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„Olli Kahn hat beschlossen: Eine Halbzeit ist genug“

„Es war noch nie so leicht, in München zu gewinnen" - hört er diesen Satz, spitzt der erfahrene Borusse auf der Stelle seine Ohren. Zu oft hatte er in den vergangenen Jahren Hoffnungen in seine Mannschaft gesteckt und dennoch eine ordentliche Tracht Prügel bezogen - von 2:6 über 1:4 bis hin zum 0:5 reichte das Menü der Grausamkeiten. Knapp am Sieg schrammte er hingegen vorbei, wenn er gegen einen FC Bayern in Topform antreten durfte - ein unglückliches 1:1 in der Meistersaison 2002 sowie ein umjubeltes 3:3 im neuen Münchener Schlafsalon schlugen hier zur Buche.

Ob die Schwächephase der Münchener mit einem müden Kick in Nürnberg und zwei anstrengenden Spielen im Uefa-Cup nun ein gutes Omen war? Man durfte zumindest seine Zweifel haben und war angehalten, die Erwartungen ausnahmsweise mal nicht in den Himmel wachsen zu lassen. Ersatzgeschwächt und ausgezehrt waren sie, die Stars des großen Rekordmeisters. Zu stark mitgenommen, um noch bestehen zu können in einer Liga, die sie sonst im Schongang aufzumischen pflegten. Mit Lucio, Jansen, Klose, Ribery und van Bommel fehlte mal eben die halbe Stammformation, so dass auf eine B-Auswahl zurückgegriffen werden sollte - dieser war im bisherigen Saisonverlauf zwar noch nicht besonders viel gelungen, dafür war sie aber wenigstens im  Teilbesitz ihrer Kräfte.

Eine derartige Mannschaft hätten sich auch die knapp 6500 mitgereisten Borussen gewünscht. Stattdessen lief es ihnen beim Blick auf die Mannschaftsaufstellung eiskalt den Rücken hinunter - wieder einmal eine völlig neu  zusammengewürfelte Verteidigung, drei klassische Mittelstürmer und dazu noch zwei Rekonvaleszenten mit an Bord. Es blieb nur ein Gedanke im Kopf haften: Hoffentlich liegen wir hier nicht nach einer Viertelstunde mit vier oder fünf Toren hinten...

 Mit der besten aller Voraussetzungen - Demut im Familienpack - begann das Spiel des kommenden deutschen  Glückseligmachers und Gelsenkirchener Meisterschaftsverhinderers gegen Borussia Dortmund. Nach nicht einmal drei Minuten war es dann auch schon so weit: Zwei kleine Rangeleien im Mittelfeld, ein langer Pass von Christian Lell auf Luca Toni, eine lässige Ablage auf Lukas Podolski und ein satter Linksschuss aus gut 20 Metern Torentfernung - 1:0 für den  FC Bayern nach katastrophalen Stellungsfehlern der halben Dortmunder Hintermannschaft.

Nur 2 Minuten später der nächste Angriff der Bayern: ein langer Pass auf Toni wurde von Christian Wörns in höchster Not geklärt, die Gefahr hielt jedoch weiter an. Daniel van Buyten eroberte sich das Leder im Mittelfeld zurück, marschierte in aller Seelenruhe an Sebastian Kehl und Philipp Degen vorbei; ohne Mats Hummels beherzten Einsatz hätte es schon jetzt zum zweiten Mal im Dortmunder Kasten geklingelt. 

Immer wieder viel zu weit entfernt von ihren Mitspielern gewährte Borussia Dortmund den angreifenden Bayern allen Platz, den man sich in einem lockeren Trainingsspiel so gewünscht hätte. Zum dritten Mal marschierte Toni in der Mitte durch, legte aber diesmal auf den an der Seitenlinie völlig allein gelassenen Podolski ab; der Münchener Edelreservist nutzte die Freiheit zu einer schönen Flanke, die punktgenau auf dem Fuße Ze Robertos landete und von dort den direkten Weg ins Dortmunder Tor fand. 2:0 in der achten Minute - schlechter hätte man es nun wirklich nicht machen können.

Im Gästeblock schien man sich bereits mit der  Niederlage abgefunden zu haben - das Spiel war bei vielen ohnehin als völlig sinnfrei eingestuft worden, gab es in der Liga schließlich nichts mehr zu holen: „Wir wollen Dortmund, wir wollen Dortmund, wir wollen Dortmund siegen sehen, nächste Woche, nächste Woche, nächste Woche in Berlin" hallte es durch das Rund der Münchener Trauergesellschaft. Erstmals meldeten sich nun auch die tollsten Fans der Liga zu Wort, die in ihrem lächerlichen Stimmungskern tatsächlich versuchten, witzig zu sein.

Irgendwie gelanges ihnen aber nicht so wirklich - zum einen, weil man sie einfach nur mit verdammt viel Mühe hören könnte, zum anderen, weil die  Hohngesänge nun wirklich schon seit einigen Jahren nicht mehr besonders originell sind. Wenigstens schaffte es der Münchener Anhang auf diese Weise, die Leistung der Borussenelf zu unterbieten - diesem Publikum wünscht man doch tatsächlich mal ein Heimspiel gegen Hoffenheim an den Hals.

Borussia hatte sich zu diesem Zeitpunkt langsam in das Spiel hineingestolpert und wenigstens das Bemühen signalisiert, nicht als Opferlamm vor den Altar schreiten zu wollen. Ein zaghafter Vorstoß endete im Nichts, doch wieder einmal war die Verteidigung zu weit nach vorne aufgerückt. Ein simpler Pass auf Toni reichte, schon schnappte der sich den Ball und schob ihn an Marc Ziegler vorbei ins Netz - das 3:0 in der 18. Minute. Ausgangspunkt waren erbärmliche Stellungsfehler, die man Leonardo Dede und seinen Kameraden noch einige Wochen lang als perfekte Beispiele des Antifußballs vorführen sollte. Besondere Erwähnung finden darf diesbezüglich auch Kapitän Wörns, der in seiner Zweikampfhaltung einem Schulmädchen beim Twisterspielen in Nichts nachstand.

