Wieder bin ich in einer kleinen Straße, in der links und rechts kleine Zweifamiliendoppelhäuser stehen. Der Siedlungscharakter ist an den sehr ähnlichen Gebäuden noch ganz deutlich zu erkennen. Gebaut, um der Arbeiterschaft in der aufstrebenden Industierregion Ruhr früherer Tage eine angemessenes Umfeld zu geben. Sie gehören einer der vielen Baugenossenschaften, die es im Ruhrgebiet gibt und die entstanden sind, um in einer Gemeinschaft, Lebensraum zu schaffen. Vor den Häusern befinden sich kleine Vorgärten und dahinter mittelgroße Gartengrundstücke.
In den Kriegs- und Nachkriegsjahren hatten diese Gärten als wichtigste Aufgabe, die Ernährung der Bewohner. Sie waren als reine Nutzgärten mit Kräutern, Gemüse, Salaten und Beerensträuchern angelegt. Kleine Wege aus Ofenasche oder einfachen Betonplatten waren typisch für ihr Erscheinungsbild, genauso wie ein kleiner Holzschuppen.
Mit wachsendem Wohlstand hielten Ziersträucher und Rasenflächen Einzug in die Siedlungsgärten. Ihr Zweck und damit auch ihre Gestaltung änderten sich entsprechend der gewandelten Ansprüche. Nicht mehr Ernährung, sondern Erholung war nun ihre Aufgabe. Kleine Springbrunnen und Staudenbeete entstanden, genauso wie große Terrassen.
Aber in den letzten Jahren, fand eine große „Auswanderungswelle“ aus den Gärten statt. Freizeitgestaltung fand mehr und mehr nicht mehr in den Gärten, sondern außerhalb in Freizeitanlagen und Wochenendausflügen statt. Gartenarbeit bekam immer mehr das Image von Spießertum und Mühsal. Auch Springbrunnen und gepflegte Blumenbeete verschwanden nach und nach. Plötzlich reichte es, einfach Gartenmöbel auf die Rasenfläche zu stellen, um ohne Mühe, flexibel den Garten nutzen zu können.
Während so die Siedlungsgärten immer mehr ihren Sinn verloren, war die Entwicklung bei Eigenheimen genau anders herum. Noch nie waren die Privatgärten an so vielen Eigenheimen so schön gestaltete, wie heutzutage. Ein riesiger Markt an Beton- und Natursteinen, Gartenhölzern, der verschiedensten Arten und eine unüberschaubare Pflanzenauswahl geben Zeugnis von der unglaublichen Vielfalt der Gartenanlagen.
In meinen Gedanken wieder in der kleinen Siedlungsstraße, habe ich einen Termin mit einer älteren Frau. Sie erzählt mir, dass sie und ihr Mann ihren Garten geliebt hätten. Nun aber die Pflege nicht mehr schaffen könnten. Nach und nach wäre schon ein geliebtes Gehölz nach dem anderen entfernt worden. Die jungen Leute, die in das Haus gezogen seien, hätten leider kein Interesse am Garten und wären ja sowieso fast nie zu Hause. Auch die Nachbarn wären schon dazu übergegangen, nur noch Rasen zu haben, der von einer Firma gemäht würde. Dies möchten sie nun auch. Es täte ihr zwar in der Seele weh, weil sie gerade die Pfingstrosen immer so geliebt hätte, aber es ginge einfach nicht mehr. Sie und ihr Mann wären über 80 Jahre und ihr Mann hätte noch vor kurzem eine Operation gehabt.
Ich schaue mich um und sehe, hinter den Siedlungshäusern fast nur noch eine große Rasenfläche, die von Landschaftsgärtnern gemäht wird. Einfach grün und einfach zu pflegen. In dieser Siedlung sind die Gärten schon fast ausgestorben.





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