Beim Tal Memorial in Moskau sorgt Vladimir Kramnik weiterhin für Furore. Nachdem er in der fünften Runde kurz vor einem weiteren Sieg gegen Boris Gelfand stand, schlug er in der sechsten Runde zum dritten Mal zu. Seine Partie gegen Ruslan Ponomariov war hochklassig wie kaum eine andere Partie in letzter Zeit auf diesem Niveau. Beide Spieler boten spektakuläres Schach mit dem glücklicheren Ende für den Russen. Damit führt Kramnik drei Runden vor Schluss mit einem halben Punkt Vorsprung vor Viswanathan Anand.
Kramnik,Vladimir (2772) - Ponomariov,Ruslan (2739) [D38]
Tal Memorial Moskau (6), 11.11.2009
1.d4 e6 2.c4 Sf6 3.Sf3 d5 4.Sc3 Lb4 5.Lg5 Sbd7 6.cxd5 exd5 7.e3 c5
8.dxc5 Ein sehr seltener Zug in dieser Stellung der Ragozin-Variante. 8.Ld3 ist der Hauptzug. 8...Da5 9.Tc1 Se4 10.Dxd5 Sxc3 11.bxc3 Lxc3+ 12.Kd1 0-0 12...Sf6?! 13.Dc4 Lb4 14.Lxf6 gxf6 15.Db5+ Ld7 16.Dxa5± Danner,G (2408)-Fletcher,J, Saint Vincent 2005. 13.Lc4
Eine sehr scharfe Stellung. Weiß hat einen Bauern mehr, aber sein König steht schlecht. Kann Schwarz diesen Umstand ausnutzen? 13...Sf6 Rybka bevorzugt hier 13...Sxc5!? Ich kann mir vorstellen, dass Kramnik nach 14.Le7 Lb4 15.Lxf8 Le6! 16.Dd4 Txf8 die kleine Verbesserung 17.Lxe6 mit kompliziertem Spiel in petto hatte. Für Ponomariov war die Lage äußerst schwierig, da er sich auf ungewohntem Terrain befand. 14.Lxf6 Lxf6 15.Ke2 b5!
Wahrscheinlich der beste Versuch an dieser Stelle. 15...Lg4 16.Thd1 Tac8?! 17.c6!± Novikov,I (2550)-Serper,G (2490), Moskau 1991, URS-ch; 15...Le6 16.De4 Lxc4+ 17.Dxc4 mit etwas besserer Stellung für Weiß. 16.c6!? 16.cxb6 axb6 17.Dxa5 war die sicherere Alternative: 17...Txa5 18.Thd1 La6 19.Lxa6 Txa2+ 20.Sd2 Txa6 21.Se4 und Weiß hat einen kleinen Vorteil im Endspiel; 16.Dxa8?! bxc4 17.De4 c3 ist viel zu riskant für Weiß. 16...La6 17.Df5 Da3? 17...Lb2 18.Tc2 g6! und die schwarze Stellung dürfte o.k. sein. 18.Ld3 Tfd8
19.c7? Es sprach nichts gegen 19.Dxh7+ Kf8 20.c7! Td6 (20...Txd3? 21.Dxd3 b4 22.c8D+ Lxc8 23.Dxa3 bxa3 24.Sd4+-; 20...Dxa2+ 21.Kf1!±) 21.Thd1± 19...Dxa2+ 20.Sd2 Txd3! 21.Dxd3 b4 22.Kf3 Lb7+ 22...Da5! und Rybka ist zufrieden mit der schwarzen Stellung, die allerdings sehr kompliziert ist. Beide Spieler mussten hier am Brett sehr viel rechnen. 23.De4, 23.Dd6 oder 23.Dd7 Alles kommt hier in Frage mit völlig unklarer Stellung. 23.Kg3 h5 24.h3 24.f4! 24...Da5 25.f4 Tc8 26.Sc4 Da6?! 26...Dxc7 27.Sd6 Dd8 mit ungefährem Ausgleich war hier möglich. 27.Se5?! 27.Dd7!± 27...Dxd3 28.Sxd3 Lc3 29.Thd1 a5 30.Sc5 Txc7 31.Sa4 Le4
