, ins Herz von Polen. Vergessen Sie das Grenzgebiet.“ Er erzählt von seinen Eltern und den Brüdern, die eigentlich bis heute ziemlich staunend vor dem Phänomen Steffen Möller stehen. „Ich glaube, meine Eltern waren, als ich das Bundesverdienstkreuz bekommen habe, stolzer als ich.“

Am Ende sprechen wir sogar darüber, dass der Mann sich vorstellen kann, am Ende seiner Lebensreise irgendwo auf der ostasiatischen Halbinsel Kamtschatka seine letzte Ruhe zu finden, obwohl er aufgrund der protestantischen Prägung bisher durchaus immer davon ausgegangen war, auf einem normalen Friedhof begraben zu werden.

Wie es allerdings zwischen heute und möglicherweise Kamtschatka wirklich weitergeht, lässt sich abschließend wohl nicht sagen. Vielleicht macht Steffen Möller zunächst einmal wirklich eine neuerliche Bühnenpause und meint das auch, wenn er sagt: „Ich habe 20 Jahre lang Zeit zur Abnabelung gehabt, jetzt ist die Zeit reif.“ Auf jeden Fall kommt er zu einem vorläufigen Lebens-Resümee, das in der Tat ebenso viel zu erklären scheint wie es im Dunkeln lässt: „Alles in meinem Leben war bis jetzt echt ungewöhnlich, aber doch irgendwie völlig normal!“

Ohne Frage, Steffen Möller ist in diesen Tagen wohl einer bemerkenswertes „facet“s zwischen Krakau und Iserlohn.

Beleuchtet von Thomas Reunert (Text) und Josef Wronski (Foto)



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