Erfolgversprechende Therapiemöglichkeiten bei Inkontinenz

Wer an einer überaktiven Blase leidet, hat häufig auch Angst davor, viel zu trinken. Mediziner empfehlen jedoch, auch bei einer Inkontinenz immer ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen.
Wer an einer überaktiven Blase leidet, hat häufig auch Angst davor, viel zu trinken. Mediziner empfehlen jedoch, auch bei einer Inkontinenz immer ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen.
Foto: getty
Was wir bereits wissen
Viele Menschen, die unter Inkontinenz leiden, trauen sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dabei gibt es zahlreiche Therapien.

Essen/Düsseldorf.. Man schämt sich, man nimmt es hin. Es gehört doch zum Älterwerden dazu. Oder etwa nicht? Inkontinenz zählt zu den Beschwerden, über die Patienten nicht gerne sprechen, oft noch nicht einmal mit ihrem Arzt.

Dabei könnte vielen der etwa vier bis fünf Millionen betroffenen Frauen in Deutschland geholfen werden. Bei der Behandlung des unkontrollierten Urinverlusts hat sich viel getan. Jahr für Jahr gibt es neue Therapiemöglichkeiten, Medikamente oder Hilfsmittel. Auch für Männer natürlich, „doch Frauen sind wesentlich häufiger betroffen“. Das sagt Dr. Andrea Gerling, Leitende Oberärztin der Frauenklinik des Elisabeth-Krankenhauses Essen und Beraterin der Deutschen Kontinenz-Gesellschaft. Sie weiß, „dass viele Betroffene sich nicht trauen, professionelle Hilfe anzunehmen und sich lieber mit Binden und Windeln zu Hause vergraben“. Dabei sei der Schritt hin zu mehr Lebensqualität in vielen Fällen so einfach.

Die Belastungsinkontinenz

Es geht recht schleichend los. Beim Husten oder Niesen, beim Tragen schwerer Sachen oder beim Sprint zur Bushaltestelle – in solchen Situationen verselbstständigen sich ein paar Urin-Tröpfchen. Später geht es auch im Liegen los, in der dritten und letzten Stufe dann bei jeder Gelegenheit. „Die Belastungsinkontinenz ist oft davon abhängig, ob die Patientin viele Geburten hinter sich hat und ob sie unter einer Bindegewebsschwäche leidet“, sagt Andrea Gerling. Auch jüngere Frauen können (vorübergehend) betroffen sein, beispielsweise wenn sie gerade ein Kind zur Welt gebracht haben. „Ich empfehle Beckenbodengymnastik und diese Übungen auch in den Alltag zu integrieren.“ Eine konservative Behandlung also, die auch um Spezialtampons ergänzt werden kann. Diese Tampons kann es auf Rezept geben, ebenso wie Binden.

Selbsthilfe „Oftmals lösen die Wechseljahre eine Inkontinenz aus“, sagt die Ärztin. Weil auf die Östrogene kein Verlass mehr ist. Diese weiblichen Geschlechtshormone werden nun weniger gebildet – mit der Konsequenz, dass das Gewebe schwächer wird und damit die Verschlusskraft der Harnröhre nachlassen kann. Eine Möglichkeit ist, den Scheidenbereich mittels Zäpfchen oder Salbe wieder mit Östrogenen zu versorgen. In der Selbstbehandlung können flexible Würfel, Pessare, helfen. „Sie dienen als Stütze und sind deshalb vor allem bei einer Inkontinenz, die von einer Blasen-, Gebärmutter- oder Darmsenkung ausgelöst wird, eine Alternative“, sagt Andrea Gerling. In Apothekers Schrank hat sich ebenfalls einiges getan. „Es gibt neue Tabletten, die auch für Patientinnen eine Alternative sein können, die mit anderen Präparaten nicht klar gekommen sind.“ Am Ende bleibt die Operation. Unter lokaler Betäubung kann ein dünnes Band unterstützend um die Harnröhre gelegt werden.

Die Dranginkontinenz

Auch „überaktive Blase“ genannt. Gerade ältere Frauen kennen das. Sie spüren nahezu permanent einen Harndrang, oft kommen sie nicht rechtzeitig zur Toilette. „Das große Problem ist, dass die Betroffenen Angst haben, zu trinken. Dabei ist gerade die regelmäßige Flüssigkeitszufuhr sehr wichtig“, sagt die Gynäkologin und empfiehlt eineinhalb bis zwei Liter am Tag. „Zumindest im Alltag, wenn eine Toilette in der Nähe ist, sollten auch ältere Frauen darauf achten.“ Die Blase muss wie jeder Muskel trainiert werden. Wird ihr Volumen nie ausgereizt, wird sie unterfordert.

Hier heißen die Behandlungsmöglichkeiten: Beckenbodengymnastik, Östrogentherapie, Elektrostimulation, Medikamente – und neuerdings auch Botox. „Das wird mit einer feinen Kanüle in die Blasenwand gespritzt. Es hilft der Blase, sich zu entspannen“, sagt die Ärztin. Ungefähr ein Jahr wirke es, Zeit genug, um die Blase wieder zu trainieren. Für diese Behandlungsformen gilt: Krankenkassen übernehmen in vielen Fällen die Kosten.

