Machen uns Lebensmittel-Verpackungen krank?

Schneller Snack auf die Hand: Auch Plastikschälchen werden von den Kontrolleuren unter die Lupe genommen.
Schneller Snack auf die Hand: Auch Plastikschälchen werden von den Kontrolleuren unter die Lupe genommen.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Neues aus der Giftküche: Können aus Plastiktellern, Backförmchen oder Filterpapier krankheitserregende Stoffe in die Lebensmittel gelangen?

Essen.. Wenn wir ein Grillwürstchen auf einem Plastikteller servieren, Kaffee aufbrühen oder einen Muffin backen, denken wir meist nicht darüber nach, ob über den Teller, das Filterpapier oder das Förmchen gesundheitsschädliche Stoffe in unsere Lebensmittel übergehen. Staatlich geprüfte Lebensmittelchemiker prüfen genau das. Und wenn sie etwas finden, dann schauen Experten wie Dr. Olivier Aust, Vorsitzender des Regionalverbandes NRW der Lebensmittelchemischen Gesellschaft, genau hin – bis Grenzwerte festgelegt oder Verbote ausgesprochen werden können.

Welche gefährlichen Stoffe können auf Nahrungsmittel übergehen?

In der letzten Zeit wurden verschiedene Fälle bekannt. „Zum einen fand sich eine bestimmte Gruppe von Mineralölen in Reis oder Nudeln, die direkten Kontakt mit den bedruckten Recyclingkartons hatten, in die sie verpackt waren. Solche Mineralöle haben wir jetzt auch in Kaffeefilter-, Backpapier und Muffinförmchen entdeckt“, sagt Dr. Olivier Aust. „Zum anderen kam die chemische Substanz Bisphenol A verstärkt in die Kritik. Sie findet sich bei uns in Kunststoffverpackungen, Plastiktellern und Trinkbechern oder im Thermopapier von Kassenzetteln.“

Wie geschieht dies – und was können die Folgen für die Gesundheit sein?

Dr. Aust spricht von Migration oder Transfer, beides funktioniert durch direkten Kontakt zwischen Karton, Plastikteller oder dem Förmchen, in dem das Lebensmittel steckt oder auf dem es liegt (wie das Würstchen auf dem Teller) oder auch über die Luft zwischen der Verpackung und dem Lebensmittel oder dem Kaffeefilter. Während bei den Mineralölen überprüft werden muss, welche Teile der Stoffgruppe bei Menschen krebserzeugend sein können, gibt es zu den Gesundheitsrisiken durch Bisphenol A Untersuchungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Umweltbundesamtes und der Universität Bonn. Das Ergebnis ist wenig appetitlich: Schon geringe Mengen des Stoffes, die wir über Lebensmittel oder die Haut aufnehmen, könnten die Wirkung weiblicher Geschlechtshormone verstärken. Unfruchtbarkeit kann schlimmstenfalls die Folge sein – bei Männern wie bei Frauen. Bisphenol A gilt zudem als schädlich für das Herzkreislaufsystem, die Leber, Nieren und Brustdrüsen.

Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) vermutet, es könne die Gehirnentwicklung von Ungeborenen und Kleinkindern bremsen. Die Behörde setzte den Wert einer akzeptablen täglichen Aufnahme von 50 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag auf 4 herunter. Sie geht zwar nicht von einer konkreten Gesundheitsgefahr aus, erklärte aber dennoch, dass eine sichere Datengrundlage fehlen würde und eine gesundheitliche Gefährdung für Verbraucher daher nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden könne. In Dänemark ist die Substanz daher bereits verboten, in Frankreich wurden Produkte, die Bisphenol A enthalten, endgültig vom Markt genommen.

Wie lässt sich eine schleichende Vergiftung von Lebensmitteln verhindern?

Im Fall der Mineralöle, die aus Verpackungen stammen, beruhigt Olivier Aust: „Ihr Anteil in Lebensmitteln ist in den letzten Jahren insgesamt deutlich zurückgegangen.“ Das liegt zum Beispiel daran, dass Reis oder Nudeln inzwischen vor dem Kontakt mit dem Recyclingkarton durch Barrieren oder Beschichtungen geschützt werden. Ob und inwieweit die jetzt entdeckten Mengen, die aus Kaffeefilterpapier oder Muffinförmchen herrühren, krebserzeugend sein können – das müssten genauere Analysen zeigen „Die Technik in unseren Laboren hat sich innerhalb der vergangenen 20 Jahre ständig verbessert – insofern ist es kein Wunder, dass wir die Stoffe nachweisen können. Die Frage ist jetzt: Wie relevant sind sie für die menschliche Gesundheit?“, sagt der Lebensmittelchemiker. In einem nächsten Schritt sei es daher wichtig, flächendeckend Daten zu ermitteln, um Normen und Grenzwerte festzulegen.

Muss es nicht Verbote seitens der Politik geben?

Im Hinblick auf das nachweislich hormonell wirksame Bisphenol A ist NRW-Verbraucherschutzminister Johannes Remmel just aktiv geworden: Nordrhein-Westfalen fordert die Bundesregierung laut einer Pressemitteilung seines Ministeriums auf, Bisphenol A (BPA) für die Herstellung von Materialien, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen, zu verbieten. Das soll nicht nur für Verpackungsmaterialien von Lebensmitteln gelten, sondern auch für Trinkbecher und Brotdosen aus Plastik. Auf einer Verbraucherschutzministerkonferenz stellte NRW gemeinsam mit Niedersachsen und Schleswig-Holstein einen entsprechenden Antrag. Sobald mehr Daten zu den Mineralölen vorliegen, könnte es im Hinblick auf diese Stoffe ein ähnliches Verfahren geben.

Was können Verbraucher tun?

„Nicht viel“, lautet das nüchterne Resümee von Lebensmittelchemiker Olivier Aust, der gleichzeitig die Wogen glättet: „Die Konzentrationen, die wir gefunden haben, sind auf keinen Fall dramatisch.“ Weltweit gibt es laut dem Spezialisten Tausende von Stoffen, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen. „Wir müssen unser Wissen darüber umsetzen und den Anteil der schädlichen Stoffe in Nahrungsmitteln minimieren.“ Das Ziel sei es, beispielsweise ein Leben lang Kaffee mithilfe von Filterpapier aufbrühen zu können, ohne dass dies gesundheitliche Folgen habe. . .

Hier gibt es weitere Infos

Das Bundesinstitut für Risikobewertung beantwortet auf seiner Homepage wichtige Fragen zu der gesundheitsgefährdenden Substanz Bisphenol A, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen kann: www.bfr.bund.de, Fragen und Antworten.
Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Münsterland informiert auf seiner Internetseite www.cvua-mel.de