Warum Frauen anders krank werden als Männer

Bei Krankheiten ticken Frauen und Männer unterschiedlich.
Bei Krankheiten ticken Frauen und Männer unterschiedlich.
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Was wir bereits wissen
Symptome, Risikofaktoren und Verläufe von Krankheiten sind oft geschlechtsspezifisch. Die „Gendermedizin“ setzt sich mit diesen Unterschieden auseinander.

Essen.. Männer und Frauen sind unterschiedlich – das wissen Modedesigner, Kosmetikhersteller, Werbestrategen, Filmemacher. Nur in der Medizin wird diese Selbstverständlichkeit nach wie vor oft unterschätzt. Obwohl sie hier wohl die weitreichendsten Folgen hat.

Kindergesundheit Denn manchmal sind es diese biologischen Unterschiede, die überhaupt erst zu einer Krankheit führen – oder eben nicht. Gesundheitliche Risikofaktoren könnten sich bei Frauen anders auswirken als bei Männern, sagt Gudula Ward, die sich als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Landeszentrum Gesundheit NRW mit einem noch recht jungen Gebiet der Medizin beschäftigt: der sogenannten „Gendermedizin“.

Hormonstörungen beispielsweise führten bei Frauen häufiger zu ernsthaften Erkrankungen als bei Männern, außerdem reagierten sie empfindlicher auf Nikotin oder erhöhte Blutzuckerwerte.

Unterschiedliche Wahrnehmung

Hinzu komme, dass Männer ihren Gesundheitszustand oft irrtümlich zu gut einschätzten, so Gudula Ward. Gerade bei psychischen Erkrankungen spiegelt sich das auch in der Diagnose wider – Depressionen etwa werden bei Frauen weitaus häufiger festgestellt, die Selbstmordraten jedoch fallen bei Männern höher aus. „Hier stellt sich die Frage: Sind Frauen häufiger depressiv oder suchen Männer bei depressiven Verstimmungen seltener professionelle Hilfe?“

WAZ-Medizindialog Das Bedürfnis nach einer spezifisch männlichen und spezifisch weiblichen Medizin wächst – was auch mit dem demografischen Wandel zusammenhängt: Die Bevölkerung altert – und da alte Menschen naturgemäß häufiger mit Krankheiten zu kämpfen haben als junge, treten auch die Unterschiede zwischen Männer- und Frauengesundheit immer deutlicher hervor. So werden mittlerweile auch bei Männern Krankheiten diagnostiziert, die früher als typische Frauenleiden galten, wie zum Beispiel Osteoporose. Die Ursachen dieser Erkrankung sind bei Männern wiederum oft andere als bei Frauen.

Bei Frauen kann sich ein Herzinfarkt mit untypischen Symptomen ankündigen

Im Bezug auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen wachse das Bewusstsein dafür, dass diese heute für Frauen eine der Haupttodesursachen darstellten, so Gudula Ward. Laut Deutschem Herzbericht 2013 bestehen außerdem große Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was das Risiko der jeweiligen Erkrankung angeht: Während Frauen häufiger an Herzschwäche sterben, ist für Männer der akute Herzinfarkt am gefährlichsten. Auch die Symptome sind mitunter geschlechtsspezifisch: „Bei Frauen kann sich ein Herzinfarkt oft mit ganz untypischen Symptomen ankündigen, wie Übelkeit, Erbrechen, Beschwerden im Oberbauch oder im Kiefer und Halsbereich“, erklärt Gudula Ward.

Therapie Trotz all dieser Erkenntnisse ändern sich die Strukturen nur langsam: „Noch immer werden Frauen Medikamente verordnet, deren Dosierung sich auf einen etwa 75 Kilo schweren Mann bezieht“, sagt Gudula Ward. Tatsächlich durften Frauen in Deutschland noch bis Anfang 2000 konsequent aus medizinischen Studien ausgeschlossen werden. Patientinnen bekamen also Medikamente, die ausschließlich an Männern erprobt worden waren. Bei Tierversuchen würden Wirkstoffe bis heute in der Regel an männlichen Versuchstieren getestet, so Gudula Ward.

Bekannt ist aber, dass sich die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht nur auf deren Gesundheit auswirken, sondern auch darauf, wie Wirkstoffe aus Arzneien vom Körper aufgenommen werden.

Unbekannte Nebenwirkungen bei Herzmedikament

So trägt der Hormonhaushalt wesentlich dazu bei, dass Medikamente vom weiblichen Organismus anders verstoffwechselt werden als vom männlichen. Ein Beispiel: 1997 testete man ein Herzmedikament an männlichen Probanden – mit Erfolg. Die Wiederholung des Tests im Jahre 2002 an einer gemischten Gruppe zeigte jedoch, dass das Präparat bei Frauen bislang unbekannte Nebenwirkungen auslöste.

Auch Antidepressiva wirken laut der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtsspezifische Medizin (DGesGM) bei Frauen anders. Nebenwirkungen von Chemotherapeutika sind bei ihnen intensiver. Und einige Medikamente gegen rheumatische Erkrankungen haben sich bei Männern als zuverlässiger erwiesen als bei Frauen.

Doch alles in allem sei die Datenlage „mangelhaft“, kritisiert Gudula Ward: „Wir benötigen mehr Evidenz durch Studien, die schon in der Planungsphase geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigen.“ Neben Diagnostik und Therapien sollten auch Präventionsangebote besser auf geschlechtsspezifische Differenzen zugeschnitten sein. Denn das würde laut Expertenmeinung letztendlich auch ökonomisch von Vorteil sein: Erkrankungen könnten besser und schneller diagnostiziert werden, Therapien personalisierter und damit effektiver durchgeführt werden.