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Brustkrebs-Blog

"Meine neue Brustwarze wird das I-Tüpfelchen"

20.02.2009 | 08:04 Uhr
"Meine neue Brustwarze wird das I-Tüpfelchen"

London. Als Lisa Lynch 28 war, stellten Ärzte bei ihr Brustkrebs fest. Was diese Diagnose mit ihrem Leben machte, hält die Engländerin seitdem in ihrem Blog "AlrightTit" fest. Das Ergebnis ist lesenswert - denn Lynch bloggt mal tiefsinnig, mal saukomisch und immer radikal ehrlich.

Da wir uns über Twitter kennengelernt haben: Können Sie in 140 Zeichen sagen, wer Sie sind und was Sie tun?

Lisa Lynch: Ich bin Lisa Lynch. Ich bin 29. Ich schreibe, ich blogge und ich kämpfe mich durch eine Brustkrebserkrankung der Stufe drei. Langsam wird’s.

Haben Sie schon gebloggt, ehe bei Ihnen Krebs diagnostiziert wurde?

Lisa Lynch: Nein. Was Technik anging, war ich sogar ein ganz klein wenig zurückgeblieben und hatte keine wirkliche Ahnung, was dieses Geblogge sollte. Ich ging davon aus, dass es so eine Art Tagebuchschreiben war. Und da ich a) meine Erfahrungen mit dem Brustkrebs festhalten wollte und b) eine furchtbare Handschrift habe, bin ich zum Tagebuchschreiben online gegangen und habe die Welt der Blogs entdeckt. (Andere würden Blogosphäre dazu sagen, aber bei dem Begriff läuft es mir eiskalt den Rücken herunter.)

Sollte ich Schuldgefühle haben, weil ich Ihr Blog extrem unterhaltsam finde und oft laut lachen muss beim Lesen?

Lisa Lynch: Ach du Schande, nein. Wenn überhaupt, dann sollten Sie Schuldgefühle haben, weil Ihr Kompliment mir zu Kopfe steigt.

Haben Sie beim Bloggen noch ein anderes Ziel außer dem, sich Luft zu machen?

AlrightTit, das Blog von Lisa Lynch

Lisa Lynch: Mein Blog „AlrightTit“ war am Anfang etwas, womit ich meine Freunde und Verwandten über meine Krebsbehandlung auf dem Laufenden halten wollte. Wenn du Krebs hast – oder heiratest, ein Baby bekommst oder umziehst - stellen dir Leute meist immer wieder dieselben Fragen, und das hier war eine einfache Art, mich selbst nicht täglich mit denselben Krebs-Gesprächen zu belasten.

Im Laufe der Zeit haben sich die Ziele um einiges geändert. Erst mal habe ich jetzt etwas anderes, über das ich nachdenken kann anstelle des Offensichtlichen. Manchmal wache ich sogar mitten in der Nacht auf, weil ich an das Blog denke – und nicht an den Brustkrebs. Da ich mich außerdem schriftlich deutlich besser ausdrücken kann als im Gespräch, war dies manchmal der einzige Weg, loszuwerden, was ich – wenn Sie den Kalauer verzeihen – auf dem Herzen hatte. Das war ungemein erlösend.

Wissen Sie, wer Ihre Leser sind?

Lisa Lynch vor der Operation. Foto: privat

Lisa Lynch: Anfangs waren es die Menschen, die mir am nächsten stehen. Aber seit einige Zeitschriften, andere Blogger, Facebook-Mitglieder und Twitterer das Thema aufgegriffen haben, verfolge ich mit Interesse, was für eine wunderbare, vielfältige Mischung an Menschen „AlrightTit“ liest. Ich hatte es mir auch immer als Blog für Mädels vorgestellt – ehrlich gesagt auch vor allem für Britinnen – aber glücklicherweise lag ich da möglicherweise falsch.

Sie berichten detailliert über Ihr Leben, von Körperfunktionen bis zu Existenzängsten. Ich hätte eher gedacht, dass das Bedürfnis nach mehr Privatsphäre wächst, wenn eine Horde von Ärzten und Krankenschwestern in das Leben eindringen.

