Am vergangenen Montag umwehte den VfL Bochum ein Hauch von abgestandener Bundesligaluft, eine Reminiszenz an bessere Zeiten. Im ehemaligen Propagandapark der Nazis, der seltsamerweise sogar als WM-Endspielort auserkoren wurde, zeigten unsere Farben in der zweiten Hälfte phasenweise guten Fußball, der jedoch aufgrund deprimierend orientierungslos vorgetragener ersten 45 Minuten nicht mit einem Auswärtspunkt belohnt wurde. Im Nachhinein haben wir alle erfahren, was der Grund für die abermalige Pleite war: Vier Spieler, namentlich Yahia, Dedic, Maric und Aydin hatten am Donnerstag vor dem Auftritt in der Hauptstadt die Zelebrierung des gesicherten Mittelfeldplatzes übertrieben und waren erst verspätet ins mit blau-weißer Bettwäsche dekorierte Schlafgemach zurückgekehrt. Eine Woche später traf sie schließlich der Bann der sportlichen Führung – oder, wie es Friedhelm Funkel vor Anpfiff der heutigen Begegnung gegen Ingolstadt so seltsam formulierte – „der Verein hat reagiert“ und die gedankenstüblich einfältig strukturierten Sünder suspendiert. Ob sich unser Trainer diesem Verein zugehörig erklärte oder nicht, blieb in diesem Zusammenhang unbeantwortet, ausdrücklich befürwortet hat er die Maßnahme wohl nicht.
Als im Ruhrstadion die ersten 15 Minuten verstrichen waren, musste sich der besorgte Betrachter fragen, ob etwaige Zeugen tatsächlich die richtigen Spieler als Zapfenstreichüberzieher identifiziert hatten, denn die Fraktion der lethargischen Träumer befand sich zu allem Überfluss auf dem Platz. Kopplin unterschätzte einen Befreiungsschlag und brauchte eine halbe Ewigkeit, um sich zu einem unbeherzten Sprint in Richtung des Gegenspielers zu überwinden. Beim zweiten Tor agierte Mavraj „unglücklich“ (Kicker-Vokabular) bzw. selten dämlich (Blog-Vokabular), als er einen langen Ball in die Kategorie „ungefährlich“ einstufte und gnadenlos drunter durch sprang. Die zwischenzeitliche Drangphase des VfL, zu Recht mit dem Anschlusstreffer von Chong Tese belohnt, entpuppte sich als temporäres Aufflackern verbliebener Rest-Ehre. Ich nehme normalerweise die Mannschaft gerne in Schutz und halte nichts von persönlichen Beleidigungen, aber diese Darbietung lotete die Grenzen der Toleranz bedenklich weit aus. Es ist schwierig, speziell für das Versagen nach der Pause eine Erklärung zu finden, zumal Mavraj den exakt gleichen Patzer erneut fabrizierte und dafür von Funkel folgerichtig vom Platz geholt wurde. Vielleicht sollten wir doch mal die Qualitätsfrage stellen. Freier ruft kontinuierlich seine Form ab, Chong Tese vermag mit Abstrichen ebenfalls zu überzeugen. Wie wichtig ein präsenter Dabrowski für das Team ist, fiel auf, als er heute durch den bemühten Vogt und den diesmal zu zaghaft agierenden Johansson ersetzt werden sollte. Und weiter? Was macht uns so sicher, dass Concha, Kopplin, Maric, Luthe, Dedic und Co. gute Zweitligaspieler sind? Haben sie dies in irgendeiner Form bereits nachweisen können? Warum wird bei Saglik auf den Durchbruch gehofft, wo dieser eine vollkommen andere Rolle als in Paderborn spielen muss und damit allem Anschein nach zufolge überfordert ist?
In der Vergangenheit haben wir Marcel Koller und zuvor Peter Neururer vorgeworfen, sie würden die Aufstellung auch nach schlechten Spielen nicht ändern, immer ihren Lieblingen vertrauen und personell unflexibel auf den jeweiligen Gegner reagieren. Friedhelm Funkel handelt genau gegenteilig, stellt System und Personal wöchentlich um, schafft dadurch aber nicht nur motivierenden Konkurrenzkampf sondern stiftet primär Verunsicherung bei allen Akteuren. Der teils berechtigte Einwand, die Spieler seien Profis, die mit solchen Maßnahmen leben müssten, sei dahingehend relativiert, dass die Spielanlage auf dem Feld die Führungs- und Strukturlosigkeit der sportlichen Leitung komplett abbildet. „Blindes“ Verständnis ist nicht vorhanden, die Mittelfeldspieler sind über die Laufwege ihrer wöchentlich wechselnden Nebenleute nicht informiert und geraten in Panik, sobald sie das Leder einmal über mehrere Sekunden hinweg am eigenen Fuß führen müssen. Federico, der keinerlei Eigeninitiative erkennen lässt, seine Formkrise zu überwinden, darf sich auf allen Offensivpositionen mal probieren. Dedic und Prokoph rackern wie wild, bar jedweder spielerischer Intelligenz. Maric unterbietet seine schwachen Auftritte mit jedem weiteren Ballkontakt um eine weitere Nuance. Es mag beim VfL an einigen Ecken und Enden beim VfL kriseln, doch die Selbstüberschätzung, mit denen nahezu die komplette Mannschaft ihr eigenes Handeln in den Gesamtkontext stellt, scheint mir das Grundübel des grundsätzlichen Übels zu sein. Ein Haufen Zweitligastars ist davon überzeugt, das jeweils der mit etwas weniger Aura umwölbte Mitspieler für die Knochenarbeit zuständig ist. Oder warum kommen vorgeblich begabte Einzelkönner nicht in die Gänge? Vielleicht weil es zu viele Einzelkönner sind?
Hoffentlich findet das Wort „Können“ im Zusammenhang mit dem VfL überhaupt noch einmal Verwendung. Stattdessen sind „Könnte“ und der Konjunktiv II derzeit die zuverlässigsten Begleiter der bitterlich enttäuschten Fans. Seit 22 Jahren zähle ich mich zu dieser aussterbenden Spezies. Heute war der Tiefpunkt. Hoffentlich.





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