Bochum, 08.05.2010
Die Ausgangssituation vor dem Abstiegsfinale ist klar. Der VfL benötigt gegen Hannover 96 einen Sieg, die Niedersachsen liegen zwei Zähler vor Bochum, Freiburg ist mit der gleichen Differenz ebenfalls enteilt. Während ich auf der Südtribüne - die Ostkurve hatte der DFB nach den Vorfällen in Köln sperren lassen - per Telefon mit einem Konferenz-guckenden Dortmund-Fan verbunden bin, um mit ihm gemeinsam auf einen Auswärtssieg der gelb-schwarz (be)kloppten zu hoffen, macht sich der VfL zum Anstoß bereit. Coach Herrlich hat abermals umgestellt, Bönig und Pfertzel in die Sturmspitze beordert. Bönig wegen dessen "Torgefahr", so Herrlich auf der Pressekonferenz, bei Pfertzel gilt das Prinzip Hoffnung: "Er hat dort zwar noch nie gespielt, doch im Training machte er beim 2 gegen 2 einen guten Eindruck als zentraler Stoßstürmer", argumentiert unser Taktikguru.
Die Anfangsphase verläuft vielversprechend. Trotz Unsicherheiten in der Verteidigung, Libero Freier hat sich beim Kopfballversuch die Stirn wund gescheuert, steht die Null auf beiden Seiten. In der 34. Minute reißt es mich von den Sitzen. Hinter mir geht ein bengalisches Feuerwerk hoch und ich verpasse die in Rauchschwaden durchschimmernde Torchance des VfL. Maric bedient Außenstürmer Fabian, der seine Schnelligkeit ausspielt und präzise auf Fromlowitz flankt. Dessen verunglückte Faustabwehr streicht um Haaresbreite über die Querlatte. Schade, das wäre es gewesen. Fünf Minuten später ist die Sicht wieder frei, gerade rechtzeitig, um die rote Karte für Johansson zu analysieren, der gedanklich zu spät schaltet und 96-Stürmer Hanke per Notbremse zu Fall bringt. 10 gegen 11, Zeit für ein Krombacher Bier in der McDonalds Family-Ecke unter der Südtribüne.
Nach dem Seitenwechsel stemmt sich der VfL mit aller Macht gegen die drohende Niederlage. Heiko Herrlich erhebt sich von der Trainerbank, kreuzt die Arme vor der Brust und ruft: "Nutzt endlich mal eure Torchancen!" Thomas Ernst springt ihm bei und diktiert dem herbei zitierten BILD-Stimmungstöter in den Block: "Noch sind wir nicht abgestiegen."
Aber es sieht nicht gut aus. Bönig hängt in der Luft, Pfertzel hat sich beim Einwurf die Schulter ausgekugelt und muss durch Concha ersetzt werden, dessen erster Einwurf einen Konter über Koné einleitet. Dieser wird beim finalen Torschuss von einem fehlgeleiteten Feuerwerkskörper irritiert, den ein auf die Nordtribüne ausgewichener "Fan" ursprünglich Richtung Ordnerfraktion abschießen wollte. "Mist, vorbei"...
Das Schicksal scheint besiegelt. Der VfL kann keine weitere seiner nicht existenten Torchancen nutzen, auch im Breisgau steht es noch 0:0. Die 90. Minute läuft. Bönig hat die Schnauze voll, grätscht wild aber fair Hanno Balitsch den Ball vom Spann und setzt zum Dribbling an. Umkurvt Schulz und Pinto, spielt Doppelpass mit Fuchs, dringt dann von links in den Strafraum ein, guckt kurz und nagelt die Murmel oben rechts in den Winkel. Ungläubig schauend rennt er zur Ostkurve und macht den Diver. 1:0 VfL. Pippo rafft sich auf, humpelt zur Mittellinie und lässt sich behandeln. Als der Mannschaftsdoc die Diagnose "Fußbruch beim Torschuss" ausspricht, beginne ich zu schreien: Nelson Valdez hat für die Dortunder ebenfalls in der 90. Minute getroffen. "GEIL, voll GEIL", rufe ich in bester Klopp-allesistmegageilichhabedocheintollesteamundwirhauensiealleweg"-Manier meinen Nachbarn zu, verschlucke mich aber am Qualm einer jüngst gezündeten Rauchbombe - und wache schweißgebadet auf.
Schade, war nur ein Traum. Dabei hätte die Geschichte noch ein phänomenales Ende parat gehabt. Bönig beendet nach Tor und Fußbruch seine Karriere, das Stadion wird in "Pippo sein Stadion" umgetauft, Altegoer tritt zurück, ein unbekannter Gönner spendiert 300 Mio. € Soforthilfe für sympathische Vereine, Frank Goosen wird Aufsichtsratsvorsitzender, Marc Pfertzel verlängert seinen Vertrag auf Lebenszeit, die BILD meldet Insolvenz an und der VfL stößt auf ewige Erstklassigkeit mit Moritz Fiege an.
War spät gestern.
Aber lasst uns alle daran mitarbeiten, wenigstens das 1:0 gegen Hannover 96 zu verwirklichen, um auch im kommenden Jahr gegen den Abstieg kämpfen dürfen. In der 1. Liga. Alles für den Klassenerhalt, alles für den VfL! In diesem Sinne: Kopf hoch!





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