Liebe Simone Steffens,
vor gar nicht allzu langer Zeit sind Sie Mutter eines Sohnes geworden. Und das mitten im Kommunalwahlkampf in Gladbeck. Was ja zunächst ja gar nicht schlimm ist, wären Sie nicht Bürgermeister-Kandidatin. Das finden zumindest eine ganze Menge Leute.
Anstatt sich über die Geburt eines gesunden Sohnes zu freuen, verpasst man Ihnen direkt das Image der Rabenmutter. Wie unverantwortlich, ein Kind in die Welt zu setzen und einige Zeit später bei einer Wahlveranstaltung Rede und Antwort zu stehen. Sagen die Leute.
Wie engstirnig und respektlos, sage ich.
Am liebsten würde man Sie in den Keller sperren. Eine Grüne auch noch, die Kind, Beruf und Politik vereinen will. „Mensch, ist das schön. Wenn er jetzt noch die Wahl gewinnt, hat er alles richtig gemacht“, sagen die Leute über einen Mann, der Bürgermeister werden will und im Wahlkampf Vater wird.
Besonders Hausfrauen, deren Kinder längst aus dem Haus sind und die vom Gehalt ihres Mannes leben, nehmen den Mund oft besonders voll. Ob deren Arbeit im Haus, ohne Kinder zu hüten, wirklich den ganzen Tag ausfüllt? Anscheinend nicht, ansonsten würden die sich über Sie ja nicht so das Maul zerreißen.
Es gibt keinerlei Studie, die besagt: Ein Kind, auf das die Mutter nicht mindestens drei Jahre fixiert war, wird kriminell, verwahrlost oder beruflich desorientiert. Sie, Frau Steffens, wollen ja auch nicht auswandern oder die Kita vom ersten Tag an ausprobieren. Sie wollen einfach mal in regelmäßigen Abständen Politik machen. Wie karrieregeil, sagen die Leute.
Wie demokratisch, sage ich.
Politik, die hauptsächlich von Beamten und Hausfrauen gemacht wird, geht an der Bevölkerung vorbei. Gut gemachte Kommunalpolitik braucht Menschen aus allen Lebensphasen. Je näher ich dran bin, umso besser kann ich Vorschläge begründen. Und umso mehr kommen mir erst die Ideen, was sich verbessern muss, wenn sich wieder mehr Frauen und Männer für Kinder entscheiden sollen.
Ich finde, Frau Steffens, Sie machen anderen Frauen Mut. Dass ein Kind eben nicht dauerhafte Abgeschiedenheit bedeutet. Dass ein Kind kein langfristiger Abschied von Beruf und sozialem Leben ist. Jahrelang ausschließlich an Haus und Kind gekettet zu sein, halte ich nämlich nicht für erstrebenswert. Weder für die Frau noch für das Kind.
Liebe Frau Steffens, halten Sie es mit der Musikgruppe „Die Ärzte“. Lassen Sie die Leute einfach reden, lächeln Sie und erwidern Sie nichts. Desinteresse ärgert sie am meisten.





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