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Not siegt gegen Elend

Verrückt. Absolut bekloppt. Der helle Wahnsinn. Um die Schlussminuten der Partie gegen Bayer Leverkusen mitsamt seines freudestrahlenden Endes zu beschreiben, fehlt es der deutschen Sprache einfach an den passenden Worten. Leichter fällt es definitiv, die vorangegangenen Minuten zu beschreiben, deren Umschreibung mit Folterfußball wohl noch sehr wohlwollend ist.

 

Denn wenn eine Mannschaft 80 Minuten lang grottigen Fußball der übelsten Sorte produziert, in den letzten fünf Minuten einen 0:1-Rückstand noch in einen 2:1-Sieg zu drehen vermag und am Ende trotzdem als verdienter Sieger dasteht, dann sagt das eigentlich schon alles über die Qualität der Partie, in der beide Teams ihre Anhänger systematisch zu Quälen versuchten.

 

Klasse, Dynamik, Leidenschaft – diesen Dreiklang hätte man sich als Zuschauer gewünscht in einer Begegnung, die von ihrer Konstellation her schon nicht gerade zu den spannendsten gehörte. Hier ein verhinderter UEFA-Cup-Aspirant, der sich zumindest in der Liga lediglich noch anschicken kann, einen möglichst versöhnlichen Abschluss zu erspielen. Dort ein verhinderter Champions-League-Anwärter, der sich seit Wochen im direkten Sinkflug befindet und eine Wiedergutmachung dringend nötig gehabt hätte. Doch es sollte nichts sein mit leidenschaftlichen Zweikämpfen, dynamischem Angriffspiel und hochklassigen Torraumszenen. Stattdessen wähnte man sich als Zuschauer beim Schneckenrennen, bei dem beide Trainer laufend nur Einsen würfelten.

 

Die Anfangsphase der Partie jedenfalls verlief ohne jegliche Vorkommnisse. Zum Gradmesser der Ödnis geriet das Notebooks des Berichterstatters, das sich nach dreißig gerumpelten Minuten mangels Beschäftigung in den Standby-Modus verabschiedete. Pünktlich zur einzig nennenswerten Szene der ersten Hälfte ging es dann jedoch wieder an den Start: Mladen Petric hatte sich auf der linken Seite den Ball erlaufen, wurde von Karim Haggui jedoch geschickt abgedrängt und vermochte Rene Adler mit einem Schüsschen aus spitzem Winkel nicht ernsthaft beschäftigten.

 

Das war’s. Mehr gab’s nicht zu sehen in diesen ersten 45 Minuten, die eher einem Seniorennachmittag glichen als einem Fußballspiel. Sekündlich wartete man darauf, einen Strauch über das Spielfeld rollen zu sehen. Als sich die Ersatzspieler in der Pause dann aufwärmten, indem sie sich, im Kreis stehend, den Ball gegenseitig zuspielten, kommentierte der Nebenmann dies nur noch lakonisch: „Sieht auch nicht anders aus als die erste Halbzeit.“ Wie wahr.

 

Um das Elend perfekt zu machen, hatte sich die Lethargie bereits mit dem Anpfiff nicht nur über das Spielfeld gelegt, sondern auch die Tribünen erfasst. Der Bayer-Anhang, der offenbar zahlreich die beschwerliche Anreise gemieden hatte und nicht einmal den Stehplatzblock gefüllt bekam, war immerhin noch dann und wann zu vernehmen. Die Süd ihrerseits hüllte sich in andächtiges und möglicherweise auch ungläubiges Schweigen.

 

Und es sollte zunächst nicht besser werden. Kurz nach Wiederanpfiff versuchte sich Nelson Valdez zweimal darin, den Zuschauern in Erinnerung zu rufen, warum das Kicker Sonderheft ihn als Angreifer führt. Stattdessen rief er jedoch ins Gedächtnis, warum diese Bezeichnung inzwischen eher schmunzelnd zur Kenntnis genommen wird. Zuerst legte sich der Südamerikaner das Leder in aussichtsreicher Schussposition lieber noch einmal in Richtung Torauslinie vor. Kurz darauf schloss er überhastet ab und setzte das Leder gefahrenlos rechts neben das Gehäuse.

 

Weniger gefahrenlos agierte indes Marc Ziegler. Erst klatschte er den Schuss von Kießling nach vorne ab, um anschließend gerade noch vor Gekas zur Ecke klären zu können (50.), nur eine Minute später war es dann eine Slapstick-Einlage der übelsten Sorte, die den Gästen aus der Chemiestadt die Führung auf dem Silbertablett überreichte. Ein einfaches Zuspiel Dedes, rutschte dem Torwart über den Spann und Kießling in den Lauf, der nur noch einzuschieben brauchte. Dabei hätte Ziegler alle Zeit der Welt gehabt, dieses Zuspiel anzunehmen und in Ruhe zu verarbeiten.

