Beipackzettel richtig lesen und verstehen

Beipackzettel von Medikamenten enthalten wichtige Informationen. Nicht immer sind sie verständlich formuliert.
Beipackzettel von Medikamenten enthalten wichtige Informationen. Nicht immer sind sie verständlich formuliert.
Foto: imago/Westend61
Was wir bereits wissen
...zu Nebenwirkungen und Risiken fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker. Doch oft sind die Infos zum Medikament unverständlich. Was Sie wissen müssen.

1391 Millionen. So viele Arzneimittelpackungen wanderten 2014 über die Ladentische deutscher Apotheken. Das Arzneimittelgesetz schreibt für viele davon eine Packungsbeilage mit festgelegten Inhalten vor. Und hier liegt auch schon das Problem: Was für die Pharmakonzerne rechtliche Pflicht und wichtiges Instrument in Sachen Haftung ist, stellt die Adressaten dieser „Gebrauchsinformation“, die Patienten, regelmäßig vor große Rätsel. „Meist verwirrt der Beipackzettel mehr, als dass er aufklärt“, sagt die Bochumer Apothekerin Dr. Inka Krude. „Patientenfreundlich ist er jedenfalls nicht!“

Einnahmezeitpunkt

Denn was bedeutet es, wenn die Tablette „vor dem Essen“ eingenommen werden muss? Unmittelbar davor? Oder lange davor? Fragen, die der Beipackzettel meist nicht beantwortet. Aber die Apothekerin: „Vor dem Essen“ bedeute etwa 30 Minuten vor der Nahrungsaufnahme. „So erreicht das Medikament den Magen nicht zusammen mit der Nahrung, es soll allein verstoffwechselt werden.“

Das gilt natürlich nicht für alle Präparate – Tablette ist nicht gleich Tablette. Manche sind ummantelt, damit der Wirkstoff abhängig vom pH-Wert an bestimmten Stellen im Körper freigesetzt wird, zum Beispiel nicht im Magen, sondern erst im Darm. Werden solche Kapseln entgegen der Anweisung eingenommen, können sie nicht richtig wirken. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von „Bioverfügbarkeit“ – gemeint ist, wann der Wirkstoff für den Körper verfügbar gemacht wird.

Daher auch die weiteren Floskeln, wie etwa „zwischen den Mahlzeiten“ (eine Stunde vor, oder zwei Stunden nach dem Essen), „nüchtern“ oder „nach dem Essen“(die letzte Mahlzeit sollte mindestens zwei Stunden zurückliegen).

Grundsätzlich solle man ein großes Glas Wasser zum Herunterspülen trinken, sagt Inka Krude. Kein Kaffee, kein Saft – nur Wasser. Denn was viele nicht wissen: Manche Getränke, zum Beispiel Milch, oder Grapefruitsaft, der oft auch in Multivitaminsaft enthalten ist, können die Wirkung bestimmter Stoffe verstärken oder abschwächen.

Was Namenszusätze bedeuten

Dosierung

Weicht die im Beipackzettel angegebene Dosierungsempfehlung von der des Arztes ab, sollten Patienten sich auf jeden Fall rückversichern, sagt die Apothekerin. Denn es könne vorkommen, dass sich die Wirkstoffmenge in einem Präparat ändere und der Arzt nicht informiert sei. Wird ein Medikament anders verabreicht als in der Packungsbeilage beschrieben, also geschluckt statt gespritzt, oder gegen eine Erkrankung eingesetzt, für deren Behandlung es nicht zugelassen ist, handelt es sich um einen sogenannten „Off-Label-Use“, für den der Arzt die Verantwortung trägt. „Bei manchen Präparaten sind alternative Anwendungen möglich“, sagt Inka Krude, „sie müssen aber ausdrücklich vom Arzt verordnet worden sein.“

Aber darf man eine Tablette nun zerbeißen oder zerteilen? Auch wenn sie eine Einkerbung hat, bedeute das nicht zwingend, dass sie zerteilt werden darf, so Inka Krude. Manche Pillen seien zwar teilbar, so dass man sie bequemer herunterschlucken oder die Dosierung reduzieren könne, andere dürfen keinesfalls zerbrochen oder zerbissen werden. Zum einen, weil der Wirkstoff nicht immer gleichmäßig verteilt ist: Bricht man sie durch, um die andere Hälfte später zu nehmen, dosiert man also möglicherweise einmal höher und einmal niedriger – was zum Beispiel bei blutdrucksenkenden Mitteln deren regulierende Wirkung gefährdet. Andere Tabletten können sogar gefährlich werden, wenn ihr Wirkstoff schon in der Mundhöhle freigesetzt wird. Wer jeden Tag Aspirin kaue, könne sich auf diese Weise die Mundschleimhaut verätzen, sagt Inka Krude. Das ist natürlich ein extremes Beispiel, zeigt aber, wie empfindlich die Schleimhaut für Wirkstoffe aus Medikamenten ist.

Nebenwirkungen

Um sich rechtlich abzusichern, müssen Pharmakonzerne sämtliche Eventualitäten erwähnen. Da spart sich mancher Patient lieber den Blick auf die Liste möglicher Nebenwirkungen, manches möchte man ja gar nicht wissen. Doch es ist wichtig, Nebenwirkungen als solche zu erkennen, um zu entscheiden, ob eine Behandlung überhaupt fortgeführt werden kann. Um das aber herauszufinden und richtig einschätzen zu können, ist der Beipackzettel nicht immer der beste Ratgeber. „Wer hypochondrisch veranlagt ist, bekommt die Nebenwirkungen ja gerade deshalb, weil er davon gelesen hat – das kann die gesamte Therapie gefährden“, sagt Inka Krude. Besser sei es, Apotheker oder Arzt anzusprechen, wenn man nach der Einnahme neue Symptome an sich beobachte. Wer befürchtet, dass ihn die Liste nur verunsichert, kann schon im Vorfeld seinen Arzt gezielt nach relevanten Nebenwirkungen fragen.

Wechselwirkungen

In ihrer Apotheke berät Inka Krude täglich Kunden, denen Medikamente verordnet wurden, die sich nicht miteinander „vertragen“.

Oft seien die Patienten bei unterschiedlichen Ärzten gewesen, die nichts von dem zweiten verschriebenen Präparat wussten. Daher sollte man die im Beipackzettel beschriebenen Wechselwirkungen unbedingt ernst nehmen und den Arzt über weitere Medikamente informieren.