„Tradition verpflichtet.“ Ein abgestandener Kalenderspruch aus der kommerziellen Fernsehwerbung macht derzeit auch in Bochum wieder die Runde. Wenn Firmen mit ihrem Angebot am Markt preislich nicht mehr konkurrenzfähig sind oder einen anderweitigen Imageschaden genommen haben, wird mit dem Totschlagargument „Tradition“ kokettiert. Damit soll zumindest der etablierte Kundenstamm gehalten werden, um mittelfristig auf eine solide Basis zur Neuausrichtung des Unternehmens zurückgreifen zu können. Bildlich sieht die kumpelhafte Zielgruppen-Anflanschung zumeist so aus: Bäuerin rührt mit Holzlöffeln den Joghurt um, Berufslederhosenträger zapfen frischen, bayerischen Gerstensaft und im Kaffeehaus wird die einzeln von Hand geröstete Bohne der milde lächelnden Oma warmherzig ins mitgebrachte Einkaufsbeutelchen verpackt.
Der Verweis auf Tradition kann im kapitalistischen Haifischbecken aus marketingtechnischer Sicht der finale Rettungsanker sein. Was aber den VfL Bochum vor einigen Jahren dazu verleitete, ein großspurig zelebriertes „Leitbild“ der Öffentlichkeit zu präsentieren und darin den Faktor „Tradition“ über Gebühr zu beanspruchen, bleibt bis heute ein unergründliches Rätsel. Man kann das Leitbild als Mittel zur Profilschärfung und Zementierung eines Images begreifen. Doch bereits damals war klar, dass kleinste Luftströmchen den donnernd proklamierten Werteschutzwall („Wir bekennen uns zu unserer regionalen Identität und unserer Tradition“) zum Einsturz bringen würden.
Nun ist es also soweit. Gerüchten zufolge plant der VfL, beim Stadionausschank die regional verwurzelte Brauerei Moritz Fiege zur kommenden Saison durch einen global bekannteren Bierproduzenten zu ersetzen. Nichts Genaues weiß man nicht, doch alleine die Vorstellung, beim Torjubel künftig Allerweltsplörre aus dem Sauerland verschütten zu müssen, anstatt den Vordermann liebevoll mit einem echten Bochumer Eigengewächs zu beglücken, treibt Fans, die Fußball nicht nur als Spiel, sondern auch als kulturelles Ereignis begreifen, die Schaumkronen vor den Mund. Berechtigterweise. Denn mit Fiege und dem VfL hatten sich zwei Partner mit nahezu identischer, weil traditionsbewusster, Philosophie gefunden. Wo der VfL auf Verpflichtung gegenüber regionaler Identität beharrt, verkündet Moritz Fiege auf seiner Homepage: „Bis heute ist das Revier "unser Bier", stehen wir für die Identität einer ganzen Region. Wir fühlen uns unter Freunden, denn als regionale Institution genießen wir echten Heimvorteil.“
Mein Revier ist hier – unser Revier, unser Bier. Zwei Anbieter mit passgenau übereinstimmenden Selbstbekenntnissen. Der „Heimvorteil“ von Fiege bestand bislang mutmaßlich darin, mit dem VfL trotz evtl. finanziell lukrativerer Angebote der Konkurrenz zusammenarbeiten zu dürfen. Umgekehrt lieferte Fiege dem VfL ein handfestes Argument zur Untermauerung des nassforschen Leitbildes.
Aus wirtschaftlicher Sicht mögen die Bestrebungen rund ums Rewirpowerstadion Ruhrstadion nachvollziehbar sein. Zwar drohen einige Fans schon mit Reduzierung des Bierkonsums während des Spiels und stärkerer Frequentierung der nächstgelegenen Tankstellen nach Abpfiff, doch Lippenbekenntnisse taugen im Zusammenhang mit Alkohol nur bis zum erstschlechtesten Gegentor des VfL. Zumal „Kronen“-Bier, welches noch Ende der neunziger Jahre ausgeschenkt wurde, ebenfalls reißenden Absatz fand.
Neben den ökonomischen Gesichtspunkten existiert jedoch auch ein emotionaler Faktor. Und dieser wurde in jüngster Zeit schon arg beansprucht. Blogger Andreas Wiemers verweist auf „labbrige Bratwurst“ in der „Stadt mit der besten Currywurst der Welt“ und bemängelt den Umgang mit verdienstvollen Spielern, die häufig allenfalls pflichtbewusst verabschiedet werden.
Mir persönlich könnte das aktuelle Thema als strikter Anti-Alkoholiker eigentlich gepflegt am Gaumen vorbei gehen. Ob ich kein Fiege oder kein Krombacher trinke, dürfte das Stadionerlebnis qualitativ kaum beeinflussen. Dennoch sollte auch ein quasi unbeteiligter Zaungast für Moritz Fiege eintreten. Tradition kann nicht per Dekret erlassen werden, Tradition muss sich kulturell entwickeln, von Menschen getragen und generationsübergreifend gelebt werden. Der VfL hat Tradition „beschlossen“, hört dem Träger und Katalysator seiner Ideen aber nur begrenzt zu. Auf dieses Missverhältnis darf und sollte man öffentlich hinweisen dürfen.





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