Lisa Lynch: Bei vielen Leuten ist das auch so. Woche für Woche wird man ausgezogen, untersucht, es wird an einem herumgepiekt und gepult, und zwar nicht so, dass es Spaß macht – das hat meine Privatsphäre ziemlich zerfressen. Von Anfang an habe ich gesagt, dass ich brutal ehrlich über meine Erfahrungen schreiben will – denn was soll sowas sonst? Und mit diesem Vorsatz im Hinterkopf war es mir wichtig, wirklich über alles zu bloggen - von Körperfunktionen bis zu Existenzängsten und dem ganzen unermesslichen Drum und Dran, das Krebs mit sich bringt. Beim „Einchecken“ für den Krebs gibt man seine Eitelkeit an der Tür ab, das habe ich schon oft gesagt. Und bis zu einem gewissen Punkt ist das mit der Privatsphäre auch so.

Gibt es Themen, über die Sie nicht bloggen bzw nicht bloggen würden?

AlrightTit beim Mikroblogging-Dienst Twitter

Lisa Lynch: Was meine Erfahrungen angeht, die Nebenwirkungen der Behandlung, die Gefühle – nein. Aber ich habe einen starken Beschützerinstinkt, was die Menschen in meinem Umfeld angeht, vor allem meinen Mann und meine nächsten Verwandten. Natürlich sind sie genau so Teil dieser ganzen Sache, wie ich es bin, also kommen sie auch im Blog vor, aber eben nur so weit, dass ich keine privaten Momente beschreibe, die wir gemeinsam erlebt haben. Und manche Dinge erzähle ich einfach nicht aus voller Brust – noch ein Kalauer – wie etwa Begebenheiten aus dem Familienleben, die Namen meiner Ärzte und so weiter.

Stephen Fry hat sie als „die führende Internet-Krebs-Tussi“ betitelt. Aber heißt das nicht, zuzulassen, dass die Diagnose bestimmt, wer man ist?

Lisa Lynch: So lange der Krebs einen im Griff hat, ist es nun mal so, dass die Krankheit bestimmt, wer man ist. Nicht, weil man es will, sondern weil einfach kein Platz mehr ist für irgendetwas anderes. Ein wichtiger Kampf steht, glaube ich, dann an, wenn die Behandlung vorüber ist: der Kampf, nicht zuzulassen, dass der Krebs bestimmt, wer du dein ganzes Leben lang bist. An diesem Punkt bin ich jetzt. Ich möchte von „das Mädchen, das Krebs hat“ zu „das Mädchen, das den Krebs besiegt hat“ werden. Und dann – noch besser – nur noch „das Mädchen“.

Und was kommt nun, da Ihre Behandlung vorbei ist? Ist das das Ende des Blogs?

Lisa Lynch: Meine aktive Behandlung ist vorbei, aber meine Erfahrungen mit dem Krebs sind es nicht. Ich brauche noch die ein oder andere Operation, um meine kaputte Brust zu reparieren (die Ärzte nennen das anders, aber ich will es dem Leser ja einfach machen), und danach bekomme ich – das wird das Tüpfelchen auf dem I – eine neue, extra für mich angefertigte Brustwarze.

Die Bloggerin mit Perücke nach Brust-OP und Krebsbehandlung. Foto: privat

Dass "AlrightTit" im Laufe dieses Jahres irgendwann enden muss, steht fest – warum habe ich ja schon in meiner vorigen Antwort gesagt. Aber ich finde es wichtig, jetzt, wo die aktive Behandlung vorbei ist, das Blog nicht einfach urplötzlich auszubremsen. Krebs bringt dich ziemlich durcheinander – was dein Aussehen angeht, deine Gedanken, deine Ansichten und deine Zukunft. Deshalb finde ich es wichtig, dass es in meinem Blog genau so sehr darum geht, wie man den Krebs überwindet und nicht nur, wie man ihn durchlebt. Und wenn AlrightTit dann irgendwann tatsächlich endet, beginnt ein neues Blog – ich muss einiges an Spaß nachholen, ich muss 30 werden, also werde ich sicher andere Themen finden, über die ich bloggen kann.

