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Warum wir so gern klatschen und tratschen

09.09.2013 | 07:06 Uhr
Warum wir so gern klatschen und tratschen
Hast Du schon gehört? Elf Prozent der Deutschen, ergab eine Umfrage, tratschen jeden Tag.Foto: Getty

Essen.  „Wie seine Haare schon wieder aussehen, als wäre er eben erst aufgestanden. Und diese Klamotten erst.“ – Wir lästern alle. Im Büro, im Café, im Freibad oder auf einer Party. Der Tratsch hat eine wichtige soziale Komponente - er nordet den inneren Werte-Kompass.

„Wie seine Haare schon wieder aussehen, als wäre er eben erst aufgestanden. Und diese Klamotten erst.“ – Wir lästern alle. Mal viel, mal weniger. Im Büro, im Café, im Freibad oder auf einer Party. Doch woher kommt der innerliche Drang, dass wir so gern klatschen und tratschen wie die Waschweiber?

„Eine große Rolle spielt die Selbstpräsentation. Wir wollen uns immer von unserer Schokoladenseite zeigen und bauen deshalb eine menschliche Fassade auf. Wir verhalten uns privat vielleicht ganz anders als beispielsweise im Büro“, erklärt Jörg Bergmann, pensionierter Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld. Schon Kinder würden sich Gedanken machen, welche Klamotten sie tragen, damit die anderen nichts Schlechtes über sie denken. „Der Reiz beim Klatsch liegt darin, dass wir hinter diese Seite der anderen blicken wollen. Wir wollen die Fassade zerstören“, so Bergmann.

Vorgesetzte oder Prominente seien besonders begehrte Klatsch- und Tratsch-Objekte. „Ziel ist es, durch das Gerede über deren Fehltritte, sie wieder auf Normalmaß zurückzuschneiden. Wir haben den Eindruck, indem wir zum Beispiel über die Ehekrisen der Stars tratschen, würden sie wieder mit uns auf einer Stufe stehen. Frei nach dem Motto: Wenn denen so etwas auch passiert. . .“ Ein wesentliches Kriterium beim richtigen Klatsch ist, dass der, über den geredet wird, nicht anwesend ist, aber beide Tratschenden ihn kennen.

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Tratsch als Richtlinien-Diskurs

Früher erfüllte der Klatsch und Tratsch die Rolle der sozialen Kontrolle. Die Leute sprachen über einen, sobald er von der allgemeingültigen Regel abwich. „Durch den Klatsch der Leute sollte man wieder auf den Pfad der Tugend geführt werden.“ Doch Jahre später gibt es nicht mehr die EINE Moral, die EINE Ethik oder die EINE Religion. Der Klatsch als soziale Kontrolle sei abgeschwächt, so Jörg Bergmann. Heute erfülle das Gerede über andere eher eine Unterhaltungsfunktion und eine Richtlinie für unser eigenes Leben. „Während ich über die Fehler anderer spreche, erfahre ich gleichzeitig wie ich mich am besten verhalte und wonach ich mich richten soll.“

Tratschtanten, Waschweiber

Es gibt jede Menge Bezeichnungen für Frauen, die gerne über andere Leute herziehen. Für Männer nicht. „Diese Tatsache ist unserer traditionellen Arbeitsteilung geschuldet“, berichtet der Soziologe. Damals waren die Frauen überwiegend zu Hause als Hausfrau tätig oder zogen als Waschweib von Tür zu Tür. Sie bekamen so jede Menge Einblicke in die Privatsphären ihrer Mitmenschen und hatten dementsprechend viel zu quatschen. Doch Jahre später tratschen die Männer genauso viel wie die Frauen. „Es gibt sogar Kulturen, in denen die Männer als Tratschweiber gelten“, weiß Bergmann.

Soziale Beziehungen und Widersprüche

Nachbarn und Kollegen zählen zu den beliebtesten Zielen aller Tratschtanten. Laut einer Umfrage des Emnid-Instituts für „Reader’s Digest“ tratschen elf Prozent der Deutschen täglich über Nachbarn und Kollegen. 15 Prozent mehrmals die Woche und 18 Prozent einmal die Woche. Neben Nachbarn und Arbeitskollegen ziehen wir am liebsten über Verwandte (15 Prozent), Freunde (14 Prozent) und über den Chef (11 Prozent) her.

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Tratschen ist ein "gesellschaftliches Übel", das Menschen um ihren guten Ruf und sogar um ihren Job bringen kann. So sieht es die größte protestantische Kirche Kandas und will ihren Mitgliedern das Tratschen deshalb untersagen. Von einer Sünde will die Kirche aber nicht sprechen.

Soziale Beziehungen, Erotik und Dummheiten zählen dabei zu den Lieblingsthemen. „Es wird aber auch gerne über Widersprüche hergezogen. Beispielsweise wenn jemand vorgibt, dass er ein ganz toller Hecht sei, es aber in der Realität nicht ist“, fügt der Experte hinzu.

Klatsch als Spiel

Beim richtigen Klatsch und Tratsch sei das Ausmaß der Bösartigkeit eher gering: „Häufig ist es so, dass man das, was man im ersten Satz über jemanden gesagt hat, im zweiten schon wieder gut macht. Bedeutet: der Spaß steht hier im Vordergrund und nicht die Absicht jemandem ernsthaft zu schaden“, berichtet Jörg Bergmann. Doch in vielen Fällen würde aus dem harmlosen Klatsch schnell bösartiges Lästern. „Wichtig ist, sobald man bemerkt, dass ein anderer dieses Spiel in Richtung Mobbing oder Rufmord treibt, sollte man das Lästermaul zur Rede stellen.“

Grundsätzlich empfiehlt der Experte: „Wir können eigentlich froh sein, wenn über uns geredet wird, denn schließlich wissen wir dann, dass wir Interesse wecken und Teil des Netzwerkes sind.“

Rebecca Engelbert


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