Ist das noch Zukunftsvision oder schon Alltag? Ich kann mir - je nach Lust oder Kontostand - bald aussuchen, wann Metallica, bitte schön, das nächste Album veröffentlicht. Ich bestimme, ob AC/DC besser an einem Montag mit der neuen Platte im Laden steht. Oder ob Porcupine Tree mir ein besonderes Geburtstagsgeschenk macht und künftig nur noch am 3. November eines jeden oder jeden zweiten Jahres mit einer Neuerscheinung aufwartet.
Ist das zu schön, um wahr zu sein, oder will ich das überhaupt entscheiden können?
Ungeachtet dieser Fragen geht es im Kern für uns Medienleute um einen (für mich) neuen Aspekt in der Zusammenarbeit mit Plattenfirmen.
Das alte Spiel
Bisher kannte ich es ja nur, dass Labels sich günstige Termine für die Veröffentlichung ihrer neuen Scheiben aussuchten. Im Metal-Sektor, wenn es sich nicht gerade um Metallica oder Maiden handelt, wird gerne ein Bogen um Ferien und Feiertage wie Weihnachten gemacht; dann ist der Markt überschwemmt von anderen Themen oder - weil Menschenmassen auf Mallorca - gar nicht vorhanden.
Der Termin für die Geburt eines neuen Albums wurde früher über Presse, Funk und Fernsehen bekannt gegeben. Heute geht's sehr schnell natürlich über die Webseiten und Fanforen im Netz. Im Wesentlichen waren wir Journalisten für den Fixtermin dann Weiterleiter der (frohen) Botschaft. Daran habe ich mich gewöhnt.
Das neue Zusammenspiel
Was ist nun passiert? Bei den großen Plattenfirmen mit den Megasellern vermutlich wenig.
Aber die kleineren Labels, wie etwa das US-amerikanische ProgrockRecords aus Kalifornien, treten nun an uns Schreiber heran und hätten gerne eine Auskunft, wann eine Rezension veröffentlicht wird. Darauf wolle man dann den Erscheinungstermin der Platte abstimmen.
Das ist an sich nichts Schlimmes, aber verwunderlich. Auf Rückfrage erhalte ich die Antwort, dass die neue Zusammenarbeit der Kalifornier mit dem deutschen Rock-Label SPV der Hintergrund sei. SPV organisiert für ProgrockRecords den Vertrieb, entscheidet also darüber, wann wieviele Tonträger in die Läden geschickt werden.
Vertriebe benötigen Argumente und Antrieb, CDs übers Land zu verteilen, bestätigte mir jüngst erst die Mitarbeiterin einer Promotionfirma. Je mehr Rezensionen vorliegen oder angekündigt sind, desto mehr Päckchen an den Handel packt der Vertrieb.
Interessant, dass die US-Amerikaner das bislang flexibler handhabten. Kurz gefasst, gab es bisher offenbar eher nur ein vages Datum für die Veröffentlichung eines Produkts. Die Promo-CDs (oder gleich das fertige, aber noch nicht erhältliche Produkt) gingen an die Medien, erste Plattenkritiken wurden abgewartet, dann gingen die Kauf-CDs in den Handel, an die Mailorder-Firmen oder in die Direktvermarktung über den eigenen Webauftritt ans Volk.
Jetzt die Kehrtwende. Zuerst wird der Rezensions-Markt sondiert. Das Datum (gegebenenfalls Monatsende), um das sich die wichtigen und meisten Kritiken ranken, wird dann als Startschuss für die Vertriebsaktivitäten gewählt.
So handhabt es nun zugegebenermaßen ein kleines, aber aufstrebendes US-Label (unter anderen Künstler wie Moongarden oder Henning Pauly) mit einem großen deutschen Vertrieb, der vermutlich wissen möchte, wann ein Produkt in den klassischen wie neuen Medien die erste, vielleicht größte Beachtung erfährt.
Was heißt das fürs interessierte Fanvolk?
Dass ich etwa, als ich jüngst die Scheibe Songs From The Lighthouse der italienischen Prog-Hardrockler Moongarden erhielt, mangels Information weder wusste noch weitergeben konnte, wann das gute Stück in Europa erhältlich sein würde. Kann gut sein, dass der Mailorder- oder Direktvertrieb über Plattenfirmen- bzw. Bandwebseite bereits einsetzt, bevor das Album in den Handel kommt.
Was heißt das für mich?
Ich würde gerne die neuen Alben von, nehm ich mal Nicht-ProgRock-Records-Künstler, Opeth und Porcupine Tree künftig gerne jeweils am 2. Juli im Laden stehen sehen. Dann ist die Chance größer, dass mein Konto gerade aufgefüllt worden ist, vielleicht sogar mit etwas Urlaubsgeld, um mir irgendeine teurere Pseudo-Limited-Edition zuzulegen, die für gewöhnlich nicht als Promotionsausgabe an die Journaille verschickt wird. Würde dann - als Dank für meinen Wunsch-2.-Juli - auch mit einer Plattenkritik am 1. Juli fertig und online sein.
Zu schön, um wahr zu werden.
Hart geträumt: Alben erscheinen, wann du willst
von VolkerWStephan am 10.04.2008, 0 Kommentar, Permalink, Trackback URL





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