Das aktuelle Wetter NRW 3°C
Gesundheit

"Hausärzte verschreiben zu schnell Psychopharmaka"

19.08.2012 | 16:23 Uhr
"Hausärzte verschreiben zu schnell Psychopharmaka"
Patienten bekommen offenbar zu häufig und zu schnell von ihrem Arzt Psychopharmaka verschrieben.Foto: Thomas Kienzle/AP/dapd

Bochum/Berlin.   Bei psychischen Problemen bekommen Patienten offenbar zu häufig und zu schnell von ihrem Arzt Psychopharmaka verschrieben. Dies sei "leider oft noch gängige Praxis", sagt Georg Juckel, Direktor der psychiatrischen Klinik der Ruhr-Uni Bochum. Besonders gefährlich: so genannten Benzodiazepine, die leicht abhängig machen. Juckel schätzt, dass es in Deutschland zwei Millionen Benzodiazepin-Süchtige gibt.

Viele Hausärzte ­verschreiben offenbar ohne aus­reichende Diagnose stark abhängig machende Psychopharmaka. „Es sind keine Einzelfälle, es ist leider oft noch gängige Praxis“, sagte Georg Juckel, Direktor der psychiatrischen Klinik der Ruhr-Universität ­Bochum. Betroffen sind überwiegend Frauen.

Er beobachte mit Sorge jene Kollegen, die Patienten über lange Zeit mit Benzodiazepinen, also klassischen Schlaf- und Beruhigungs­mitteln, behandelten, so Juckel. Die Ursache sieht er vor allem im Praxisalltag: „Die meisten Hausärzte, zumal hier im Ruhrgebiet, sind völlig überlaufen. Viele haben pro Patient nur wenige Minuten Zeit. Und dann sitzt da jemand und klagt über ­Unruhe, Angst, Schlafstörungen.“ Natürlich werde versucht, die zutreffende Diagnose rasch zu stellen. „Es gibt aber Kollegen, die aus Zeitnot und dem hohen Leidens- und Erwartungsdruck der Patienten sehr schnell Benzodiazepine verordnen.“ Medikamente, die laut Juckel, nach einigen Wochen bereits zu schwerer Abhängigkeit führen.

Viele Hausärzte in Ballungsräumen "hoffnungslos überlastet"

Andreas Marian vom Hausärzteverband Nordrhein bestätigt das: „In den Ballungsräumen sind viele Kollegen hoffnungslos überlastet.“ Die Verzahnung von Hausarzt, Facharzt und Fachklinik sei in NRW schlechter als in anderen Bundesländern. Und es gebe „diese Altlast: Patienten, die seit Jahrzehnten Benzodiazepine nehmen, ohne dass es eine richtige Diagnose dazu gibt.“

Bei den meisten Kollegen sei das Problembewusstsein aber sehr groß, glaubt Norbert Hartmann vom Hausärzteverband Westfalen-Lippe. Es gebe allerdings auch gute Gründe, „bei bestimmten Krankheiten kurzfristig Benzodiazepine zu geben“. Etwa in der Palliativmedizin. Darüber hinaus gibt Hartmann zu Bedenken: „Patienten, die seit Jahren Benzodiazepine nehmen, sind darauf angewiesen. Nähme man ­ihnen das Medikament weg, würden sie möglicherweise krank werden.“

Der Bochumer Psychiater Juckel weist indes auf die Gefahren dieser Medikamentengruppe hin. Bei ­Patienten reduziere sich die Reaktionsgeschwindigkeit, Ältere verletzten sich bei nächtlichen Stürzen. ­Juckel: „Viele fahren mit Benzodiazepinen im Körper Auto, was vermutlich Unfälle unbekannter Größe verursacht.“

Juckel schätzt, dass es in Deutschland etwa zwei Millionen Benzodiazepin-Abhängige gibt.

Julia Emmrich

Facebook
 
Kommentare
21.08.2012
17:20
Überwiegend Frauen betroffen von falscher Behandl. mit Psychopharmaka
von street66 | #1

Es freut mich zu lesen, doch ist die Frage, ob Dr. Juckel in eigenen Reihen auf solche "Fehler" achtet, wenn er groß in der Zeitung auf der Titelseite dieses Thema anspricht. In seiner Klinik wurde eine Frau, die an einem Schwerstrauma litt, u.a. mit Schlaftabletten und Antidepessiva behandelt ( bei Trauma Kontraindikation) und diverse,wechselnde Persönlichkeitsstörungen wurden diagnostiziert. Das Trauma wurde erst Jahre später von einem Experten mit Weltruf beim Namen genannt...........denn es war durch die Ehe mit einem "Kollegen" (anderem Arzt) verursacht worden. Seltsam? Nein. normal.

Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist: http://www.derwesten.de/services/trackbacks/article/6998854/create

Fotos und Videos
Kunstaugen als Ersatz
Bildgalerie
Prothesen
Schüler gegen Aids
Video
Video
Neues von der Medica 2012
Video
Medizin Messe
Aus dem Ressort
Fast jeder Fünfte Deutsche ist allergisch auf Lebensmittel
Allergien
Beinahe jeder fünfte Deutsche hat eine Lebensmittelallergie und ist so bei der Auswahl der Speisen im Alltag eingeschränkt. Besonders häufig werden Lebensmittelunverträglichkeiten bei Menschen mit höherer Bildung diagnostiziert. Grund hierfür sei, dass diese die Symptome häufiger richtig deuten.
14 Monate Haft für Zahnarzt wegen zu viel gezogener Zähne
Prozess
Ein Zahnarzt ist zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil er einer Patientin sieben Zähne zu viel gezogen hat. Ein Gericht in Sachsen-Anhalt sprach den 42-Jährigen der Körperverletzung schuldig und verhängte ein zweijähriges Berufsverbot. Insgesamt hatte er der Patientin elf Zähne gezogen.