Eins noch zum Schluss: Wenn Sie ein Blog zum Lesen und einen Twitterer zum Folgen empfehlen könnten, welche wären es?

Lisa Lynch: Bei den Blogs muss ich „Bete de Jour“ sagen. Unter dem Motto "Handbuch eines hässlichen Mannes für das Leben, die Liebe und das Glück“ bloggt dort Stan Cattermole über seinen Versuch, innerhalb eines Jahres so richtig abzunehmen und die große Liebe zu finden. Es ist wahnsinnig komisch und erschreckend gut geschrieben – und so aufschlussreich persönlich, dass man es ehrlich gesagt manchmal nur erträgt, wenn man sich beim Lesen hinter einem Kissen versteckt. Aber es ist um Längen das beste Blog, das ich je gesehen habe. Bei Twitter ist es, jetzt mal abgesehen vom Großmeister @stephenfry (dem man ja, soweit ich weiß, inzwischen gesetzlich verpflichtet ist zu folgen), ein Patt zwischen zwei lieben und sehr komischen Freunden von mir: @quarkmonkey und @Wardotron. Guter, altmodischer britischer Zynismus in seiner schönsten Mikroblogging-Form.

Mehr zum Thema:

Katrin Scheib

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Kommentare
19.02.2009
22:15
Meine neue Brustwarze wird das I-Tüpfelchen
von katrin.scheib | #6

@kaltmamsell

Nichts zu danken - versprochen ist versprochen!

19.02.2009
20:24
Meine neue Brustwarze wird das I-Tüpfelchen
von kaltmamsell | #5

Vielen Dank für das Interview - und den persönlichen Hinweis auf Twitter.

19.02.2009
14:32
Meine neue Brustwarze wird das I-Tüpfelchen
von derHebie | #4

Coole Frau. Ich sags ja immer, die spinnen die Briten und das macht sie so sympathisch. Ich ziehe meinen Hut vor dieser Frau.
Mein Vater hat zwar den Kampf gegen den Krebs, aber nie den Humor verloren. Auch und gerade dafür habe ich ihn geliebt.

Ich hoffe, dass Frau Lynch den Kampf gegen dieses miese kleine Frettchen ,Zitat von meinem Vater, gewinnt und ihm zeigt, nicht jeder den er erst hoffnunsglos macht, ist auch bereit sich kampflos zu ergeben.

Frau Lynch alle Kraft der Welt und immer einen echt guten Kalauer auf den Lippen....

19.02.2009
13:59
Meine neue Brustwarze wird das I-Tüpfelchen
von Habanerrana | #3

Der Krebs nimmt dem Patienten ne Menge lebenslust weg und ich finde es klasse , selbst in tiefsten Momenten der Krankheit positiv gestimmt und witzig zu sein. Hut ab! ALLES GUTE !!

19.02.2009
13:46
Meine neue Brustwarze wird das I-Tüpfelchen
von katrin.scheib | #2

@Kellerhoff

Die hohe Busen-Gag-Dichte kommt direkt von Lisa Lynch, die neben allem, was sie sonst noch auszeichnet, eine große Kalauerkönigin vor dem Herrn ist. Sie hantiert ständig mit Ausdrücken wie get it off my chest, keep something close to your chest und thematisiert diese Witzchen auch. Ich finde ihren Humor klasse und habe mich beim Übersetzen um ähnlich kalauerige Formulierungen bemüht. Das i-Tüpfelchen-Zitat heißt im Original the cherry on the cake will be getting a new, custom-made nipple.

19.02.2009
12:29
Meine neue Brustwarze wird das I-Tüpfelchen
von Kellerhoff | #1

Bei allem Respekt vor dem Thema und den davon betroffenen Patientinnen:
Diese Überschrift erinnert mich an übelstes BLÖD-Niveau. Fehlt jetzt noch der Folgebeitrag: Seit ich ihr neues Tüpfelchen gesehen habe, liebe ich meine Frau noch mal so viel!.
Pfui Deibel!

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