Wie Diabetes das Leben eines Kindes verändert

Diabetes-Behandlung: Das wichtigste sind die regelmäßigen Blutzuckermessungen und das Insulinspritzen, in beiden Fällen verbunden mit sehr viel Disziplin.
Diabetes-Behandlung: Das wichtigste sind die regelmäßigen Blutzuckermessungen und das Insulinspritzen, in beiden Fällen verbunden mit sehr viel Disziplin.
Foto: Getty
Was wir bereits wissen
30.000 junge Menschen in Deutschland sind täglich auf Insulin angewiesen. Instrumente und Medikamente sind patientenfreundlicher geworden.

Essen.. Felix ist acht und ein cleveres Kerlchen. Wenn er morgens aufsteht, passiert alles ganz automatisch: Zweimal piksen, dann etwas essen. Zuerst misst er den Blutzucker, dann spritzt er sich Insulin, anschließend gibt’s ein Brötchen und Kakao. Jeder Handgriff sitzt, der Junge erledigt alles ganz alleine. Bis auf das Frühstück, das bereitet seine Mutter für ihn zu. Felix ist begeisterter Fußballer. Er hat ein großes Vorbild: Dimo Wache, der lange bei Mainz 05 in der Bundesliga im Tor stand. Wache ist Diabetiker, genau wie Felix.

Diabetes von Kindheit an

Dr. Katja Konrad hat täglich mit jungen Menschen wie Felix zu tun. Die Oberärztin leitet die Diabetologie der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Essener Elisabeth-Krankenhaus. Längst nicht jeder Patient ist so tapfer wie Felix, vor allem wenn er gerade erst die Diagnose bekommen hat. Diabetes bedeutet: Ab jetzt wird das Leben ein anderes sein. Auch wenn die meisten Kinder schnell lernen, mit ihrer Erkrankung umzugehen. Genau wie die Eltern. Denn alle müssen sich nun umstellen, Familie, Freunde, auch die Lehrer.

Nach Expertenschätzungen sind etwa 30.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland an Diabetes erkrankt, jedes Jahr kommen etwa 2500 Neuerkrankungen dazu. Wir sprechen hier vom Typ-1-Diabetes, früher auch „Jugendlicher Diabetes“ genannt, weil er vorwiegend in jungen Jahren auftritt. „Eine Autoimmunerkrankung, bei der die Bauchspeicheldrüse kein Insulin mehr produziert“, erklärt Katja Konrad. Insulin, das ist ein lebenswichtiges Hormon, das den Zucker im Körper reguliert. Fehlt es, bleibt der Zucker im Blut. Es entstehen Säuren, der Patient wird bewusstlos und gerät in Lebensgefahr.

Erwachsene hingegen haben häufiger mit Typ-2-Diabetes zu tun, dem klassischen Altersdiabetes, bei dem Übergewicht eine große Rolle spielt.

Die Diagnose

Während sich der Typ-2-Diabetes in das Leben des Patienten schleicht, kommt Typ 1 ganz plötzlich und heftig. Die Betroffenen haben viel Durst, fühlen sich schlapp, müssen häufig zur Toilette, verlieren Gewicht. „Es kann jeden treffen, und immer häufiger tritt diese Form im Grund- und Vorschulalter auf“, sagt die Ärztin.

Gesundheit Auch Jugendliche kann es erwischen, und damit mitten in eine Zeit platzen, die für den Betroffenen ohnehin schon kompliziert ist – Stichwort Pubertät. Die Expertin rät Eltern, das Kind grundsätzlich in einem Diabeteszentrum behandeln und einstellen zu lassen, das sich auf junge Patienten spezialisiert hat.

Die Diagnose einer Diabetes-Erkrankung ist unkompliziert: Über Blut- und Urintests bekommen Ärzte und Betroffene Gewissheit. Auf diesem Weg lassen sich die extrem hohen Zuckerwerte bestimmen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass eine Veranlagung, verbunden mit Umwelteinflüssen oder Viruserkrankungen Typ-1-Diabetes auslöst.

Die Behandlung

Weiterhin gilt: Diabetes ist nicht heilbar. Immerhin hat sich aber einiges getan in den vergangenen Jahren. Patienten können heute so fein eingestellt werden, dass sie mit wenigen Einschränkungen leben müssen, sofern sie bedachtsam leben. Sie können und sollen Sport machen, dürfen reisen – und Süßigkeiten essen. Das wichtigste sind die regelmäßigen Blutzuckermessungen und das Insulinspritzen, in beiden Fällen verbunden mit sehr viel Disziplin. Mehrmals täglich muss Insulin zugeführt werden. In der Schule, zu Hause, auf dem Fußballplatz, bei der Party.

Gesundheit Wobei die Bezeichnung „Spritze“ es nicht mehr ganz trifft. Seit einigen Jahren werden Pens eingesetzt, die äußerlich an einen Füllfederhalter erinnern. Darin befindet sich eine Patrone, das Insulin kann damit unauffällig injiziert werden und muss nicht aus einer Ampulle aufgezogen werden. „Diese Pens sind klein und handlich geworden. Außerdem gibt es verschiedene Insulinarten, manche wirken schneller, andere langsamer, man kann das Spritzen nun besser auf seinen Tagesablauf abstimmen“, sagt Katja Konrad.

Aus ihrer Sicht gilt als Faustregel: Schon im Vorschulalter können Diabetes-Kinder lernen, selbst den Blutzucker zu messen. Sind die Kinder zu jung oder schaffen es nicht, kommen täglich Pflegedienste in die Kita oder Schule, um ihnen zu helfen.

Neue Methode

Eine große Erleichterung für viele Diabetiker, vor allem für solche mit Spritzenangst, ist die Insulinpumpentherapie. Hier wird das Insulin über einen im Körper liegenden Katheter abgegeben. Zum Teil können die Insulinpumpen durch eine Fernbedienung gesteuert werden. „Der Katheter muss alle zwei Tage gewechselt werden“, erklärt die Ärztin aus Essen. Etwa 30 Prozent der Diabetes-Kinder nutzten schon diese Pumpentherapie. Mit Hochdruck, so Katja Konrad, forsche die Wissenschaft an neuen Methoden, um die Insulintherapie in Zukunft noch weiter zu erleichtern.

Gesundheit Laut der Deutschen Diabetes-Gesellschaft soll in einigen Jahren eine neue Technologie serienreif sein. Eine künstliche Bauchspeicheldrüse, die Messungen und die Insulingabe automatisch steuert und das ständige Spritzen ersetzt.

Alters-Diabetes beim Kind

Neben dem Typ-1-Diabetes wird auch der Typ-2-Diabetes, der oft von Übergewicht ausgelöst wird, bereits bei älteren Kindern und Jugendlichen registriert – weil es schon in jungen Jahren häufiger zu Übergewicht kommt. „Er ist bekannt als Alters-Diabetes, kann aber durch Fehlernährung auch früher auftreten“, sagt Konrad. Die Deutsche Diabetes-Hilfe geht von etwa 5000 Betroffenen aus – Tendenz steigend. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn diese Form gilt nicht sofort als lebensbedrohlich. Der Stoffwechsel gerate langsam ins Wanken, Kinder hätten häufig kaum Beschwerden, so Katja Konrad. Die effektivste Therapie heißt: Pfunde loswerden.

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