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Schmelzgranulat, Makramee, Salzteich & Co. KG*


Die Kinder von heute haben datt leicht. Mein Neffen hat mir vor Jahre zu Weihnachten 'ne Kerze geschenkt, bei der die Adjektive “krumm” und “schief” noch geschmeichelt sind. Macht aber nix, weil, der Docht ist so kurz, datt niemand datt jemals schaffen wird, die zu anzuzünden. Dafür is' datt Dingen mit reichlich Glitzer bestreut, wo überall drauf haften bleibt. Nur nich auffe Kerze.


Meine Nichte war bissken watt raffinierter vorgegangen und hatte mir ein Kalender gebastelt. Wenn ich sage “gebastelt”, dann mein ich damit, datt die ein Blanko-Kalender gekauft, 12 Fotos von sich (wem sonst) rein geklebt und die mit Buntstift-Unterschriften versehen hat. Unter dem Augustbild, watt sie mit ihrem bevorzugten Leihpferd zeichte, hatte sie zum Beispiel “Raudi is' datt beste und liebste Poni auffe ganze Welt! Leider gehört er nich mir!” notiert, während unter dem Septemberbild den zarten Hinweis “Diesen Monat habe ich Geburttag!” zu finden war.


Sowatt gab datt alles nich, wie ich noch klein war und mich aufgrund von prekäre Taschengeldverhältnisse und gleichzeitige Mitgliedschaft inne “Jungschar” zum Basteln genöticht sah. Da hieß datt noch alles selbs zu machen (wir hatten ja nix!). Ich verknüpfe bis heute tragische Ereichnisse damit. Tragische Ereichnisse!


Einmal haben wir drei Nachmittage lang im unbeheizten Gemeindesaal mit klamme Fingerchen Laternen für den St.-Martinszuch fabriziert. Dazu wurde 'ne Art offene Schachtel aus schwarze Pappe gefaltet, wo Löcher rein geschnitten wurden, wo wiederum mit bunt angemaltes Butterbrotpapier von innen zugeklebt wurden. Oben rum zog man ein Stück Draht durch, befestigte ein kurzen Holzstock dran und stellte 'ne Kerze auf den Boden vonne Laterne.


Ich lernte dabei gleich zwei Dinge auf eima fürs Leben. Erstens: Pattex is' ein 1a-Brandbeschleuniger und zweitens: Pferde, wo ein dicker Mann mit Schwert und somm langem, wehendem Mantel drauf reitet, mögen datt gar nich, wenn man 'ne lichterloh in Flammen stehende Laterne direkt neben den ihren Kopp hysterisch kreischend hin- und herschwenkt. Sie neigen in solche Fälle zu ich sachma unkontrollierte Handlungen.


Fortan wurde mir unter Androhung von drakonische Strafen verboten, mit ohne elterliche Aufsicht “mit irnzwatt rumzukokeln, sonz hat der Arsch aber Krimes!”. Für zum Trost stellte meine Mutter mir ihren Backofen als Bastelgerät zur Verfügung. Und zwar genau einmal. Heute malen die Blagen irnzwelche Schablonen auf so Plastikfolien aus, hängen die mit Bindfäden anne Gardinenschiene auf und nenn datt Ganze “Fensterbilder”.


Wir hingegen werkelten noch mit Metalldrähte und Glasgranulat herum. Erst wurde auf 'nem Blatt Papier ein Motiv gezeichnet, die Konturen davon bog man dann aus so dickem Draht nach, legte sie auf ein Backblech, füllte die Zwischenräume mit bunte Krisselkörner und schob datt Ganze innen vorgeheizten Ofen für zum Schmelzen.


