Jeder zweite Deutsche wird mindestens einmal im Leben psychisch krank

Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts wird fast jeder zweite Erwachsene mindestens einmal im Leben psychisch krank.
Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts wird fast jeder zweite Erwachsene mindestens einmal im Leben psychisch krank.
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Was wir bereits wissen
Von einer „alarmierenden“ Zunahme psychischer Erkrankungen warnt NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne). Seit 2006 ist die Zahl der Reha-Maßnahmen für psychisch Kranke in NRW um 50 Prozent auf knapp 26.000 im Jahr 2013 gestiegen. Der Druck der „Höher-schneller-weiter-Gesellschaft“ überfordert viele.

Düsseldorf.. Vor einer „alarmierenden“ Zunahme psychischer Erkrankungen hat NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) gewarnt. Seit 2006 ist die Zahl der Reha-Maßnahmen für psychisch Kranke in NRW um 50 Prozent auf knapp 26 000 im Jahr 2013 gestiegen. Die Erkrankungen würden weiter zunehmen, weil der hohe Druck der „Höher-schneller-weiter-Gesellschaft viele Menschen überfordert“, sagte Steffens unserer Zeitung.

Nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts wird fast jeder zweite Erwachsene mindestens einmal im Leben psychisch krank – 49 Prozent aller Frauen, 37 Prozent der Männer. Dabei stieg der Anteil der Personen in NRW, die aufgrund psychischer Störungen nur noch eingeschränkt oder überhaupt nicht mehr arbeitsfähig sind, laut Rentenversicherung in den letzten zwölf Jahren um 56 Prozent – plus 66 Prozent bei Frauen, plus 46 Prozent bei Männern. „Beschleunigung und Stress bestimmen inzwischen das Leben der meisten Menschen, häufig schon von Kindern“, sagte Steffens. „Immer mehr Jugendliche sind fast permanent online, schalten kaum noch ab.“

Immer mehr Kinder und Jugendliche brauchen Psychopharmaka

Erkrankungen Eine Folge: Bei jedem fünften Kind zwischen drei und 17 Jahren mussten bereits Hinweise auf eine psychische Störung festgestellt werden. 12,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten zeigten zudem deutliche Beeinträchtigungen im sozialen und familiären Alltag. Nach einer Studie der Barmer Ersatzkasse (BEK) stieg der Anteil der Kinder und Jugendlichen, denen Psychopharmaka verordnet wurden, in den letzten sieben Jahren um 40 Prozent. Das betraf vor allem Jugendliche, die an ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörungen) litten.

Ursachen der zunehmenden psychischen Erkrankungen von Erwachsenen sieht Steffens unter anderen in der Angst vor Arbeitslosigkeit, der erhöhten Anforderung an Mobilität und Flexibilität im Beruf sowie der zunehmenden Arbeitsverdichtung. „Wir werden unter einen, nicht selten auch von uns selbst mitproduzierten Druck gesetzt, in einer Gesellschaft der Beschleunigung zu funktionieren, zu reagieren und ständig verfügbar zu sein“, sagte Steffens. Hohe Scheidungsraten und brüchige Familienstrukturen sorgten zusätzlich dafür, dass Menschen oft nur noch wenig Halt hätten.

Betroffene warten oft monatelang auf eine Reha-Behandlung

Burnout „Wenn wir als Gesellschaft nicht grundlegend etwas an dem Druck und dem Tempo ändern, werden psychische Erkrankungen kontinuierlich zunehmen“, sagte die Gesundheitsministerin. Für Erkrankte sei es nach der Reha wichtig, die belastenden Rahmenbedingungen im Alltag zu verändern, weil sonst das Rückfallrisiko sehr hoch sei. Nach Angaben der Rentenversicherung hat sich der Bedarf an Reha-Maßnahmen wegen psychischer Probleme in den vergangenen 20 Jahren mit bundesweit 195 000 Versicherten nahezu verdoppelt. Trotz der stark steigenden Zahlen warten Betroffene oft monatelang auf eine Reha-Behandlung.

Als Reaktion auf die Zunahme psychischer Erkrankungen hat NRW im neuen Krankenhausplan die Voraussetzungen geschaffen für eine Erweiterung der Zahl der Betten und Plätze zur tagesklinischen und stationären psychiatrischen Versorgung um 12,5 Prozent. 2015 sollen dann 20 332 Plätze in NRW zur Verfügung stehen (2013: 18 077). Ärzte, Krankenkassen, Kliniken und Patientenvertretungen arbeiten in einem gemeinsamen Gremium daran, die Wartezeiten auf eine Therapie zu verkürzen und ambulante wie stationäre Hilfen besser aufeinander abzustimmen. Dabei werden auch niederschwellige Angebote wie Gruppentherapien stärker in den Blick genommen.