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Marcel Koller nicht entlassen? Ich habe mich geirrt.

Die jahrelange Diskussion über die Fähigkeiten des Marcel Koller verfolgte ich meistens ziemlich genervt. Sobald den Verein eine sportliche Krise erfasste und er die Erstligazugehörigkeit zu verlieren drohte, reihte ich mich mit einer Mischung aus Trotz und tiefer Überzeugung ins Lager der "Pro-Koller"-Fraktion ein, die dem Trainer den Rücken stärkte und Gedanken an dessen Demission stets für realitätsfremd hielt.

Meine damaligen Argumentationen ließen sich mit der Quintessenz zusammenfassen, dass ein neuer Trainer aus den begrenzten Mitteln der Mannschaft nicht mehr würde rausholen können, als es Marcel Koller bereits tat. Die Jungs waren bemüht, kämpften (meistens), gewannen die entscheidenden Spiele im Kampf gegen den Abstieg und überhaupt: Gegen die Topteams der Liga war eben nicht mehr drin.

 

Bevor man mich der totalen Naivität bezichtigt, sei einschränkend ergänzt, dass diese simplifizierte Schilderung meiner früheren Gedankengänge zum Thema Marcel Koller natürlich nur einen kleinen Teil der sportlichen Entwicklung des Vereins berücksichtigt, denn auch die Rolle von Stefan Kuntz, Thomas Ernst, unseres lieben Werner Altegoer, Ansgar Schwenken und - last but not least - den jeweils aktiven Spielern müsste zur vollständigen Analyse der vergangenen fünf Jahre herangezogen werden. Dennoch nahm Marcel Koller während seiner Amtszeit eine zentrale Rolle bei der Fan-Kommentierung der Höhen und Tiefen ein. Manche wollten den Schweizer aufgrund seiner biederen Fußballphilosophie und der eher valiumhaltigen Außendarstellung lieber früher als später vom Hof jagen, andere wiederum, zu denen ich mich gerne zählte, sahen primär den dreimal in Folge geglückten Klassenerhalt auf der Habenseite und waren ansonsten dankbar für die wohlwollende Sachlichkeit, die Koller den lautsprecherhaft untermalten Tanzeinlagen eines Peter N. entgegen zu setzen hatte.

 

Nach nunmehr 15 Spielen, die unser Verein seit der Entlassung von Koller absolvierte, muss ich zweierlei konstatieren. Erstens haben wir weiterhin einen sehr besonnenen, introvertierten Trainer auf der Bank sitzen, der diesbezüglich Kontinuität verkörpert und nichts mit dem aggressiven Friedhelm Funkel gemein hat, der gestern als Hertha-Trainer erneut straffrei jede Schiedsrichterentscheidung abwertend kommentieren durfte. Zweitens: Ich hatte mich geirrt. Der Wechsel von Koller zu Herrlich war richtig, die Mannschaft hatte tatsächlich mehr Potential, als ich zu Saisonbeginn vermutete.

 

Was macht Heiko Herrlich nun besser als sein Vor(vor)gänger? Die folgenden Anmerkungen sind eine Diskussionsgrundlage, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit erhebt.

 

1. Selbstvertrauen

 

Mittlerweile geht der VfL in jedes Spiel mit dem festen Glauben, dass die eigene Stärke ausreichend ist, um den Gegner wenigstens über Gebühr zu quälen. Das Vertrauen in eigene Qualitäten ist kollektiv geprägt, mannschaftliche Geschlossenheit bringt die letzten paar Prozentpunkte, um größere individuelle Klasse der Kontrahenten wirkungsvoll zu bekämpfen. Das ist auch ein Grund, weshalb jemand wie Prokoph derzeit Stammspieler ist. Fußballerisch gehört er zu den schwächsten Akteuren der Bundesliga, aber sein taktisches Denken zugunsten des Teams, das Zurückstellen egoistischer Interessen, das bedingungslose Lavieren im engen taktischen Destruktionskonzept - das alles sind Qualitäten, die von Azaouagh oder Grote nicht zu erwarten sind. 

