Was würde ich Watershed gerne mit Wundertüte übersetzen. Ich bin nur nicht lustig genug, das einigermaßen komisch hinzubiegen. Wundertüte will ich, am Wendepunkt stehend, trotzdem nicht aufgeben als meine Einschätzung für Opeths neuntes Studioalbum (erschienen bei Roadrunner Records).
Denn Wunder gibt es immer wieder, sang zwar nicht Opeth-Vordenker und -Sänger Mikael Åkerfeldt, aber den Schweden ist einmal mehr ein wunderbares Werk gelungen. Das sei gesagt, sofern der Vorgänger Ghost Reveries für unschlagbar gehalten wird.
Nun braucht es ja nicht viel, um mich beim Hören einer Platte zu beeindrucken. Bislang war ich von den Death-Metal-Proggern Opeth aber immer etwas verstört zurückgelassen worden. Das liegt an meiner Abneigung gegen Shouter und Brüller, weswegen ich mich selten für die kompositorische Qualität der Opeth-Frühwerke begeistern konnte. Wenn der liebe Mikael den Mund aufmachte, war ich ganz Pawlowscher Hund und zuckte mit dem Zeigefinger sofort in Richtung jener Playertaste mit dem Quadrat drauf.
Irgendwie erschien mir auch Åkerfeldts Versuch, die Scheiben mit dem aggressiv-brutalen Gesang von denen mit normalen Vocals zu trennen, weniger musikalisch als kommerziell begründet. Was auch immer stimmt, ich bin der Band durch die im Jahr 2002 kurz hintereinander veröffentlichten Alben Deliverance und Damnation gottlob auf den Leim gegangen. Was Åkerfeldt tatsächlich singen, ich betone, singen kann, war Einstiegsdroge für mich, den Rest intensiver zu hören und neuerdings auf jede neue Platte sehnlichst zu warten.
1
Und Watershed vereint nun - ähnlich wie sein Vorgänger Ghost Reveries - brutale wie ausgefeilte, ja sogar feuchttuchsanfte Seiten Opeths nicht nur auf einem Album, sondern auch munter innerhalb der Stücke. In Reinheit sanft, als Männlein-Weiblein-Duett (mit Natalie Lorichs) daherkommend, gibt Coil einen lieblichen Einstieg in Watershed.
2+3
Anschließend kracht es in Heir Apparent ordentlich, Åkerfeldt brüllt sich die Seele aus der Kehle, allerdings wendet sich das Notenblatt am Ende und führt zu einem fast sinfonisch anmutenden Melodieübergang zu The Lotus Eater. Diese Nummer gerät Åkerfeldt im Mittelteil beinahe zu einem Jazz-Stück, setzt aber insgesamt auf eine kraftvolle Heavy-Prog-Mischung, die es in sich hat. Die Genregrenzen sind fließend, die Genialität des Sängers und Komponisten aber eine feste Größe.
Die schwedische Schule der Prog-Komposition
Mal so zwischendurch: Die Konzeption und Choreographie der Stücke treibt mich fast dazu, eine schwedische Schule der Prog-Komposition auszurufen und Åkerfeldt fröhlich neben Daniel Gildenlöw (Pain Of Salvation) zu stellen. Auch der ist kreativ gesehen wahnsinnig genial. Und den Headbangern unter uns, denen Opeth einige Kopfschmerzen bereit, lege ich Pain Of Salvations Album Be ans Herz, Studio wie Live (DVD), das Konzeptstück wird noch für mehr Kopfschütteln sorgen.
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Wo war ich stehen geblieben? Also, sieben Minuten und 41 Sekunden lang ist das Bewerbungsschreiben Åkerfeldts für eine Aufnahme in die Top-Ten der Charts, also der Allerweltsmusik, dermaßen poppig-süß ist die Ballade Burden geschrieben und gesungen. Wenn das kein Stück für sanfte Gemüter unter Frauen wie Männern ist, fress ich nen Besen. Habe ich 7:41 geschrieben? Dann habe ich nicht die Wahrheit getippt. Denn irgendwann reicht es selbst Åkerfeldt, zum Mitwippen schöne Feurzeugsmusik zu machen. Es reicht ihm exakt zur sechsten Minute und 51sten Sekunde. Da kippt das Akustikgitarren-Outtro des Stücks um, falsche Töne werden gezupft und Åkerfeldt gönnt sich ein ins metallisch-animierte, abdriftendes Teufelslachen. Wer hier schon der schönen Seite der Opeth-Musik erlegen war, wacht als Scharlatans sichere Beute auf.
