Wir ihr ja wisst, haben wir unser eigenes Auto ohne Prämie dafür aber unfallbedingt abwracken lassen müssen. Aus diesem Grund hat Schwiegermutter uns ihr Auto überlassen. Das Fabrikat will ich hier aus Gründen noch ausstehender Anwaltsrechnungen nicht nennen. Böse Zungen behaupten aber, es enthalte für italienische EU-Bürger ausreichende Technik, trotz der Fehler in allen Teilen.
Nachdem wir den Wagen von Schwiegermuttern bekommen hatten, ließen wir ihn erst mal komplett grundreinigen. Man kann mich jetzt für eine penible Putzteufelin halten, aber ich finde, nach 16 Jahren ohne jegliche Innenreinigung darf man sich das gönnen. Leider hatten wir nicht bedacht, dass Teile der Konsole von den dort lagernden (und in 16 Sommern ohne Garage zu einer festen Masse zusammen gebackenen) Asche- und Brötchenkrümelsammlung nur noch von eben dieser zusammen gehalten wurden.
Das Handschuhfach hat einen urzeitlichen Schließmechanismus, dem erst mindestens ein Fingernagel geopfert werden muss, bevor er sich öffnet. Dafür ist das Teil so winzig, dass man seine Bezeichnung rechtlich anfechten könnte, da nicht mal einer hinein passt, geschweige denn ein Paar, als das Handschuhe aber aufzutreten gewohnt sind. Nun ja, immerhin findet dort der Chip für den Einkaufswagen gerade genug Platz.
Auch sonst kann man das Auto als sparsam bezeichnen, was die Größe des Innenraumes betrifft. (Man ahnt es schon, ich würde das auch gern über den Benzinverbrauch sagen.) Der Mann stößt mit den Knien an die Lenksäule und mit dem Kopf an den Himmel, was sich beim Fahren über Pflastersteinen zu einer migränefördernden Schädelmassage auswirkt. Recht praktisch ist das allerdings bei Regen, da die Dachklappe– obwohl nie in Gebrauch – bei Feuchtwetter nicht dicht hält. So wird der Mann nicht nass, indem er seine Stirn gegen die untere Einfassungskante presst und gibt mir die Möglichkeit, im beengten Fahrgastraum bei Bedarf einen kleinen Schirm zu öffnen. Das führt nicht selten zu Heiterkeitsausbrüchen bei Passanten, besonders bei Kindern kommt das sehr gut an.
Der Kofferraum geht nur schwer und nur dann auf, wenn man einen Hebel unterm Fahrersitz bedient, wozu man in der Lage sein muss, sein rechtes Schultergelenk nach Bedarf aus zu kugeln. Die Sturheit des Kofferaumdeckels schreiben wir dem 16 Jahre ungesaugt gebliebenen Filzbelag zu, der ein gewisses Eigenleben entwickelt hat und von innen den Deckel zu hält.
Die Scheibenwischer – Überraschung! - wischen, aber sie machen nach jedem Intervall ein nervtötendes „Plink!“ und quietschen so gotterbärmlich, dass man schon nach zwei Mal hin&her gewillt ist, auf so etwas Unnützes wie eine klare Sicht nach vorn zu verzichten, zugunsten des Erhalts des eigenen Hörvermögens.
Die Sonnenschutzblenden schützen herunter geklappt zwar minimal vor direkter Sonnenstrahlung, leider ist der Spalt, durch den man durch die Frontscheibe noch etwas sehen kann, dann nur noch handbreit. Entweder fährt man in stark gebückter Haltung, mit dem Kinn unterm Lenkrad oder man verzichtet auf die Dinger und kneift die Augen zu wie Wyatt Earp vor der Schießerei im OK-Corral.
Radio, Uhr und Innenbeleuchtung verweigern ihren Dienst, seit wir gewagt haben, die Buchse des Zigarettenanzünders brutal mit dem Stecker unseres Navis quasi sexuell zu belästigen. Der geht nun auch nicht mehr, hat aus Rache aber ein komisches rotes Plastikteil einbehalten, das vorher nicht da war, nun aber unbedingt dort bleiben will, allen eingesetzten Pinzetten, Schraubenziehern und Streitäxten zum Trotz. (Am Navi war das Dings allerdings vorher auch nicht dran...?!)
Aber ich will nicht nur meckern, also zum Positiven. Das Schöne an dem Wagen sind die Ansammlung von Freizeitpark-Aufklebern auf dem Heck (welche der Karosserie eine gewisse Festigkeit verleihen) und die von außen verstellbaren Innenspiegel. Die Windschutzscheibe bietet tatsächlich Schutz vor Wind. Ich wünschte, ich könnte dasselbe in Bezug auf Regen und Schnee behaupten, der sich nach etwa 4 bis 5 Minuten an der Scheibeninnenseite abzusetzen pflegt. Das Luftgebläse ist aber trotziger Natur und bläst entweder auf Stufe 3 oder gar nicht. Der Geräuschpegel bei Stufe 3 entspricht sechs gleichzeitig startenden Düsenflugzeugen und erzeugt in Kombination mit der undichten Dachluke bei Extrembelastung des Autos - also bei einer Geschwindigkeit von ca. 30 Kilometern pro Stunde - ein hochfrequentes Pfeifen, dem Paarungsruf der wilden Riesenfledermaus nicht unähnlich.
Wir wollten aber sowieso immer schon mal die Gebärdensprache lernen und wenn wir Oma mitnehmen, die immer besser weiß wo es lang geht, auch wenn sie es nicht weiß, dann übertönt das ihre Befehle - äh - Anweisungen ganz wunderbar (mal abgesehen davon, dass sie eh den Mund geschlossen halten sollte, weil das Gebläse auf Stufe 3 das gesamte Herbstlaub vergangener Jahrzehnte aus den Lüftungsschlitzen pustet.)
Zumindest die Vögel der Gegend jedoch scheinen unser Auto gut zu finden, denn nur so lässt sich die strategische Platzierung ihrer Hinterlassenschaften logisch erklären. Mit etwas Glück können wir das Auto in ein paar Jahren zum Umweltkulturerbe erklären lassen, wenn wir nachweisen können, dass die Vogelkacke von bedrohten Arten stammt und dass diese armen Dinger platzen würden, weil sie nirgendwo sonst hin kacken würden, außer auf unser Auto.





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