Meine Mutter hat eine Angewohnheit, über die wir oft gestritten haben. Seit ich denken kann, betrachtete sie den Kleiderschrank in meinem Kinderzimmer als ihr Terrain. Sie öffnete ihn von Zeit zu Zeit, befand einzelne Stücke für untragbar und steckte sie in den Altkleidersack. Und all das, ohne mich zu fragen. Da in meine Wohnung leider nur ein kleiner Schrank passt, lagern auch heute ein paar Klamotten-Kisten bei meinen Eltern. Und immer noch kann sie die Finger nicht davon lassen. So wurden ganze Abschnitte meines modischen Lebens einfach ausgelöscht. Zum Beispiel meine Pubertät. Da war ich im Gegensatz zu heute richtig waghalsig. Gebatikte T-Shirts, bunte Tunikas mit Stickereien und mein heiß geliebtes Wildlederhemd - all die wunderbaren Modesünden hätten meine Stoffwechsel-Präsentation bereichern können. Doch diese vier Designerstücke sind der Wegwerfwut meiner Mutter entkommen.
1.Die Intention des Modeschöpfers ist offensichtlich: Er will das Hawai-Hemd, gern getragen von vollschlanken Männern mit Goldkettchen, auch als T-Shirt salonfähig machen. Doch dieses Kleidungsstück gehört nicht nur seiner schreienden Farben wegen in die Tonne. Sein Anblick bereitet mir einfach ein schlechtes Gewissen. Ich muss dann immer an den enttäuschten Verkäufer in dem kleinen Second-Hand-Laden denken. Den betrat ich eher durch Zufall in einem seltenen Anflug von Karnevalsstimmung. Der Mann mit den zotteligen langen Haaren strahlte mich an, als ich hereinkam und fragte sogleich: „Kann ich Ihnen helfen?“ - „Ja, ich suche etwas für Karneval“, antwortete ich und habe ihn damit tief gekränkt. Das sah ich seiner plötzlich versteinerten Miene an. Die hellte sich auch nicht auf, als ich dieses T-Shirt, natürlich aus schlechtem Gewissen, gekauft habe. Getragen habe ich es dann nur ein Mal – auf einer Karnevalsparty.
2.Diese Hose hat mich dagegen lange begleitet. Deshalb sieht sie auch so verschlissen aus. Sie erinnert mich an meine Studienzeit: an Sommerabende im Park, an Konzerte und Partys. Sie war immer superbequem und es war total egal, wie sie nach einem solchen Abend aussah. Aus dieser Hose geht einfach alles raus. Ich würde mich nur schweren Herzens von ihr trennen. Ich bin aber durchaus realistisch: Der Marlene-Look kommt zwar immer wieder in Mode. Doch dieses Stück ist definitiv ein bisschen zu weit geraten, um wirklich schick zu sein.
3.Auf Fotos aus der Grundschul-Zeit tragen meine Freunde und ich oft ähnliche Pullis. Denn Niki-Stoff war in den 80ern richtig angesagt. Ob ich dieses Ding aus Nostalgie-Gründen gekauft habe, weiß ich nicht mehr. Seine Zeit als fester Bestandteil meiner Alltagskleidung war jedenfalls kurz. Irgendwann habe ich den Pulli nur noch zum Joggen getragen. Der Stoff ist vom ständigen Waschen kratzig geworden. Gegen dieses Stück spricht auch seine moosgrüne Farbe, die einen immer ein bisschen blass aussehen lässt. Meine Mutter würde entschlossen zugreifen.
4.Ich bin süchtig nach Internet-Shops. Und diese Strickjacke ist das Mahnmal meiner Sucht. Eine Zeit lang habe ich jede Woche irgendwelche Klamotten im Internet bestellt, mich riesig über die Pakete gefreut und das meiste hinterher kostenlos zurückgeschickt. Diese Jacke befindet sich nur noch in meinem Schrank, weil ich schlicht und einfach vergessen habe, sie zur Post zu bringen. Ich habe sie noch nie getragen und das hat mehrere Gründe. Sie erinnert mich an Dirndl- und Trachtenmode, sie schnürt mir die Taille ab und sie ist an Ärmeln und Knopfleiste mit Perlmutt-Perlchen besetzt. Uahhh!!! Mein Favorit für den Kleidersack.





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