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Porträt

Dr. Clemens Prokop

02.06.2009 | 16:10 Uhr

Als der Abpfiff für die Bundesligaprofis ertönte und in Wolfsburg die Meisterschale gestemmt wurde, war es für ihn das Signal, dass der Countdown beginnen kann.

Dr. Clemens Prokop

„Jetzt wollen wir uns bemühen, die Leichtathletik in den Fokus zu rücken,” sagt Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletikverbandes, der im August mit der Weltmeisterschaft ein Berliner Sommermärchen inszenieren möchte.

Das bereitet er auf seine Weise vor. Sachlich, routiniert, ohne Effekthascherei. Prokop ist kein Mann der lauten Töne. Eher einer, der mit Argumenten überzeugen will, der gern mit unwiderlegbaren Fakten arbeitet. Aber einem Dr. jur., im Hauptberuf Direktor des Amtsgerichts im bayrischen Kelheim, fällt das auch nicht schwer. „Im Sommer sind wir ohne Konkurrenz, und wir bekommen wieder eine umfassende TV-Präsenz,” verweist er auf geplante 63 Live-Stunden in ARD und ZDF. Für ihn ist es eine Referenz, die man der Mutter aller Sportarten, wie er die Leichtathletik nennt, zuweilen ruhig erweisen darf. „Ohne uns, ohne Laufen, Springen und Werfen, sind auch andere Sportarten nicht denkbar,” sagt Prokop. Er sagt es selbstbewusst, ohne einen Hauch von Überheblichkeit. Schließlich kennt der Verbandschef nur zu gut die Probleme. Die oftmals dürftige Medaillenausbeute, die wenigen Leitfiguren, die schwächelnde Basis - und natürlich die unbefriedigende öffentliche Wahrnehmung der olympischen Kernsportart.

Heute präsentiert der DLV seine nationalen Meisterschaften im Wattenscheider Lohrheidestadion, vor 20 Jahren konnte man getrost das Münchner Olympiastadion buchen, ohne leere Ränge fürchten zu müssen. „Die Zeiten sind vorbei,” sagt der 52-Jährige. Er weiß, dass er sich mit seinem DLV in einem Teufelskreis bewegt, aus dem es so leicht kein Entrinnen gibt. Je weniger in den Medien berichtet wird, desto geringer ist der Wiedererkennungswert der Sportler. Und ohne den wird es immer schwerer, die Massen zu begeistern.

Berlin, so hofft er, wird einen Schub bringen. Dafür engagiert er sich. Jetzt - in der Fußball-Sommerpause - noch intensiver. Er ist häufig in der Hauptstadt, nimmt viele Abendtermine wahr, um morgens mit dem ersten Flieger wieder gen München zu düsen und pünktlich am Schreibtisch zu sitzen. Als DLV-Präsident bekleidet er ein Ehrenamt, für das er den Urlaub und den Großteil der Freizeit opfert. Die Liebe zur Leichtathletik muss unerschütterlich sein, um sich diesen Stress anzutun.

Clemens Prokop fand den Zugang eher zufällig. Freunde nahmen ihn im kleinen Donaustädtchen Saal mit zum örtlichen Verein, wo er mit seiner Schnelligkeit den Trainer beeindruckte und im Sprint sowie im Weitsprung sehr bald die ersten Erfolge verzeichnete. Der größte: Der deutsche Hallenmeistertitel im Weitsprung der Jugendlichen mit 7,21 m. Der Hausrekord liegt bei 7,93 m - leicht windbegünstigt, aber immerhin. Das war 1977. Man kann sich ausmalen, wie sehr es Prokop gegen den Strich ging, dass die internationale Konkurrenzfähigkeit ausgerechnet in seiner Lieblingsdisziplin jahrelang nicht existierte. „Ich habe ja schon gedroht, selbst wieder die Spikes anzuziehen,” schiebt der Präsident mit einem Schmunzeln ein. „Aber geholfen hat es auch nicht.” Bis zum letzten Winter. Da sprang Sebastian Bayer mit 8,71 m einen neuen Hallen-Europarekord.