Obwohl datt ich erwartungsfroh vor der Backofentür ausharrte, passierte – nix. Weshalb ich mich berechticht fühlte, den Backofen von Stufe 2 auf Stufe 15 hoch zu drehen und mich mit meine Comics im Kinderzimmer zurückzuziehen. Datt irnzwatt nich in Ordnung gewesen war, bemerkte zuerst unser Zwerchkaninchen, watt verzweifelt anne Terrassentür am kratzen war, für um raus gelassen zu werden. Keine zwei Minuten später durchzogen stechender Gestank und beißender Qualm die Wohnung, ich krabbelte auffem Fußboden Richtung Küche (immer anne Fußleisten entlang), um ersma die Backofentür und dann datt Küchenfenster aufzureißen. Wodraufhin 'ne aufmerksame Nachbarin die 112 wählte und die Feuerwehr anrücken ließ. 


Der Zuchführer von den hatte zu mein Pech 'ne fatale Ähnlichkeit mit ein gewissen St. Martin und verwickelte mein Vater auffe Stelle in 'ne Debatte über die Veranlagung von rothaarige Kinder in Bezuch auf Feuerteufel. Datt muss Eindruck hinterlassen haben, weil, als Schmelzgranulat nich mehr in war und alle andre Kinder Bäume, Vögel und mit Blümkes und Früchte verzierte Hüte aus Salzteich am backen waren, wurde mir datt unter dem Vorwand von ein politisch korrektes Verhalten verboten: “Man spielt nich mit Essen, wo die Kinder in Afrika nich haben und dadrum verhungern.”


Meine künstlerische Fähigkeiten sollten jedoch nicht brach liegen, dadrum meldete meine Mutter mich anne VHS für zum Töpfern an - nachdem datt sie sich vergewissert hatte, datt allein und ausschließlich die Kursleiterin Zugang zum Brennofen haben würde. Innerhalb von sechs Monate fabrizierte ich nich weniger als wie 102 Aschenbecher, 54 Vasen und 389 Schalen, wo inne Weihnachts-, Geburtstachs-, und Osterpakete für die Verwandtschaft inne damalich noch real existierende Zone gelegt wurden, weil, von da war nur Dankbarkeit und kein Widerspruch zu erwarten.


Watt Kinderhände mühselich gebastelt haben darf man ja nich wech werfen (wer hat dieset bescheuerte Gesetz eintlich erlassen?). In Vatters Arbeitszimmer stehn heute noch ein buckligen Esel aus morschem Bast, ein kotzgrün glasierten Aschenbecher und ein undefinierbaren Klumpen, von dem niemand weiß, watt er darstellen soll und wodraus er is'. Den Rest von meine kindliche Schöpfungsphase verwahrt Muttern in eine riesige Schublade im Keller: 


  • Kopffüßler aus Lederstücke und Knöppe
  • Teller mit Gipsabdrücke von Hände und Füße
  • Frösche, wo jahrzehntealte Linsen und Trockenerbsen am rausquellen sind
  • mit Perlen und Muscheln beklebte Sperrholzschachteln
  • schrumpelige Dingsbumse, wo mal aus Kastanien und Streichhölzer (natürlich mit vorher abgezwackte Schwefelköppe!) waren
  • Puppenhäuser aus Papier mit grobmotorische Puppen aus Filz
  • verblichene Gewürzbilder und
  • ein ganzen Schwarm wichtich daher guckende Makrameeeulen (schreibt sich datt wirklich mit drei “e”?)


Den ganzen unnützen Krempel hab' ich schließlich mal mit meine kleine Patschehändchen und viel Mühe und Liebe hergestellt. Wenn ein Kind Ihn also mal 'ne Schachtel oder ein Klumpen oder ein Bild schenkt, stellen Sie keine Fragen wie “Watt soll datt denn sein? Ne Ente?! Sieht eher aus wie den schwindsüchtigen Dackel von meine Tante Trudi - und datt auch nur von links und wenn man die Augen zukneift…” Statt dessen pappen Sie datt Bild annen Kühlschrank dran und wenden sich an alle Anwesende mit den freudigen Ausruf: “Guckt mal, datt Dingsbums da! Datt hat unsre Scholine ganz alleine gedingst!”


Und dann bewahren Sie datt bis zum Lebensende auf, weil nur ein Hausbrand oder ein Tsunami entschuldicht datt Abhandenkommen von diese herzallerliebste *Kindergeschenke.

 
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