 

Das Tor selbst jedoch passt zu dieser Begegnung wie die Faust aufs Auge. Kaum vorstellbar zu diesem Zeitpunkt, dass eines der beiden über den Platz rumpelnden Teams sich wirklich selbst einen Treffer würde herausspielen können. Im Gästeblock jedenfalls wusste man, bei wem man sich zu bedanken hatte. „Ziegler ist nervös“, schallte es aus dem Norden.

 

Thomas Doll reagierte und wechselte Alex Frei gegen Federico in die Partie. Ein goldenes Händchen, wie sich später herausstellen sollte. Einstweilen jedoch blieb jedoch alles beim Alten. Das Spiel, dessen einziger Lichtblick, die tief stehende Frühlingssonne darstellte, plätscherte weiter dahin wie ein Rinnsal.

 

Des Dramas nächster Akt in der 62. Minute. Flanke Rukavina von rechts, Valdez in aussichtsreicher Position im Strafraum, über den anschließenden Kopfball jedoch hüllt man besser den Mantel des Schweigens. Es ist traurig mit anzusehen, wie wenig der Bewegungsablauf Valdez‘ heute noch mit einem Stürmer gemein hat. War es in der letzten Spielzeit vor allem Pech, das ihm am Fuß klebte, lässt er heute nahezu alles vermissen, was einen Torjäger auszeichnet. Den Einsatz absprechen, kann man ihm zu keiner Zeit, allein das reicht wohl nicht für einen Bundesligaspieler.

 

Sieben Minuten später wurde Valdez erlöst. Mit ihm verließ der ebenfalls indiskutable Florian Kringe das Feld, Diego Klimowicz und Delron Buckley kamen ins Spiel. Vor allem Valdez' Auswechslung wurde höhnisch begrüßt und der Südamerikaner erntete Pfiffe. Der Wind hat sich offenbar gedreht: Nach fast zwei Jahren Ruhr und Unterstützung erfährt der glücklose Stürmer plötzlich echte Ablehnung. Ob das die Situation allerdings verbessert, darf bezweifelt werden. Trotz allem: Auf einmal lief es besser. Gemeinsam mit Alex Frei sorgten die beiden frischen Angreifer für Bewegung und Belebung im Angriffsspiel des BVB und erarbeiteten sich endlich auch gefährliche Torchancen. Im Mittelpunkt: Der Schweizer.

 

Zuerst in der 77. Minute ein Freistoß, den Frei sehenswert um die Mauer zirkelte. Doch die Latte klärte für Rene Adler. Bayer im Glück, Borussia im Pech. Drei Minuten später verpasste Alex die Hereingabe von Petric nur knapp, in dem er vorbeigrätschte. Und wiederum fünf Minuten später war es Buckley, der ein schönes Anspiel aus aussichtsreicher Position über das Tor jagte.

 

Die Borussia, bereits das gesamte Spiel über die bessere von zwei schlechten Mannschaften, war jetzt am Drücker. Und belohnte sich endlich selbst. Drei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit. Dede auf der linken Seite. Bissig geführter Zweikampf mit Leverkusens Castro, gegen den sich Dede schön durchsetzte. Gefühlvolle Flanke in den Strafraum, von wo Alex Frei gänzlich unbedrängt und mit einem sehenswerten Direktschuss Rene Adler nicht den Hauch einer Abwehrchance ließ. 1:1. Der hochverdiente Ausgleich. Jubel beim Torschützen, Jubel im Stadion. Ein Befreiungsschlag für Spieler und Verein.

 

Vor allem Frei hatte jetzt Blut geleckt und wollte mehr. Zweimal war es Adler, der Bayer noch vor Schlimmerem bewahren konnte und gegen den Schweizer rette. Erst in einer Eins-gegen-Eins-Situation in der letzten regulären Spielminute, wenig später fischte der aktuell vielleicht beste deutsche Torwart einen wunderschönen Kopfball Freis sensationell aus dem Winkel. Eckball.

 

Das Stadion kochte nun. Alle merkten, dass hier noch mehr möglich ist. Die Ecke wurde ausgeführt, Barbarez mit dem Klärungsversuch per Kopf, das Leder gelangte zu Dede, der legte sich den Ball zurecht und zog aus Höhe der Strafraumkante einfach ab. Eine Szene wie in Zeitlupe. Das Leder sucht sich seinen Weg durch das Gewirr der Abwehrbeine, Adler ist die Sicht versperrt. Durch die Beine. Im Netz. Explosionsartiger Jubel. Die Süd ein Tollhaus. Dede dreht durch, springt auf den Zaun. Jubelt, feiert, lässt sich feiern. Grandioses Tor. Verrücktes Spiel.

Fazit

 
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