Mit der richtigen Strategie Diabetes ausbremsen

Eine mediterrane Ernährungsweise kann auch bei Diabeteserkrankungen einen positiven Effekt haben.
Eine mediterrane Ernährungsweise kann auch bei Diabeteserkrankungen einen positiven Effekt haben.
Foto: Getty
Was wir bereits wissen
Neue und individuelle Therapieansätze sollen helfen, den „Zucker“ in den Griff zu bekommen. Auch gesunde Ernährung spielt dabei eine wichtige Rolle.

Düsseldorf.. Rund sechs Millionen Diabetiker leben in Deutschland, bis 2030 werden es acht Millionen sein. Das schätzt das Deutsche Zentrum für Diabetesforschung. Bei Tagungen wie dem Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin oder dem „Diabetes Update“ in Düsseldorf diskutieren tausende von Ärzten neue Behandlungsansätze. Experten stellen Beispiele für aktuelle Entwicklungen in der Therapie vor – einige von ihnen sind umstritten.

Kindergesundheit Jeder Diabetespatient hat seine eigene Vorgeschichte, unterschiedliche Risiken und Komplikationen. Deshalb bekommen personalisierte Präventions- und Behandlungskonzepte mehr Bedeutung. Das sagt Professor Norbert Stefan, Kongresspräsident des Diabetes Kongresses 2015 und Leiter der klinisch-experimentellen Diabetologie am Universitätsklinikum Tübingen.

So verändert sich die Therapie

Schon jetzt wird anders behandelt als vor einigen Jahren. „Wir Diabetologen waren der Ansicht, dass Typ 2-Patienten am besten geholfen werde, je früher sie Insulin bekämen“, erzählt Professor Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrum (WDGZ) in Düsseldorf. „Inzwischen ist klar, dass dies nicht der richtige Weg ist. Die frühe Insulingabe fördert das Hungergefühl. Es macht diejenigen, die viel spritzen, noch dicker und die Krankheit entwickelt sich erst richtig.“ Zudem entstehe nach einer Insulinspritze schnell eine Unterzuckerung. Martin: „Das bedeutet, der Blutzucker sinkt rapide ab.“

WAZ-Medizinforum Die schlimmste Folge nach seinen Worten: Das Gehirn schaltet ab, der Patient fällt in Ohnmacht. „Eine Behandlung sollte heute in der Regel mit einer Veränderung des Lebensstils starten“, sagt der Experte. „Wer sich mehr bewegt und weniger isst, kann auf diese Weise erreichen, dass der Blutzucker in einem normalen Maße sinkt. Das hat die chinesische Da Qing-Studie über einen Zeitraum von 20 Jahren bewiesen. Moderne, kostspielige Medikamente können die Therapie unterstützen.“ Seine Kollegen melden in einigen Fällen Zweifel an: Auf dem Diabetes Kongress in Berlin wurden Studien vorgestellt, laut denen nicht jeder Patient von einer Lebensstiländerung profitierte. Der mögliche Grund: Genetische Veränderungen, welche die Insulinwirkung und die Insulinproduktion bei den Betroffenen beeinflussen.

Die Rolle der Ernährung

Was sollen wir essen, um das Übergewicht als Diabetes-Ursache in den Griff zu bekommen – wenig Fett? „Nicht unbedingt“, sagt Martin und führt eine Studie zur mediterranen Ernährung an, die zeigt: Olivenöl und Nüsse gehören auf den Speiseplan, will man die Entwicklung von Diabetes ausbremsen sowie das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle vermindern. Sein Credo: Möglichst wenige Kohlenhydrate aufnehmen, um mit einem geringen Anstieg des Blutzuckers und damit einem niedrigen Insulinspiegel durch den Tag zu kommen. So entsteht nicht ständig wieder Lust aufs Essen. „Low-Carb“ oder mediterrane Kost sind dazu die Stichworte – mehr Gemüse und Vollkornprodukte, und statt rotem Fleisch Geflügel sowie Fisch servieren. Eine proteinhaltige, kohlenhydratarme Formuladiät kann laut Stephan Martin der Weg zu einer Umstellung der Ernährung sein. Tipp vom Experten für alle Diabetiker, die genau überprüfen wollen, ob sie sich gesund ernähren: anderthalb Stunden nach der Mahlzeit den Blutzuckerwert messen. Bleibt er niedrig, war’s die richtige Kost.

Wer es trotz Beratung und Schulung nicht schafft, den „inneren Schweinehund“ zu überwinden – also schwergewichtig und wenig beweglich bleibt – dem wird heute in zertifizierten Adipositas-Zentren von erfahrenen Chirurgen häufig ein sogenannter Magenbypass eingesetzt. Dabei trennen die Spezialisten einen kleinen Teil des Magens ab und verbinden ihn mit dem Dünndarm. Eine andere Möglichkeit ist es, mehr als 1000 Milliliter des Magens zu entfernen, so dass ein rund zeigefingerdicker Schlauchmagen entsteht. „Eine gute Möglichkeit für Diabetiker, ihren Blutzuckerwert deutlich zu verbessern“, sagt Diabetologe Stephan Martin.

„Die Nachsorge nach diesem Eingriff ist jedoch nicht einfach. Außerdem gibt es Erkenntnisse, dass bei Operierten die Selbstmordrate steigt und dass diese mehr Alkohol trinken.“

Überaus skeptisch betrachtet der Professor das „Endobarrier“-Verfahren: Dabei führen Ärzte mit einem Endoskop einen Plastikschlauch in den Körper ein und befestigen ihn an einem Teil des Dünndarms. „Der Speisebrei fließt hindurch und der Körper nimmt ihn gar nicht erst auf“, so beschreibt der Diabetologe das Prinzip dieses Medizinproduktes, das zum Teil von Krankenkassen bezahlt wird. „Dabei gibt es in den USA schon Bedenken, weil Leberabszesse bei Patienten festgestellt wurden. Vermutlich stecken Bakterien dahinter, die über die Befestigungshaken im Darm in die Leber gelangen.“