Wie Millionen mit völlig unnützer Medizin traktiert werden

In einer einschlägigen Untersuchung wurden Rückenschmerz-Patienten mit und ohne Röntgen-Untersuchung verglichen. Das Ergebnis: Nach neun Monaten hatten von denen mit Röntgenbild immer noch 65 Prozent einen anhaltenden Schmerz.
In einer einschlägigen Untersuchung wurden Rückenschmerz-Patienten mit und ohne Röntgen-Untersuchung verglichen. Das Ergebnis: Nach neun Monaten hatten von denen mit Röntgenbild immer noch 65 Prozent einen anhaltenden Schmerz.
Foto: dpa
Die AOK legt neue Zahlen vor, wonach Ärzte offenbar mit der Angst der Menschen spielen, um überflüssige oder riskante Anwendungen zu vermarkten.

Berlin.. Ärzte in Deutschland bieten aus Expertensicht millionenfach unnütze und sogar riskante Methoden zur Früherkennung und Diagnose an. Dieses Verhalten sei unethisch, kritisierte der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, am Dienstag in Berlin. Präsentiert wurden neue "Faktenboxen" der AOK. Patienten sollen so auf einem Blick erkennen, welche medizinischen Angebote unnötig, schädlich oder nützlich sind.

30.000 überflüssige Eierstock-OPs

So ließen in Deutschland pro Jahr rund zwei Millionen Frauen eine Früherkennungsuntersuchung auf Eierstockkrebs per Ultraschall machen, sagte der Direktor des Harding-Zentrums für Risikokompetenz, Gerd Gigerenzer. Diese Untersuchung, die die Versicherten selbst zahlen müssen, habe keinen Nutzen.

Politik Eine jährliche Ultraschalluntersuchung verringere nicht das Risiko, an Eierstockkrebs zu sterben. Stattdessen führe die wenig treffsichere Methode dazu, dass geschätzt 30.000 mal unnötigerweise ein verdächtiger Eierstock entfernt werde.

An dem zur Max-Planck-Gesellschaft gehörenden Harding-Zentrum sind die Faktenboxen nach US-Vorbild entwickelt worden. Sie wurden nun im Internet freigeschaltet. Das Zentrum hat selbst ähnliche Angebote veröffentlicht. Auch die Bertelsmann Stiftung bietet leicht verständliche Patienteninformationen im Internet.

Schlechte Information fördert überflüssige Anwendungen

Patienten ließen sich in Scharen zu möglicherweise schädlichen Angeboten überreden, weil sie schlecht informiert seien und sich schnell von Ärzten Angst einjagen ließen, so Gigerenzer. "Mit mehr Bildung können wir bessere Gesundheit für weniger Kosten bringen."

Zum Beispiel übers Röntgen: In einer einschlägigen Untersuchung wurden Rückenschmerz-Patienten mit und ohne Röntgen-Untersuchung verglichen. Das Ergebnis: Nach neun Monaten hatten von denen mit Röntgenbild immer noch 65 Prozent einen anhaltenden Schmerz - und 57 Prozent von denen ohne solches Bild.

Medikamente Die Röntgenaufnahme bringt dem Arzt äußerst selten Informationen über seine Untersuchung und Befragung hinaus. Solche Untersuchungen fördern höchstens meist kleinere Abnutzungen zutage, die Patienten zusätzlich verunsichern können. Aber auf Röntgenstrahlen und Computertomographie gehen jedes Jahr geschätzt rund 2000 Krebserkrankungen in Deutschland - bezogen auf alle Körperregionen - zurück. Angezeigt ist Röntgen bei Schmerzen nach Unfällen oder Verletzungen. Ansonsten sollte man verzichten.

Zum Beispiel über Prostata-Früherkennung durch PSA-Test und Tastuntersuchung. Auch hier ist laut Harding-Zentrum das Ergebnis niederschmetternd - die Todeszahlen sind der Gruppe mit und ohne Früherkennung gleich. Allerdings zeigt die Darstellung, dass von 1000 Männern mit Früherkennung 160 nach einer Gewebe-Entnahme erfahren, dass das Testergebnis ein Fehlalarm war. 20 von 1000 werden fälschlicherweise behandelt, etwa durch eine OP oder eine Strahlentherapie.

Medikamente Die AOK-Faktenboxen drehen sich unter anderem um das Impfen, Nahrungsergänzungsmittel, das Röntgen bei Rückenschmerzen sowie Stoßwellen-Therapie bei Schmerzen im Ellbogen. AOK-Chef Jürgen Graalmann sagte unter Berufung auf eine Studie vom vergangenen Jahr: "Bei fast 60 Prozent der gesetzlich Versicherten war die Fähigkeit zur Krankheitsbewältigung und Gesunderhaltung problematisch bis unzureichend ausgebildet." Deshalb sei ein leicht verständliches und zugängliches Informationsangebot nötig. Es solle schrittweise auf andere Diagnose- und Therapiefelder ausgedehnt werden.

Wolf-Dieter Ludwig hält kritische, unabhängige Hinweise auf Nutzen und mögliche Schäden für unbedingt nötig - und bisher eher rar gesät. Der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft spricht von einem bisher vorherrschenden "Monopol der Desinformation". Aus seiner Sicht haben Hersteller von Arzneimitteln und Medizinprodukten viele Möglichkeiten, den Patienten zu ihren Produkten zu überreden - oft über Ärzte, die ihrerseits der Industrie wenig kritisch gegenüberstünden. (dpa)