Nach Damentausch sollte dieses Endspiel remis sein. Die starken Freibauern kompensieren den kleinen materiellen Nachteil. 32.Td6?! 32.Kf2= 32...Kh7?! 32...Lc2! und das Speil hätte sich gedreht. Die Spieler waren aber in Zeitnot. 33.Ta6 h4+ 34.Kh2 Td7 35.Sc5 Te7 36.Txa5 Ld2 37.Tc4
37...f5? 37...b3! 38.Sxb3 (38.Tb5 Lc6! 39.Tb6 Txe3 40.Txc6 b2 41.Tb6 Le1 42.g4 hxg3+ 43.Kh1 Te2 44.Se4 Th2+ 45.Kg1 Lf2+ 46.Sxf2 gxf2+ 47.Kf1 Th1+ 48.Kxf2 b1D 49.Txb1 Txb1=) 38...Lxa5 39.Sxa5= Aber das ist alles schwierig zu sehen in Zeitnot. 38.Sxe4 fxe4 39.Th5+ Kg6 40.Tg5+
Die Zeitkontrolle ist überwunden und Weiß ist wieder auf der Siegerstrasse. Allerdings bedarf es für so eine Stellung einer hervorragenden Technik, um sie zum Sieg zu führen. 40...Kf6 41.Tc6+ Kf7 42.Tf5+ Kg8 43.g4! Te8! 43...hxg3+ 44.Kxg3 Lxe3 45.Tc8+ Kh7 46.Th5+ Kg6 47.Kg4 b3 48.Tb5 Kf7 49.Txb3± 44.Te5 Tb8?! 44...Txe5 45.fxe5 Lxe3
45.g5?! Es ist korrekt auf Matt zu spielen, aber das ist die falsche Reihenfolge. 45.Tce6! Kf8 (45...Kh7 46.Te8+-) 46.g5! b3 47.g6! und 47...b2 funktioniert nicht wegen 48.Tf5+ Kg8 49.Tb5!+- 45...Kh7! Der König entwischt wieder. 46.Te7 Lxe3 47.Th6+ Kg8 48.Tg6 Ld4 49.Tge6
49...Kh7?! 49...Lc5! 50.Te8+ Txe8 51.Txe8+ Kf7 52.Txe4 b3 53.f5 b2 54.Te1 g6 55.f6 Le3 56.Tb1 Lxg5 57.Txb2 Kxf6 ist ein technisches Remis. 50.f5! Lc5 51.Te8 Txe8 52.Txe8 b3 53.Kg2 Le3 54.Txe4 Lxg5 55.Tb4 g6 56.Tb7+ Kh6 57.fxg6 Kxg6 58.Kf3 Ld2 59.Kg4 Le1 60.Txb3 Lg3 61.Tf3+-
Wie Großmeister Dimitri Reindermann auf ChessVibes kommentiert, ist diese Stellung technisch gewonnen für Weiß. Die Partie Timman-Velimirovic aus dem Jahr 1979 dient als Vorbild. Weiß schafft es in der Folge durch eine Kombination von Mattdrohungen und Angriff auf den Bauern h4 diesen zu erobern, weil der Läufer zu wenig Felder hat, um ihn zu decken. 61...Le1 62.Te3 Lf2 63.Te6+ Kf7 64.Kf5 Lg3 65.Te4 Lf2 66.Kg5 Lg3 67.Te2 Kg7 68.Te7+ Kf8 69.Kf6 Lf2 70.Te6 Lg3 71.Kg6 Lh2 72.Te4 Lg3 73.Kf6 Lf2 74.Kg6 Lg3 75.Te2 Ld6 76.Kg5 Lg3 77.Kf6 Lf4 78.Te4 Ld6 79.Td4 Lc7 80.Kg6 Lg3 81.Te4
Schwarz ist in Zugzwang geraten. Der Läufer kann über f2 den Bauern nicht mehr decken, der König kann nicht nach g8 wegen Matt, also fällt der Bauer h4 und die Partie geht verloren für Schwarz. 1-0
Trotz einiger Fehler eine Riesenpartie!