Solche Typen sind es, auf die der DLV baut, die die Leichtathletik aus der Talsohle führen sollen. Aber im Hochleistungssport ist eben nur wenig planbar, so dass sich der Pragmatiker Prokop gern auf das konzentriert, was er beeinflussen kann. Etwa in Berlin eine rauschende WM zu präsentieren. Neun Tage lang soll das Olympiastadion möglichst ausverkauft sein. Bei 76 000 Zuschauern Fassungsvermögen ein ehrgeiziges Ziel. Aber gerade in Berlin hat man - wie die Fußball-WM bewies - gute Chancen, echte Partystimmung zu erzeugen.

Sie würde ein außergewöhnliches Ereignis umrahmen. „Die Welt des Sport trifft sich in Deutschland. So etwas gibt es außerhalb von Olympia sonst nirgendwo,” verweist der DLV-Chef auf mehr als 200 Länder, in denen Leichtathletik betrieben wird.

Die besondere Stellung dieser facettenreichen Sportart wird nach seinem Geschmack zu oft nur unzureichend honoriert. Gern verweist er in diesem Zusammenhang auf die Bedeutung im sportpolitischen Bereich. „Vieles wird doch am Beispiel der Leichtathletik diskutiert.” Er nennt die Vorreiterrolle seines Verbandes im Kampf gegen Doping, wünscht sich ähnlich hohe Standards auch in anderen Sportarten, stellt statt dessen aber fest, dass in der Öffentlichkeit gern mit zweierlei Maß gemessen wird. „Der DLV soll sich für seine Trainer mit DDR-Vergangenheit rechtfertigen, und über diejenigen, die in anderen Sportarten beschäftigt sind, spricht man gar nicht.”

Es klingt nicht einmal besonders vorwurfsvoll, wenn er die Sachlage aus seiner Sicht darstellt. Aber es spricht ein Mann mit dem ausgepägten Sinn für Gerechtigkeit, der sich schwer tut, sich damit abzufinden, dass ein falsches Bild gezeichnet wird. Berlin soll in dieser Hinsicht eine Korrektur bringen. Das Comeback der deutschen Leichtathletik im Rampenlicht. Dafür arbeitet Prokop Tag für Tag, dafür wird er in den nächsten Wochen noch einmal die Schlagzahl erhöhen. Und sehr oft nach kurzer Nachtruhe wieder in seinem Büro im Amtsgericht sitzen und feststellen, dass die Momente der Entspannung immer kürzer werden. Stressabbau funktioniert bei ihm am besten mit klassischer Musik. Auch mit Lesen. Biographien und Zeitgeschichtliches wird man in seinem Bücherregal finden - gewiss keine Krimis. „Damit habe ich beruflich genug zu tun, und ich müsste mich doch nur über die Realitätsferne ärgern.”

Elf Wochen sind es noch bis zum WM-Start. Elf Wochen voller Termine und mit wenig Freiraum. Dass sich das nach den Tagen von Berlin ändern wird, hat Clemens Prokop beschlossen. Dann will er sich einmal ausklinken, dann steht ein konsequent leichtathletikfreier Urlaub mit der Familie auf dem Programm. Vielleicht auch wieder etwas mehr persönliches Sportprogramm. Aktuell gelingt nicht viel. Seine dreieinhalbjährige Tochter Johanna bei ihren Ausflügen auf dem Fahrrad („von Bremsen hält sie nichts”) im Laufschritt zu begleiten, muss manchmal langen. Aber eine gewisse Grundschnelligkeit hat sich der ehemalige Weitsprung-Meister ja bewahrt. Viel Ausdauer braucht er auf jeden Fall, um seine Leichtathletik wieder dauerhaft auf höherem Niveau zu präsentieren. Dazu sollen die WM-Tage von Berlin den nötigen Rückenwind geben, der in diesem Fall garantiert nicht unzulässig stark ausfallen kann.

Beleuchtet von Willy Schweer (Text) und Josef Wronski (Foto)

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