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Bewegungsmangel

Urkunde Hilden Sarah

Am letzten Wochenende war ich mal wieder zusammen mit Sarah laufen. Sarah mag Kurzstrecken ja genauso wenig wie ich. Wenn sie in der Schule einen 800-Meter Lauf hat, dann hängt sie meistens noch 1-2 Runden dran um die Zeit totzuschlagen, bis auch der allerletzte angekommen ist.
Um so schwieriger ist es, passende Läufe für sie zu finden. Schlage ich ihr einen normalen Schülerlauf von 1000-2000 Metern vor, kommt nur der Kommentar: „Dafür ziehe ich mir die Laufschuhe nicht an!“ Und außerdem hasst sie es genauso wie ich, sich die Lunge aus dem Leib zu rennen.
Dann schon lieber einen entspannten 24-Stunden-Lauf mit Papa, da kann man dann zwischendurch auch ausgiebig Gehpausen machen.

Das Problem ist nur, solche Läufe gibt’s nicht viele. Und schon gar nicht welche, bei denen man seine Kinder mitbringen kann. Nun hat sich kurzfristig in Hilden die Möglichkeit zu einem 24-Stundenlauf geboten. Der Anlass ist zwar ein ernster, nämlich die schwere Erkrankung einer Taiwanesischen Ultra-Läuferin, die mit dieser Aktion sowohl finanziell als auch mental unterstützt werden soll, aber solche Benefizläufe bieten auch immer Gelegenheit zum „Familientreffen“, bei dem neben dem Laufen noch genug Zeit zum Quatschen bleibt. Weitere Infos gibt’s bei Conny und Sigi Bullig, den Organisatoren: http://www.cosibullig.de/132062/home.html .

Also habe ich einfach mal Sarah gefragt, ob sie mit mir dahinkommen würde. Der Dialog lief ungefähr folgendermaßen:
Ich: „Demnächst gibt’s wieder ‘n 24-Stundenlauf.“
Sarah: „Klasse, wo denn, kann ich mit?!?“
Ich: „In Hilden, ist kein offizieller Lauf, also kannste auch mit. Ist aber 'ne Sportplatzrunde, also nur 400 Meter.“
Sarah: „Um so besser, dann kann ich auch mal alleine laufen“
Ich: „Am gleichen Wochenende könntest Du auch an zwei Judowettkämpfen teilnehmen.“
Sarah: „Nee, ich laufe!!“

Punkt, aus, beschlossen. Jetzt könnte ich sie eh nicht mehr davon abbringen.
In der Woche vor dem Lauf haben wir uns erst mal neue Schuhe besorgt. Ich glaube, Steffi aus dem Laufladen hat noch nie so schnell Schuhe verkauft. Ich wusste, was ich brauche, Sarah kam mit dem ersten Modell am besten zurecht, und Steffi wollte den Laden dicht machen.
Sarahs neue Schuhe sind zwar die gleiche Größe wie die alten, aber ‘ne andere Marke und insgesamt etwas länger. Manchmal frage ich mich schon, ob die Schuhgrößen irgendwo festgelegt sind.
So hat Sarah jetzt zwei Paar Schuhe, die sie auch mal wechseln kann. Und ich hab‘ mir gedacht, es gibt doch keine bessere Möglichkeit, meine neuen Schuhe einzulaufen als einen 24-Stunden-Lauf ;-) .

Es sollte zum 24-Stunden-Lauf nichts geben, was Kosten verursacht, also auch keine Verpflegung (die Spendensumme sollte durch nichts verringert werden) nur das Wasser (still und mit Kohlensäure) war gesponsert und reichlich vorhanden. Deshalb habe ich Samstag morgen noch einen Klappkorb mit allem gekauft, was ungesund und kalorienreich ist, was man bei einem solchen Lauf aber gerne zu sich nimmt (Kekse, Schokolade, Salzstangen, Weingummi, Cola usw.).

Nach einem frühen Mittagessen dann ab nach Hilden. Den Sportplatz finden wir auf Anhieb, der Steppenhahn ( http://www.steppenhahn.de ) und einige Steppenhühner sind schon da. Wir werden beide herzlich empfangen. Auch der 12-jährige Philipp, mit dem wir schon beim 24er in Bad Lippspringe gelaufen sind, ist mit seinem Papa dabei.
Wir suchen uns einen Schlafplatz irgendwo im Gang zu den Umkleidekabinen, wechseln diesen aber später noch, weil an der ersten Stelle alle vorbeilaufen müssen. Direkt bei den anderen will ich nicht lagern, weil einige bestimmt die halbe Nacht beim Bier zusammensitzen werden und ich für Sarah gerne etwas mehr Ruhe haben möchte. Außerdem ist unser Lagerplatz so ziemlich die kühlste Stelle im uns zur Verfügung stehenden Hallenbereich.