 

2. Abwehrverhalten

 

Hier sind die Unterschiede zwischen Koller, Heinemann und Herrlich am Deutlichsten auszumachen. Letztgenannter lässt die Viererkette auch nach schwächeren Spielen unverändert, um die interne Abstimmung zwischen Fuchs, Concha, Maltritz und Mavraj nicht zu gefährden. Bei Koller saß Concha nach Fehlern prompt auf der Bank, wurde Fuchs verschoben und Mavraj dem wiedergenesenen Yahia geopfert. Es wird spannend zu beobachten sein, was Herrlich nach der Rückkehr von Bönig und Yahia macht. Mein Tipp: Sollte nichts Unvorhergesehenes passieren, spielt die aktuelle Formation die Saison zuende.

Aber nicht nur personell, sondern auch taktisch hat sich eine Wandlung vollzogen. Unter Herrlich rückt die Viererkette sehr dicht an das Mittelfeld heran, um Ballverluste des Gegners durch räumliche Enge zu provozieren. Bei Koller wurde dem "Eins gegen Eins" größere Bedeutung zuteil, während bei Heinemann die Anweisung, "rustikal zu spielen", oft in unsinnige Grätscherei und daraus resultierende Unterzahlsituationen mündete.

 

3. Kette oder Raute?

 

Koller passte seine Formation häufig an das zur Verfügung stehende Spielermaterial an, was in manchen Fällen auch die richtige Entscheidung war. Herrlich hat derzeit ein Wunschsystem, in das sich die Spieler einfügen müssen, wollen sie einen Platz in der Stammelf beanspruchen. Da muss Ono als defensiver Mittelfeldmann agieren, Dedic im linken Mittelfeld (mit vielen Abwehraufgaben) und Azaouagh auf den Außenbahnen. Sicherlich nicht für jeden Akteur die optimale Lösung, aber zumindest für Fuchs und Concha die Gewissheit, dass im Zweifelsfall der Vordermann zur Unterstützung bereit steht. Die systemische Verlässlichkeit ist u.a. ein Grund für die defensive Stabilität des VfL.

 

4. Standards

 

Zu diesem Aspekt schrieb ich bereits nach dem Sieg gegen Gladbach ein paar Zeilen. Obwohl gestern die Abwehr bei Ecken der Berliner Hertha nach dem Seitenwechsel wackelte, präsentiert sich der VfL bei ruhenden Bällen sowohl offensiv, als auch defensiv merklich sortierter. Bei eigenen Standardsituationen streuen Maric und Fuchs weniger Querschläger als Azaouagh und Ono ein, im eigenen Strafraum wird häufiger der "zweite Ball" gewonnen, als noch unter Marcel Koller.

 

5. Transfers

 

Lewis Holtby, da lege ich mich fest, wäre unter einem anderen Trainer nicht zum VfL gekommen. Herrlich kannte den talentierten Offensivmann noch aus der U19, eröffnete ihm die Möglichkeiten, die ein 18-monatiges Engagement in Bochum mit sich brächte. Das bei Herrlichs Verpflichtung ins Feld geführte Argument, der ehemalige DFB-Trainer könne gute Kontakte zu jüngeren deutschen Spielern sinnvoll nutzen und dem VfL dadurch Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz verschaffen, scheint zu stechen. Herrlichs zweiter Transfer, Milos Maric, scheint ebenfalls gut einzuschlagen und die Hoffnung auf den frühzeitigen Klassenerhalt zu nähren.

 

Sicherlich muss man die Sachlage in einigen Monaten noch einmal unter die Lupe nehmen und generell differenzierter betrachten. In der momentanen Euphoriewelle habe ich jedoch keinerlei Probleme, eigene Fehleinschätzungen einzugestehen. Ja, ich habe mich geirrt. Weiterhin alles Gute, Heiko Herrlich!

 
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