Warum sich Vegetarier zunehmend im Trend fühlen

Laut Thomas Schönberger, Vorsitzender des Vegetarierbundes Deutschland, ernähren sich im Schnitt etwa acht Prozent der Bevölkerung in Deutschland vegetarisch.
Laut Thomas Schönberger, Vorsitzender des Vegetarierbundes Deutschland, ernähren sich im Schnitt etwa acht Prozent der Bevölkerung in Deutschland vegetarisch.
Foto: Ute Gabriel
Was wir bereits wissen
Vegetarisch leben wird zunehmend akzeptiert. Das berichtet der Vegetarierbund Deutschland (VEBU). In dieser Woche feiert der Verband sein 120. Jubiläum. Vorsitzender Thomas Schönberger spricht im Interview über den Lebensstil und den Imagewandel von Vegetariern.

Hamburg/Berlin.. Vom Exotendasein in die Mitte der Gesellschaft: Fleischlos zu essen stößt dem Vegetarierbund Deutschland (VEBU) zufolge zunehmend auf Akzeptanz. Der Verein will mit seiner Arbeit erreichen, dass Fleisch mehr und mehr vom Speiseplan der Deutschen weicht. Am Donnerstag, 7. Juni, feiert der Vegetarierbund Deutschland seinen 120. Geburtstag. Im Interview spricht VEBU-Vorsitzender Thomas Schönberger über das Image von Vegetariern, ihren Lebensstil sowie die Forderungen seines Verbandes.

Herr Schönberger, wie sieht der klassische Vegetarier heute aus?

Thomas Schönberger: Von ihrem Lebensstil und ihrem Lebensmilieu her können Vegetarier sehr unterschiedlich sein. Sie eint, dass sie für sich entschieden haben, dass sie zunächst deutlich weniger Fleisch essen oder vegetarisch leben wollen. Aber es gibt eine ganz grobe Tendenz: Weiblich, jung, gebildet, städtisch und im Westen lebend – das ist die Speerspitze der vegetarischen Bewegung. Das ist nur eine Annäherung, aber eine grobe Achse, die zutrifft. Frauen sind am Thema Ernährung immer noch näher dran als Männer. Im Schnitt ernähren sich etwa acht Prozent der Bevölkerung in Deutschland vegetarisch. Frauen allein liegen bei über zehn Prozent und Männer bei deutlich unter acht Prozent.

Wo leben Vegetarier besonders häufig?

Schönberger: Berlin ist die Hauptstadt der vegetarischen Idee. Generell gibt es mehr vegetarisch lebende Menschen in großen Städten. Das Ruhrgebiet ist auch deshalb eine vegetarische Hochburg, weil es dort eine sehr umtriebige Tierrechtsszene gibt.

Seit 1892 gibt es den Vegetarierbund in Deutschland - wie hat sich das Image des Vegetariers in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Schönberger: Das Bild der Vegetarier hat sich von einer Position am Rande der Gesellschaft, die zum Teil auch bewitzelt wurde oder als schräg, extrem oder weit weg von der eigenen Lebenswirklichkeit wahrgenommen wurde, stark gewandelt. Vegetarier sind auf dem Wege Trendsetter zu sein - zumindest gibt es die deutliche Tendenz, dass es in der Gesellschaft immer mehr akzeptiert ist, dass man weniger Fleisch essen sollte und dass die Art, wie wir mit Tieren umgehen, unwürdig ist. Das ist mittlerweile fast Konsens.

Was hat den Erfolg der vegetarischen Bewegung, ihre Ideale der Gesellschaft zu vermitteln, geschmälert?

Schönberger: Teile der vegetarischen Bewegung - das betrifft nicht nur unseren Verband - sind in der Vergangenheit häufig zu absolut, zu ideologisch, zu kategorisch und dogmatisch aufgetreten, unversöhnlich vielleicht sogar und nicht so offen, wie wir jetzt arbeiten. Wir wollen heute niedrigschwellig, eher pragmatisch und einladend auftreten und damit die Menschen dort abholen, wo sie sind. Es entstand oft der Eindruck, dass der vegetarisch oder vegan lebende Mensch etwas latent Unmenschliches hat, weil er die Aura ausstrahlt, er würde permanent immer nur richtig und vernünftig handeln und sich auch immer richtig ernähren. Das war eher abschreckend, als einladend.

Ist der Fleischkonsum heute noch zeitgemäß?

Schönberger: Es ist schon manchmal bedrückend zu sehen, wie in einer vermeintlich aufgeklärten und humanistisch orientierten Gesellschaft Tiere zu Zigtausenden eingesperrt sind, nie die Sonne sehen oder das Gras und den Regen riechen, nur eine sehr kurze Lebensspanne haben und die Hölle des Schlachthofes erleben müssen, damit bei uns ein wenig der Gaumen gekitzelt werden kann. Und es ist ja wissenschaftlich belegt, dass Tiere leiden und Freude empfinden können. Das ist schon sehr unverhältnismäßig und hat etwas Unwürdiges.

Was fordert der Vegetarierbund?

Schönberger: Wir möchten ein neues gesellschaftliches Paradigma etablieren, das formuliert, dass wir nicht jeden Tag Fleisch essen, sondern es mindestens zur Beilage wird. Wir sind da relativ optimistisch. Am Beispiel Rauchen kann man sehen, wie nach einer gewissen Vorlaufzeit es dann gesellschaftlich kippte. Rauchen hat heute eher ein Negativimage - davor galt Rauchen eher cool, international und elegant. Das hat sich in relativ kurzer Zeit verändert.

Ein Blick in die Zukunft: Wie wird es auf den Speisetellern der Deutschen in Zukunft aussehen?

Schönberger: Ich glaube, dass sich die Gesellschaft dorthin entwickelt, dass sie sagt: Deutlich weniger Fleisch essen ist richtig. Das sieht man auch daran, dass diese Position immer mehr von Menschen vertreten wird, die außerhalb des vegetarischen Milieus auftreten. Meine These ist: In hundert Jahren wird man wahrscheinlich rückblickend den Kopf schütteln, wie es sein konnte, dass man leidensfähige, empathische und freundliche Wesen eingesperrt hat, um sie zu essen. (dapd)