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Hypochondrie: Die Angst, schwer krank zu sein

10.05.2015 | 13:34 Uhr
Hypochondrie: Die Angst, schwer krank zu sein
Der eingebildete Kranke: So stellte sich Honoré Daumier einen Hypochonder vor (um 1865/66).Foto: Honoré Daumier / CC

Bochum.   Hypochonder nehmen immer das Schlimmste an. Ihre Gedanken kreisen um ernsthafte Erkrankungen, ohne dass sich dafür ein Befund feststellen lässt.

Hypochondrie. Dieses Wort wird fast schon inflationär benutzt. Autoren schreiben in Kolumnen über ihre Hypochondrie, über die 100 Krankheiten, die sie schon – gedanklich – durchgemacht haben. Alles immer mit einem Augenzwinkern. Verkannt wird dabei häufig, wie die echte Krankheit aussieht, wie Betroffene leiden und oft erst viel zu spät auf Hilfe stoßen.

Doch was unterscheidet den etwas wehleidigen, der gerne mal Dr. Google nach seinen Symptomen durchforstet und immer wieder etwas Neues findet, von einem echten Hypochonder?

Der eingebildete Kranke

„Ein Hypochonder assoziiert körperliche Beschwerden immer mit dem Schlimmsten“, sagt Professor Dr. Stephan Herpertz, Direktor der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des LWL-Klinikums Bochum. Spürt er ziehende Schmerzen im Knie, geht er nicht erstmal von einer Überlastung der Bänder aus, sondern ist fest davon überzeugt, dass es ein bösartiger Tumor ist. „Häufig denken diese Menschen an Krebs oder schwere neurologische Erkrankungen“, so Herpertz. Besonders im Fokus stehen dabei Erkrankungen, die durch die Medien gehen oder überhaupt gerade in der Gesellschaft aktuell besprochen werden. Eine Infektion mit HIV war zum Beispiel lange Zeit immer wieder ein großes Thema bei Betroffenen.

„Im schlimmsten Fall kommt es zu einem hypochondrischen Wahn“, sagt Stephan Herpertz. Hier löse sich der Realitätsbezug vollkommen ab, so dass auch niemand den Betroffenen mehr überzeugen kann, dass er diese Krankheit nicht hat. So würden Testergebnisse immer wieder angezweifelt und zigmal wiederholt, weil derjenige felsenfest von seiner Vermutung überzeugt sei. Sogenanntes Ärzte-Hopping ist die Folge. „Das Arzt-Patienten-Verhältnis leidet, wie man sich vorstellen kann, stark darunter“, sagt Stephan Herpertz. Es kommt zu Auseinandersetzungen, der Arzt ist irgendwann genervt, der Patient sauer und verzweifelt zugleich.

Es gibt hingegen auch Hypochonder, die gerade aufgrund ihrer Erkrankung Arztbesuche meiden. Sie fürchten sich vor der Diagnose, weil sie davon ausgehen, dass ihre Annahme bestätigt wird. Dieses Vermeidungsverhalten kann sich so stark ausweiten, dass das ganze Thema Krankheit krampfhaft ausgespart wird.

Die Diagnose wird bei den meisten sehr spät gestellt. Dies hat unterschiedliche Gründe. Der häufige Arztwechsel führt dazu, dass das Krankheitsbild nicht erfasst werden kann. Und wenn der behandelnde Arzt einen Verdacht schöpfen sollte, so kommt es hier oftmals zu starken Konflikten. „Die Überzeugungsarbeit ist hoch, um dem Hypochonder klar zu machen, dass er nicht diese befürchtete Krankheit hat, aber eine andere psychische Erkrankung.“ Gegen Hypochondrie gibt es nicht die Pille auf Rezept, die viele so zufriedenstellt. „Hier kann nur eine intensive Psychotherapie helfen“, sagt Stephan Herpertz. Depressionen würden zwar häufig begleitend auftreten – sie seien aber eine Folge und nicht die Ursache für eine Hypochondrie.

Der Auslöser

Wie erkrankt man an einer Hypochondrie? Dazu gibt es verschiedene Theorien. Zweifelsohne sind die Auslöser so verschieden, wie es die Menschen sind. Jedoch kristallisieren sich in der Therapie zwei wiederkehrende Ursachen heraus: Ein fehlendes Ur-Vertrauen und reale Ereignisse, die auf die eigene Person übertragen werden. „Das Selbstvertrauen in den eigenen Körper wird schon in der Kindheit gebildet“, sagt Stephan Herpertz. Fehle dieses Ur-Vertrauen in die eigene körperliche Integrität, bilden sich schneller existenzielle Ängste aus.

Schwere Krankheiten und Todesfälle im Umfeld können eine Hypochondrie erwachsen lassen. „Wenn Betroffene erlebt haben, dass der kerngesunde Vater auf einmal tot im Bett liegt und an einem Herzinfarkt gestorben ist, dann prägt das und schafft manchmal das Vertrauen ab.“

Woher der Name kommt
Die „Gegend unter den Rippen“

Hypochondrie kommt aus dem Griechischen und bedeutet „Gegend unter den Rippen“. Dort vermutete man den Ursprung der Gemütskrankheiten.

Ein Merkmal von Hypochondern ist das Bodychecking, der eigene Körper wird extrem häufig auf Krankheitszeichen untersucht, Blutdruck und Puls werden regelmäßig gemessen.

„Wenn Sie morgens aufwachen und eine dicke Blase am Handrücken sehen, daneben schwirrt eine Mücke, ist Ihnen klar, dass die Blase vom Mückenstich kommt.“ Wacht man morgens mit der Blase auf, sieht aber keine Mücke – dann würden wir sofort anfangen zu interpretieren. So erklärt es Stephan Herpertz seinen Studenten, wenn es um die selektive Aufmerksamkeit geht – also die volle Aufmerksamkeit auf das Krankheitsgeschehen. „Die Gedanken kreisen um die Symptome, bis wir es aufklären können.“ Hypochonder, die immer wieder neue Baustellen an ihrem Körper finden, sind ständig in diesem Modus. Sie wachen schon morgens mit den Gedanken an schlimme Erkrankungen auf. Wenn die Untersuchung Entwarnung gibt, sind viele erstmal beruhigt – bis das nächste Organ Symptome zeigt.

Die Therapie

Dadurch wird es in der Therapie auch so schwer, vor allem einen chronischen Verlauf wieder aufzufangen. Stephan Herpertz sieht schon einen Erfolg in der Behandlung, wenn der Betroffene zwar noch die Gedanken an Erkrankungen hat, aber es schafft, sich davon zu lösen und nicht direkt zum Arzt zu rennen. Der erste Schritt ist sowieso die eigene Erkenntnis, dass die Hypochondrie die eigentliche Krankheit ist, und nicht der Krebs. „Diese Einsicht ist jedoch oft da – viele Hypochonder merken, dass die Gedanken nicht stimmen, schaffen es aber nicht, sie aus eigener Kraft zu neutralisieren.“

Janna Cornelißen

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2015-05-10 13:34
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