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Kinder in NRW schlucken zu viele Antibiotika

15.02.2012 | 19:17 Uhr
Kinder in NRW schlucken zu viele Antibiotika
Kind beim Arzt: Die Mediziner verschreiben viel zu oft Antibiotika, belegt eine aktuelle Untersuchung. Foto: dapd

Essen.   Kinderärzte in NRW verordnen viel zu oft Antibiotika – auch bei harmlosen grippalen Infekten. Das belegt eine aktuelle Studie. Dabei helfen die Mittel längst nicht gegen alle Krankheiten. Und ein zu starker Einsatz von Antibiotika öffnet Erregern Tür und Tor.

Viele Eltern halten sie für die schnellen Gesundmacher und Ärzte verschreiben sie manchmal zu fix. Kinder und Jugendliche schlucken in NRW zu oft Antibiotika – auch wenn dies nicht immer nötig wäre. Wobei Hausärzte die Mittel häufiger verordnen als Kinder- oder Hals-Nasen-Ohrenärzte. Dies ist das Ergebnis einer Analyse von bundesweiten Patientendaten der Krankenkasse Barmer GEK der Jahre 2009 und 2010 durch Wissenschaftler der Universität Bremen. Auftraggeber war die Bertelsmann Stiftung in Gütersloh.

Die Forscher um Professor Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Uni Bremen meinen, dass die Verschreibungs-Praxis von Antibiotika in NRW ein Hinweis darauf sein könnte, dass diese Medikamente von Ärzten auch unkritisch verordnet würden – etwa bei harmlosen Infekten. Und dies trotz vorhandener Leitlinien zum Thema Antibiotika-Einsatz.

2010, so zeigte die Untersuchung, wurden unter anderem Kindern und Jugendlichen in Duisburg, Bottrop, Gelsenkirchen, Herne, Bochum, Dortmund, sowie in den Kreisen Recklinghausen, Unna und im Märkischen Kreis besonders häufig Antibiotika verordnet, erläutert Stefan Etgeton, Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung. Von 100 Prozent der verschriebenen Antibiotika entfielen „40 Prozent und mehr, zum Teil sogar 50 Prozent“ auf diese Altersgruppe. In Mülheim, Essen, Oberhausen und Hagen waren es zwischen 35 und 40 Prozent.

Kinderarzt rät zu „klassischen Methoden“

Zu viel, wie Experten kritisieren. Dass grippale Infekte, Husten, Schnupfen, Kopf- und Gliederschmerzen nicht sofort eine Antibiotika-Einnahme erfordern, betont auch Dr. Josef Kahl, nordrheinischer Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. „Die grippalen Infekte etwa, die zurzeit unterwegs sind, werden zu rund 90 Prozent von Viren verursacht. Dagegen hilft kein Antibiotikum. Das hilft nur gegen Bakterien!“

Derartige Infekte, so der niedergelassene Düsseldorfer Kinderarzt, sollten zunächst mit den „klassischen Methoden“ wie Bettruhe, fiebersenkenden Zäpfchen, Wadenwickeln, Tee, heißer Hühnerbrühe „und eventuell kindgerechten Schmerzmitteln“ bekämpft werden. Natürlich sollten Eltern mit ihrem kranken Nachwuchs zuerst den Kinderarzt aufsuchen, der entscheide, was wann zu geschehen habe. Schluckten Kinder zu oft Antibiotika, bestehe die Gefahr, dass sich bakterielle Erreger an die Medikamente gewöhnten. Die Folge: Antibiotika wirkten dann oft nicht mehr, wenn sie dringend gebraucht würden. Dass Eltern, die berufstätig sind, den Arzt um ein Antibiotikum bitten, in der Annahme, dann wäre das Kind schneller wieder auf den Beinen und die Eltern im Büro, erfährt Kahl auch in seiner täglichen Praxis. „Was mich in meinen Entscheidungen aber nicht beeinflusst.“

Ein großes Problem für Krankenhäuser

Für notwendig hält er Antibiotika bei Kindern und Jugendlichen „wenn diese etwa schwere bakterielle Erkrankungen der Lunge, des Mittelohres oder der Haut haben“.

Auch Dr. Hermann Kalhoff, leitender Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dortmund, ist für einen zurückhaltenden Antibiotika-Gebrauch. Wie sein Kollege Josef Kahl muss Kalhoff Eltern oft erklären, wann Antibiotika sinnvoll sind („Natürlich bei einer Lungenentzündung“) und wann nicht. „Manche halten Antibiotika eben für ein Allheilmittel.“ Dass ein zu starker Einsatz dieser Medikamente Erregern Tür und Tor öffne, gegen die Antibiotika dann keine Wirkung mehr zeigten und die schwere Erkrankungen verursachten, sei natürlich auch ein großes Problem für Krankenhäuser.

