Es ist einfach peinlich, dass die SPD ihr schlechtes Ergebnis bei der Europawahl fast ausschließlich auf die geringe Wahlbeteiligung zurückführt. Und allen Ernstes behauptete SPD-Vize Andrea Nahles am Sonntagabend im ZDF, wenn bei der Bundestagswahl die Wahlbeteiligung deutlich steige, steige auch das Ergebnis für die SPD. Deutlich, natürlich! Na, wer’s glaubt ...
Fragwürdig blieben auch die Analysen der Fernseh-Kommentatoren. Die einen sagten, die Stammwählerschaft ist zu Hause geblieben. Ich frag mich: „Wer genau ist die Stammwählerschaft? Haben sich etliche, die bislang ihr Kreuzchen bei der SPD gemacht haben, nicht schlicht und einfach für eine andere Partei entschieden? Die anderen Kommentatoren sagten, das Ergebnis der SPD zeige nur, dass die Wähler die Rettungsbemühungen um Opel und Arcandor abgestraft hätten. Ich frage nur: Glaskugel?
Ob wirklich immer eine ausgeklügelte Begründung hinter einer Wahlentscheidung steht, halte ich für fraglich. Auf Arcandor bin ich jedenfalls nicht gekommen, als ich mir überlegt habe, wen ich bei der Europawahl wähle. Ich habe mehr nach Sympathie entschieden.
Und etliche Bürger aus den Ruhrgebietsstädten haben anders gewählt, als es das Europawahl-Ergebnis zeigt. Denn in mehreren Kommunen wurde die CDU abgestraft, die SPD hat mehr oder weniger deutlich hinzugewonnen. Wundern tut’s mich nicht. Viele Wahllokale wurden von Wahlplakaten mit kommunalen Spitzenkandidaten geziert. Von Europa keine Spur. Peinlich für die Parteien, deren Aufgabe es eigentlich ist, den Bürgern den europäischen Gedanken zu vermitteln.
Analysen über Analysen am Wahlabend und am Tag danach scheinen überflüssig. Die Parteien haben kaum mit Europa geworben, also ist auch kaum über europäische Themen entschieden worden. Welche anderen Themen eine Rolle gespielt haben, darüber kann man nur mutmaßen. Jeder pickt sich seine Erklärung heraus.
Doch der Wähler bleibt trotz aller Analysen und Meinungsumfragen ein unbekanntes Wesen. Er sorgt immer wieder für eine Überraschung, wenn er sein Kreuzchen in der Wahlkabine macht. Er fordert immer wieder die Erklärungs-Kreativität der Parteien heraus. Er macht sich seine eigenen Gedanken und staunt hinterher immer nur, wenn ihm andere erklären, welche Motivation hinter seiner Stimme steht.
Und es ist herrlich anzuschauen, wie souverän der Wähler ist und wie viele Kinnladen er am Wahlabend immer wieder herunterfallen lassen kann...





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