Die Bahn selber ist ‘ne Überraschung. Ich bin noch nie lange auf einer Tartanbahn gelaufen, schon gar nicht 24 Stunden. So gibt’s wenigstens keine Steine im Schuh, klasse!!
Der Verpflegungstisch birgt weitere Überraschungen. Neben dem versprochenen Wasser, Tee und Brühe entsteht hier so nach und nach ein vollständiges Läuferbuffet mit Kuchen, Weingummi, Schokoriegeln, Salzstangen und so weiter. Ein Läufer hat von seiner Frau sogar vier Apfelkuchen mitbekommen. Um es vorwegzunehmen, es war mehr als wir alle essen konnten. So haben wir unsere eigene Verpflegung fast vollständig wieder mit nach Hause genommen.

Um 14:00 Uhr wurde der Lauf vom Vizeoberbürgermeister der Stadt Hilden eröffnet. Die Stadt selber hat den Benefizlauf mit der kostenlosen Bereitstellung des Stadions unterstützt, danke auch dafür.
Die ersten Runden laufe ich zusammen mit Sarah, danach wollen wir jeder für uns unsere Runden drehen. Sarah stellt aber recht schnell fest, dass ihr alleine laufen langweilig wird und beordert mich an ihre Seite. Als folgsamer Papa gehorche ich natürlich. So wird mein Vorsprung bis zur Nacht dann nie größer als fünf Runden. Nach ein paar km werden unsere Laufintervalle kürzer und die Gehpausen länger. Sie bleibt aber auf der Strecke, ich also auch.

Gegen Abend dann die ersten verwunderten Zuschauer: „Wie viele Runden hat Sarah denn?“ „Och, so 65.“ „Wie bitte?!?“
Ich kläre auf: „Sarah ist letztens schon 60 km gelaufen, und will unbedingt ihre persönliche Bestleistung toppen.“ Später rechne ich mit Barbara Becker noch nach und wir stellen fest, dass es in Breitscheid „nur“ 55 km waren, ist aber auch egal, die meisten Nicht-Ultraläufer haben sowieso keine Vorstellung davon, was es heißt sich 55 oder 60 km am Stück auf eigenen Füßen zu bewegen.

Abends spendiert Sigi Pizza für uns alle, wer bezahlen möchte, kann das Geld in die Spendendose werfen. Auch ‘ne gute Idee, es waren am nächsten Tag auch einige Scheine in der Dose. Ich habe kaum den letzten Bissen Pizza im Mund, da meldet sich Sarah schon wieder: „Können wir jetzt wieder auf die Bahn??“ Das kommt mir nur zu bekannt vor ( http://www.steppenhahn.de/ultra/b3151.html ), ich wehre mich nicht.

Irgendwann tauchen im Dunkeln plötzlich zwei Polizisten auf der Bahn auf. Sigi und Conny bekommen schon Herzrasen. Was wollen die denn hier?!? Schnell die Entwarnung, der Polizist ist nur selber Marathonläufer und hatte in der Lokalzeitung vom Benefizlauf gelesen, seine Kollegin ist auch interessierte Läuferin. Beide sind sehr gut informiert und fragen nach dem ein oder anderen Ultraläufer, unter anderem auch nach Uli Schulte, dem laufenden Pastor aus Bremen. Dieser schenkt beiden seine (übrigens äußerst ungewöhnliche) Lebensgeschichte in Buchform (Titel: Der letzte Schuss).