Im übrigen, so Kalhoff, könnten Antibiotika neben Resistenzen auch Magen-Darm-Beschwerden oder Hautausschläge zur Folge haben. ebenso ein erhöhtes Risiko für Allergien.

Was die Barmer GEK-Patientendaten noch zeigten: Deutschlandweit erhielt 2009 jedes zweite drei- bis sechsjährige Kind ein Antibiotikum. Insgesamt 38 Prozent aller Kinder und Jugendlichen.

Jutta Bublies

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Kommentare
16.02.2012
11:31
Kinder in NRW schlucken zu viele Antibiotika
von sockenfee | #7

Leider muss ich bestätigen, was diese Analyse ergeben hat.

Meinem fieberfreien, aber hustenden Kleinkind wird ein AB verschrieben "damit sich nicht noch eine bakterielle Infektion drauflegt".

Ich habe aber Angst davor, ob noch eine Wirkung mit AB erzielt werden kann, wenn das Kind *gottbehüte* mal wirklich krank ist.

"Wenn ich es nicht für notwendig halten würde, würde ich es nicht verschreiben".

Also wieder einmal 30km Fahrt zur Heilprektikerin unseres Vertrauens und mit ein paar Kügelchen und sonstigen Verhaltensvorschriften ist das Kind nach ein paar Tagen vollkommen gesund.

Allerdings geht es mir selbst beim Arzt nicht anders. Selbst wenn die Blutuntersuchung, auf die ich bestehe, eine Virusinfektion anzeigt, sollte man doch lieber vorsichtshalber das AB.....

Arzt mit Kompetenz verzweifelt gesucht. Hinweise bitte an....
Es ist zum Verzweifeln.

Und die Heilpraktikerin, die mich nach der schweren Virusinfektion (3 Wochen hohes Fieber, 10kg Gewichtsverlust, meine 70-jährige Mutter muss mir bei der Körperpflege helfen...) wieder auf die Beine bringt? Die muss ich selbst bezahlen, meine gesetzliche Krankenkasse tut es nicht.

16.02.2012
09:41
Kinder in NRW schlucken zu viele Antibiotika
von Kokomo | #6

und den letzten Rest bekommt man dann über die "normale" Ernährung, wie mit Antibiotika-versetztem Geflügelfleisch.

@ von Arno-Duebel | #1
seit wann brauchen die heutigen Ärzte keinen Abschluss mehr? Bloß weil Sie keinen haben, wie man anhand Ihrer Rechtschreibung schlussfolgern könnte?

16.02.2012
06:13
Kinder in NRW schlucken zu viele Antibiotika
von Meinemal | #5

Alles nur Geschäft. Das Antibiotika nur gegen Bakterien (wenn überhaupt), aber nicht gegen Viren wirken, ist jedem Arzt bekannt. Trotzdem werden bei Erkältungen usw. gnadenlos Antibiotika gewinnbringend verschrieben. Man sollte den Ärzten die Approbation entziehen, die nur aus Gründen der Gewinnmaximierung weiterhin diesen Unsinn betreiben. Oder sind die Weiterbildungskurse auf den Bahamas, gesponsert durch die Pharmaindustrie, immer noch der Superrenner für unsere fettlebige Ärzteschar?


16.02.2012
00:40
Kinder in NRW schlucken zu viele Antibiotika
von Biker72 | #4

Ich weiß als Laie dass Antibiotika nicht gegen (Erkältungs)Viren nützen. Warum verschreiben sogenannte Ärzte das eigentlich? Irgendwann wird kein Antibiotikum mehr helfen aufgrund immer zunehmend resistenter Erreger.
Heutzutage muss man sich leider in den meisten Fällen selbst zu helfen wissen bevor man mal wieder betrogen wird !!

16.02.2012
00:17
Seltsam
von ruhrgebieti | #3

Als Erwachsener, besonders als Rentner, muß man inzwischen um jedes Rezept einen Kampf um Leben und Tod mit dem Arzt führen. Und Kinder kriegen alle Ritalin, weil gefühlte 150 Prozent aller Kinder an ADHS leiden sollen und es gibt Antibiotika nach dem Motto "Freibier für alle".

Da läuft aber schwer was schief!

15.02.2012
22:32
Kinder in NRW schlucken zu viele Antibiotika
von maped | #2

die pharmaindustrie wirds freuen.

15.02.2012
21:29
Kinder in NRW schlucken zu viele Antibiotika
von Arno-Duebel | #1

kinder? die heutige ärzte brauchen doch nichtmal nen abschluss müssen nur 2 unterschriften unter ibuprofen und erythro setzen den die heutigen hausärzte sind nur büroangestellte mit 10 fachem gehalt

1 Antwort
Blockierter Kommentar.
von dummmberger | #1-1

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