Drei Minuten später der nächste Angriff der Münchener Reservetruppe. Ein langer Pass hebelte die Borussenabwehr zum vierten Mal in Folge aus - diesmal durfte Ze Roberto den Ball in Empfang nehmen, zuständig hatte sich für ihn ja irgendwie doch keiner gefühlt. Im Gegenteil: Der außen stehende Wörns trat den Weg in die Innenverteidigung an, der innen stehende Dede kreuzte dessen Laufweg und machte sich auf in Richtung Außenbahn - Borussia war nicht nur wehrlos, sondern stand dem FC Bayern nun Spalier. Ze Roberto hatte mittlerweile den Strafraum erreicht und wartete brav auf den heranschleichenden Dede; ein bisschen standen sie dann gemeinsam in der Landschaft herum, bis Toni plötzlich am rechten Torpfosten aufgetaucht war. Ein unverschämt frecher Lupfer über Dede und den hinterher hechelnden Wörns landete bei Luca Toni, der sich diese Einladung beim besten Willen nicht entgehen lassen konnte. 4:0 nach 22 Minuten - eine reife Leistung, chapeau!

Wer darauf gehofft hatte, nun ein Lebenszeichen des  Operettenpublikums vernehmen zu können, hatte sich leider  getäuscht. Beschämend still ertrugen die Bayern die Darbietung ihrer Mannschaft und ernteten dafür Hohn und Spott. Wie schon bei der Meisterfeier 2006 hatten die Hausherren leider nicht den blassesten Schimmer, wie man sich im Falle des großen Triumphs hätte verhalten können. Damals stellte sich der Dortmunder Anhang selbstlos zur Verfügung und erteilte eine erstklassigeNachhilfestunde, an welche nunmehr nahtlos angeknüpft werden sollte: der Gästebereich feierte das 4:0 und brach immer wieder in enthusiastischen Torjubel aus. Was soll man bloß von einer Kurve halten, die sich bei einer haushohen Führung im eigenen Stadion von gegnerischen Fans die Butter vom Brot nehmen lässt?

  Die folgenden 40 Minuten passierte nicht besonders viel. Der BVB hatte sich von der Stimmung auf den Rängen anstecken lassen und trat nun auf wie der sichere Sieger - das Ergebnis wurde verwaltet, ohne großen Raumgewinn der nächstmögliche Querpass gesucht und dann wieder eine kleine Spielverschleppung eingebaut. Die Bayern hatten die Lust am Katz- und Mausspiel indes verloren, beschränkten sich auf wenige Konter und nutzten jede Gelegenheit, um ihren Gegner noch weiter zu demütigen. So hatte mit Oliver Kahn der Münchener Kapitän zur Halbzeit das Feld verlassen, um Platz für Michael Rensing zu schaffen und selbst ein wenig auszuspannen. Die Stimmungskanone am Stadionmikrophon konnte sich diesen Seitenhieb natürlich nicht entgehen lassen: „Ihr habt sicher gesehen, dass einer nicht mehr auf den Platz gekommen ist. Olli Kahn hat beschlossen: Eine Halbzeit ist genug."

Das Ballgeschiebe wurde begleitet von einem guten Dutzend Münchener Laola-Wellen und den immer wieder aufbrandenden Begeisterungsstürmen der Dortmunder Fans. Diese hatten sich zwischenzeitlich ihrer überflüssigen Kleidungsstücke entledigt und sahen, wie sich Florian Kringe an der besten Torchance des Dortmunder Spiels versuchte. Philipp Lahm und Martin Demichelis hatten sich als faire Sportsmänner erwiesen und sich nicht vom Fleck bewegt; wie Slalomstangen hatten sie den zur Halbzeit eingewechselten Robert Kovac vorbeitrotten lassen und dabei zugesehen, wie dieser Kringe einen Meter vor dem Tor in den Lauf spielte. Wen wunderte es eigentlich, dass dieser Ball nicht im Tor untergebracht werden konnte?

Das Mitleid des Rekordmeisters hielt sich fortan wieder in Grenzen. Tonis Distanzschuss in der 67. Minute konnte von  Ziegler pariert werden; der Abpraller landete bei Podolski, der ebenfalls die Variante Gut-Glück wählte und ein volles  Pfund in Tonis Rücken setzte. Andreas Ottl witterte seine Chance und tat es seinen beiden Kollegen gleich - aus 20  Metern satt abgezogen und mit Zieglers Unterstützung aus dem Nichts das 5:0 erzielt. Ein gutes Pferd springt eben nur so hoch, wie es unbedingt muss.

  Sehr viel passierte anschließend nicht mehr. Toni versuchte sich an einem Rückzieher im Fünfmeterraum und brachte diesen beinahe noch im Tor unter, Dortmund ergab sich seinem Schicksal und war mit dem 0:5 noch bestens bedient. Der Gästeblock meldete sich noch einmal zu Wort und feierte das Heimspiel in München, dessen Ausgang eigentlich niemanden so richtig überraschte oder gar interessierte. Seit einigen Wochen wird die Bundesliga kaum mehr ernst genommen und die gesamte Hoffnung in den DFB-Pokal gesetzt - hoffen wir, dass die Spieler Hannover 96 halbwegs schadfrei überstehen und am Samstag all das zeigen, was sie in den vergangenen Spielen so häufig vermissen ließen.

 
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