Sarah und ich berechnen in der nächsten Zeit gemeinsam ein realistisches Tagesziel. 100 Runden sollen es bis um 00 Uhr werden, dazu sind dann 10 Runden pro Stunde nötig. Obwohl die Motivation langsam nachlässt, will Sarah nicht von der Bahn. Ein anderer Teilnehmer stellt fest, dass Sarah aber einen ungewöhnlich starken Willen hat. Ich kann das nur bestätigen – nicht nur beim Laufen ;-). Um 20 vor 12 haben wir Sarahs Ziel erreicht und sie ist dann doch froh, dass sie sich nach einer Katzenwäsche in ihren Schlafsack einrollen kann. Bevor sie einschläft, trägt sie mir aber noch auf, sie allerspätestens um 07:00 Uhr zu wecken. Dank Zeitumstellung kann sie ja eine Stunde doppelt schlafen. Ich habe auch für heute keine Lust mehr und rolle mich ebenfalls ein, den Marathon habe ich ja mit 106 Runden auch voll (ja, eine Runde durfte ich vorm Schlafen noch alleine laufen).

Ich werde um 04:00 Uhr schon wieder wach, stehe etwas später dann auch auf, um noch ein paar Runden alleine zu drehen, während Sarah noch schläft. Unterwegs plaudere ich mit dem ein oder anderen Läufer, unter anderem eine ganze Zeit mit Wolfgang Schwerk, einem der vier besten Ultramarathonläufer der Welt, ich glaube, er hält alle Weltrekorde zwischen 1600km und 5000km – auch für mich unvorstellbare Strecken. Das ist das schöne bei Rundenläufen. Selbst ich als absolute Null kann hier ein paar Runden mit einem Welteliteläufer laufen oder gehen und dabei mit ihm quatschen. Starallüren kennt in diesem Umfeld keiner. In welchem Sport ist das sonst noch möglich?

Um halb sieben sehe ich im Halbdunkel auf der Gegengeraden eine recht kleine Gestalt über die Strecke tapern. Nanu, das ist doch wohl nicht Sarah?!? Ich laufe los, und siehe da, sie ist es wirklich. Typisch, noch kein Frühstück und nix, aber schon auf der Bahn, fast noch im Halbschlaf. Die Runde macht sie noch zu Ende, dann hole ich sie erst mal von der Strecke. Wir gönnen uns ganz in Ruhe einen heißen Tee und ein Brötchen mit Pfeffersalami. Danach, keine Überraschung: „Papa, sind wir zum Laufen oder zum Rumsitzen hier?!?“

Ein paar Runden braucht Sarah noch, bis sie ihre Müdigkeit überwunden hat. Dann macht sie aber wieder die gleichen Faxen wie am Vortag. Mal läuft sie wie Quasimodo, dann hüpft sie wieder. In der letzten Stunde macht sie ein paar Antritte aus dem Tiefstart. Den verwunderten Mitläufern erkläre ich, dass mein Kind wohl unter Bewegungsmangel leidet ;-)
Nach 55 km plus einer Runde könnte sie eigentlich aufhören. Ihre Bestleistung hat sie ja. Wie konnte ich nur auf so eine abwegige Idee kommen. Sie hat 60 km plus eine Runde angekündigt, also macht sie das auch.
Und wie um die anderen Läufer zu ärgern, läuft sie diese allerletzte Runde im Scherenschritt – wer’s nicht mehr kennt, seitwärts, immer abwechselnd das linke und das rechte Bein vorne. Ich hab’s auch versucht, aber nach einer guten halben Runde aufgegeben; hab' mir fast die Füße verknotet dabei. Stephan Isringhausen raunzt nur von der Tribüne: „Kannste da nicht irgendwie ein Tuch vorhalten?!? Das ist zu deprimierend anzusehen!!“

Die letzte halbe Stunde sitzen wir dann noch auf der Bank und schauen den anderen beim Laufen zu. Auch Sarah hat endlich die Schnauze voll, und ihre Oberschenkel schmerzen auch etwas (na endlich). Das hindert sie aber nicht daran, beim Einpacken zwischen Auto und unserem Lager hin und herzurennen – ich glaub‘ mein Kind hatte nicht genug Bewegung in den letzten 24 Stunden.

Übrigens: Nach der ersten Hochrechnung hatte Sigi ein Spendenergebnis von über 5000 Euro zu vermelden. Ein voller Erfolg und hoffentlich zumindest eine kleine Hilfe für Shu-Jung.
Eigentlich hatten sich ja auch noch ein paar Staffeln angekündigt, und die Borbecker Raketen wollten auch noch kommen. Habe aber keine orangenen T-Shirts gesehen – vielleicht waren die Raketen nur zu schnell für meine Augen ;-)
Ach ja, meine neuen Schuhe sehen zwar immer noch neu aus, sind aber jetzt nach 76 km eingelaufen.

 
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