Die Stuhlinkontinenz

Wer es nicht schafft, seinen Stuhlgang oder damit verbundene „Winde“ zurückzuhalten, leidet unter Stuhlinkontinenz. „Circa fünf Prozent der Bevölkerung, also 800.000 Menschen, sind betroffen“, sagt Clementine Kim. Sie ist Oberärztin der Klinik für Chirurgie am Marien Hospital Düsseldorf und als Proktologin eine der wenigen weiblichen Expertinnen für Erkrankungen des Enddarms und des Analgebietes. Verschiedene Ursachen oder das Zusammenkommen mehrerer Gründe können nach ihren Worten hinter einer Stuhlinkontinenz stecken – etwa eine Beckenbodensenkung, eine chronische Verstopfung, eine Störung des Schließmuskels oder Probleme mit der Kontrolle des Stuhlgangs (beispielsweise nach einer Operation oder durch eine Demenz).

Infoveranstaltungen in der Kontinenz-Woche Für die richtige Diagnose sind intensive Gespräche notwendig, außerdem sollte man in einem Tagebuch festhalten, wie häufig Stuhl verloren geht und wie er ausschaut. Hinzu kommen körperliche Untersuchungen, zuweilen auch des End- und Mastdarms mithilfe von Ultraschall oder anderen bildgebenden Verfahren.

Stehen die Ursachen fest, beginnt in der Regel eine konservative Therapie. „Dazu kann ein gezieltes Muskeltraining oder eine Umstellung des Ernährungsverhaltens gehören. Koffein und Bier passieren den Darm schneller, daher sollte man davon nur wenig trinken. Schlackenarme Kost sorgt dafür, dass der Stuhl fester wird. Günstig sind Bananen, Äpfel und Joghurt, die nicht für Blähungen sorgen“, erklärt Clementine Kim. Sie macht mit ihren Patienten auch schon einmal ein Toilettentraining – was bedeutet, dass man versucht, einmal am Tag immer um die gleiche Zeit den Darm zu entleeren.

Ein Biofeedbacktraining, bei dem die Funktion und Koordination des Schließmuskels trainiert werden, kann dabei helfen, dessen Anspannungskraft zu steigern. Clementine Kim: „Nur ein geringer Teil der Betroffenen benötigt langfristig eine operative Therapie.“ Ein spezieller Schrittmacher könne gegebenenfalls das Auftreten einer Stuhlinkontinenz deutlich verringern. „Letzter Ausweg kann aber auch ein optimal angelegter und dann gut zu versorgender künstlicher Darmausgang sein“, sagt die Oberärztin.

Die Untersuchung des Beckenbodens

Um die Ursachen für eine Inkontinenz herauszufinden, bilden Mediziner inzwischen häufig interdisziplinäre Teams: Frauenärzte arbeiten mit Urologen, Proktologen, Neurologen, Sexualmedizinern, spezialisierten Chirurgen und Physiotherapeuten zusammen. „Wir betrachten den Beckenboden als Einheit, denn dort befinden sich viele Organe in enger Nachbarschaft. Eine Störung betrifft häufig mehrere von ihnen, wodurch dann eine Inkontinenz verursacht werden kann“, erklärt Dr. Ion-Andrei Müller-Funogea, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie am Marien Hospital Düsseldorf.

Therapie Ein solches Zentrum koordiniert der Gynäkologe Dr. Jörg Lux, Oberarzt an der Universitäts-Frauenklinik in Düsseldorf. „Die erste Untersuchung dauert in der Regel eine Stunde. Ich kann schon im Vorfeld meine Kollegen dazu bitten, wenn sich abzeichnet, dass ein Patient zum Beispiel ein neurologisches Problem hat,“ sagt der Experte.

Sein Kollege Dr. Müller-Funogea erläutert die drei Bereiche des Beckenbodens, die bei der Untersuchung im Mittelpunkt stehen: „Im vorderen Bereich betrachten wir bei Frauen die Verankerung der Scheide unter der Harnröhre – hier findet sich häufig die Ursache für eine Belastungsinkontinenz. Im mittleren Bereich des Beckenbodens sehen wir dann meist die Gründe für eine instabile Blase: die Absenkung von Blase, Gebärmutter oder Darm als Folge einer Bindegewebsschwäche, Schwangerschaften oder schwierigen Geburten.“

Auch Übergewicht oder schwere körperliche Arbeit können solche Probleme verursachen. Der hintere Teil des Beckenbodens, die Darm- und Analregion, wird von den Proktologen bei Stuhlinkontinenz und anderen Schwierigkeiten bei der Darmentleerung untersucht. Schließlich erhält der Patient eine individuelle Therapieempfehlung, die konservative Ansätze, medikamentöse Therapien und spezialisierte Operationsverfahren einbezieht. Diese kann er mit seinem Hausarzt besprechen.

Kontakt zu einer Auswahl von Beckenbodenzentren:

Jeden Donnerstag von 8 bis 14 Uhr (und nach Vereinbarung) ist Beckenbodensprechstunde am Uniklinikum Düsseldorf, Frauenklinik Geb. 14.24, Moorenstraße 5. beckenbodenzentrum@med.uni-duesseldorf.de, 0211/8116092, www.uniklinik-duesseldorf.de

KOBEC (Kontinenz- und Beckenboden-Centrum) im Evgl. Krankenhaus Oberhausen, Virchowstraße 20. kobec@eko.de, 0208/8811234, www.kobec.de

Das Beckenbodenzentrum Ruhrgebiet im Evgl. Krankenhaus Herne, Wiescherstr. 24. 02323/ 4982041, www.evk-herne.de

Mehr Informationen zum Beckenboden-Kompetenzteam des Marien Hospitals Düsseldorf unter: www.marien-hospital.de