Virengefahr im Trinkwasser der Ruhr

Problemfall Hochwasser: Wenn Kläranlagen überlaufen, kann mit Fäkalien belastetes Wasser in die Ruhr gelangen. Foto: Blossey
Problemfall Hochwasser: Wenn Kläranlagen überlaufen, kann mit Fäkalien belastetes Wasser in die Ruhr gelangen. Foto: Blossey
Foto: Hans Blossey
Was wir bereits wissen
Experten warnen in einem Bericht an die Landesregierung vor der Gefahr von Viren und Darmkeimen im Trinkwasser der Ruhr. Fazit: Entlang der Ruhr, aus der Millionen Menschen trinken und in die das Abwasser von Industrie und Haushalten rauscht, reichen die Verfahren zur Überwachung des Trinkwassers nicht mehr aus.

Essen.. Die derzeitige Technik in Kläranlagen und Wasserwerken entlang der Ruhr reicht nicht aus, um Viren, Darmkeime und andere Krankheitserreger vollständig aus dem Trinkwasser von Millionen Menschen zu entfernen. Davor warnen Wissenschaftler in einem Bericht an die Landesregierung. „Wir wiegen uns in falscher Sicherheit“, sagte Prof. Martin Exner, Chef der deutschen Trinkwasserkommission.

Exner warnte, dass die üblichen Verfahren zur Überwachung der Hygiene veraltet seien. Bei Viren fehle es an Wissen und Analyseverfahren. Es könne nicht sicher attestiert werden, ob Trinkwasser frei von Krankheitserregern sei. „Dies ist mit erheblichen Risiken für die öffentliche Gesundheit verbunden und daher nicht mehr akzeptabel.“

Aus Sicht der Experten müssen insbesondere Wasserwerke an der mittleren Ruhr von Dortmund bis Mülheim mit mehrstufigen Sicherheitsbarrieren ausgerüstet werden. Auch sollten in Kläranlagen feinere Filter installiert werden. „Wir haben uns in der Vergangenheit sehr stark nur auf Risiken durch chemische Schadstoffe konzentriert“, kri­tisiert Exner.

Umweltminister Johannes Remmel (Grüne) will die Wasserversorger nun schneller zu Investitionen bewegen. In den kommenden zwei Wochen sollen in Gesprächen Fristen zur Nachrüstungen ausverhandelt werden.

Horrorvision wurde 1993 in Milwaukee Wirklichkeit

Es ist der Alptraum der Wissenschaftler: Krankheiten, die durch das Trinkwasser übertragen werden. 1993 wurde in Milwaukee eine Horrorvision Wirklichkeit. In der Industriestadt im Norden der USA schmuggelte sich ein tückischer Darmparasit durch ein Leck im Filtersystem der Kläranlagen und verseuchte das Trinkwasser der Millionstadt. 400 000 Menschen kämpften tagelang mit Durchfall, Fieber und Bauchkrämpfen, 70 starben.

Milwaukee ist weit weg, doch das Thema brennt auch hier in NRW.

Seit ein paar Wochen nun liegt im Umweltministerium von NRW ein Expertenbericht über den Stand der Trinkwasseraufbereitung an der Ruhr vor. Das Papier birgt Zündstoff und dürfte in der Wasserwirtschaft heftige Diskussionen auslösen. Erstmals warnen Experten die Behörden vor Gefahren durch Viren, Bakterien oder Parasiten im Wasser – vom klassischen Darmkeim bis hin zu den tüc­kischen Noroviren, die Brechdurchfall und Schlimmeres auslösen können. Fazit: Entlang der Ruhr, aus der Millionen Menschen trinken und in die das Abwasser von Industrie und Haushalten rauscht, reichen die Verfahren zur Überwachung des Trinkwassers nicht mehr aus.

„Wir müssen davon ausgehen, dass jedes Oberflächenwasser und insbesondere Flussgewässer wie die Ruhr, in die Abwässer eingeleitet werden, mit Viren und anderen Krankheitserregern belastet werden“, sagt Prof. Exner. Er ist Kopf der Expertenkommission, die Umweltminister Remmel nun eindringlich mahnt: Zwar besage die Trinkwasserverordnung, dass Wasser für den menschlichen Gebrauch frei von Krankheitserregern sein müsse. Das aber könne so nicht mehr garantiert werden: „Aus hygienisch-medizinischer Sicht ist das mit Risiken für die öffentliche Gesundheit verbunden und daher nicht akzeptabel.“

Modernisierung der Trinkwasseraufbereitung gefordert

Konkret fordert Exner eine Art „Masterplan Wasser“, eine grundlegende Modernisierung der Trinkwasseraufbereitung nach den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation. Vier Wasserinstitute sollen Umwelt- und Gesundheitsämter beraten sowie Wasserversorger bei Zwischenfällen unterstützen. Zentraler Pfeiler: Die umfassende technische Aufrüstung von Wasserwerken und Kläranlagen auf den neuesten Stand. Mehrstufige Sicherheitsbarrieren wie etwa ultrafeine Filter, UV- Desinfektion oder Aktivkohle-Aufbereitung kombiniert mit der Desinfektion durch Ozon sollen Viren und andere Erreger aus dem Wasser fernhalten.

Ein derartiges mehrstufiges Barrieresystem aber fehlt an der mittleren Ruhr, also von Dortmund bis Mülheim. Das Fatale: Gerade hier liegen die Ballungszentren. Ein weiteres Problem: Bei starken Regenfällen laufen immer wieder Kläranlagen über. Ungereinigtes, mit Fäkalien belastetes Wasser gelangt in den Fluss.

Investitionen von über 150 Millionen stehen seit Jahren zur Debatte

„Das Eis an der mittleren Ruhr ist dünner“, sagte Umweltminister Remmel. Sein Ministerium sieht in diesem Bereich „eindeutigen Handlungsbedarf“: Im Bereich der oberen Ruhr sei die Verunreinigung mit Keimen aus der Landwirtschaft ein großes Problem gewesen. Der Einsatz von moderner Aufbereitungstechnik mittels Ultrafiltration beim Trinkwasserversorger „Hochsauerlandwasser“ habe dem Rechnung getragen. „Eine in der Leistung und dem sicheren Abscheidegrad vergleichbare Technik muss auch an der mittleren Ruhr flächendeckend verwirklicht werden.“

Investitionen von über 150 Millionen stehen seit Jahren zur Debatte, verzögerten sich an der mittleren Ruhr immer wieder. Im Mittelpunkt stehen die Wasserwerke Westfalen, Tochter des größten Wasserversorgers Gelsenwasser. Vertreter der Werke, des Ministeriums und der Bezirksregierung Arnsberg verhandeln nun über kürzere Fristen, um die Anlagen auf den Stand der Technik zu bringen. Exner erhofft sich am Ende ein „System, das sicheres Trinkwasser für die nächsten fünfzig Jahre gewährleistet“. In Düsseldorf und Arnsberg sieht man das als Jahrhundertaufgabe.

Kommentar: Zeit zum Handeln