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Eine getragene Schönheit mit dramatischem Beginn ist der fünfte Song Porcelain Heart. Åkerfeldts sanfte Stimme setzt zu Beginn einen gefühlvollen Gegenpunkt zum faszinierenden Gitarren-Lauf, das ein wenig an die Bestzeiten von Dream Theater erinnert. Zur Mitte der acht Minuten hat sich das Stück dann fast überlebt, und so wechselt Åkerfeldt in einen neuen, leisen Akustikgitarren-Abschnitt. Auf den letzten beiden Minuten wird der dramatische Beginn wiederbelebt, und wieder entsteht der Eindruck, Opeth machen immer mehr Konzeptmusik und leben ihre Lust, Geschichten zu erzählen, voll aus.
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Wer einem Stück wie dem folgenden Hessian Peel gute elf Minuten einräumt, der muss auch etwas zu erzählen haben. In epischer Breite schmonzettet Åkerfeldt anfangs, wiederum eingehüllt von Akustikgitarre und Streichern, von verlorener Liebe und Sehnsucht. Auch hier ändert sich der Ton erst fast exakt zur Mitte der elfeinhalb Minuten. Fast hatte ich vergessen, dass Åkerfeldt von Hause aus gar kein Stockholmer Sängerknabe ist. In schönster Prog-Metal-Manier verdrängen heftige Gitarren und kehlige Laute die Erinnerung an den süßen Einstieg ins Liedlein.
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Kammermusik meets Krachmachermetal, das Prinzip hält Opeth auch beim letzten Stück der Platte namens Hex Omega durch. Keyboardwände und Blechinstrumente treffen sich da, Progriffs und Pianoparts. Åkerfeldt ist ein Gejagter, Getriebener, und wer sich mitschleifen lässt, kann auch beim Rausschmeißer etwas erleben. Das verschleppte Anfangstempo erinnert mich in Verbindung mit dem Jamaika-Flair der E-Gitarre ein wenig an die Atmosphäre, die Dream Theater auf der seinerzeit heftig kritisierten Scheibe Falling Into Infinity zauberten, speziell im Song Peruvian Skies (okay, Peru ist für Jamaika räumlich nicht gerade das, was Leverkusen für Köln, aber karibisch wie in der Bar***i-Werbung klingt's eben hier wie da). Das Wechselspiel von sanft und schwer, also gewissermaßen Åkerfeldt süß-sauer, hört bis zum Ende nicht auf, und lässt mich einmal mehr etwas verstört mit einem Opeth-Album voller Wunder(-samer Musik) zurück.
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Unterm Strich
Kann wegKann ich nicht genug von kriegen
Kann sein, dass ich dafür nicht geschaffen bin
Kann ins Archiv
Kann in der Nähe des Players bleiben
Kann mit in Urlaub
Haha, ich kann doch nicht ohne Lustig-Versuch. Drum hier noch ein Abenteuer aus der Saga Korinthenk-Acker strikes back: Wir Schreibende werden ja oft, und oft auch völlig zu Recht, vühr unsehrä Typfehla gesteinigt. Wir sind nicht allein und begrüßen im Klub die Hersteller und Inhaltfüller von Booklets. Auch sie kommen mit den Tippfingern nicht schadlos um die Stolpersteine auf der Tastatur herum. Da ist es eine Möglichkeit, wie von Opeth, gar keine gedruckten Songtexte anzubieten. Hehe, jetzt kommt's: Ist ja auch schon schwierig genug, die Titel korrekt aufzuschreiben. Vorn auf der Hülle wird The Lotus Eater mit dem Sticker (Titel "A Haunting Epic Masterpiece") als Krachersong beworben. Hinten auf dem Einleger heißt das gute Stück The Louts Eater. Egal, es wird gegessen, was in den Player kommt.
Opeth - Watershed
von VolkerWStephan am 18.08.2008, 0 Kommentar, Permalink, Trackback URL





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