Der gesellschaftlichen Lust an der Katastrophe ist es zu verdanken, dass schlechte Nachrichten in den Medien zumeist umfangreicher aufbereitet werden, als dies bei vergleichbar wichtigen, aber dennoch unspektakulären Positivmeldungen der Fall ist. So dienen Niederlagen unserer Bochumer als Katalysator kontroverser Diskussionsrunden, die sich um so spannende Fragen ranken, welcher Trainer der richtige Nachfolger für den garantiert kurz vor der Entlassung stehenden aktuellen Coach sei oder ob Sportvorstand Thomas Ernst die falschen Transfers getätigt habe. Sind besagte Debattierclubs - ob virtuell oder real - von tieferer Fachkenntnis geprägt, erweitern feingeistige Analysen die zunächst von rudimetär populistischer DSF-Doppelpassigkeit gestützten Konversationen.
Eine Bewertung der mittelprächtigen VfL-Hinrunde unter gehobenen Ansprüchen ergab, dass unser Team nicht nur "scheiß Trainer, scheiß Management und scheißigere Spieler" hatte, sondern ganz profane Probleme im schnellen Spiel nach vorne, im Umschalten nach Ballverlust sowie im Verteidigen gegnerischer Standards aufwies. Auch eigene Eckbälle verpufften zuverlässig im Nirgendwo, blieben häufig am ersten Fuß der Verteidiger hängen oder landeten im gegenüberliegenden Seitenaus.
Unterstellt man Heiko Herrlich, ein guter, aufmerksamer Trainer zu sein, dann waren die Baustellen, an denen er in der kurzen Winterpause zu arbeiten hatte, offensichtlich. Und den Erkenntnissen des ersten Spiels nach zu urteilen, hat Herrlich exakt an den richtigen, neuralgischen Punkten angesetzt.
1. Schnelles Spiel in die Spitze: Der Führungstreffer dürfte Aufnahme in alle Lehrvideos zum Thema "effektives Konterspiel" finden. Wo in der Hinrunde noch umständlich das Tempo verschleppt oder der Ball planlos Richtung Strafraum gedroschen wurde, kombinierten Epallé, Dabrowski und Sestak perfekt, zügig und mit wenigen Ballkontakten das 1:0 heraus. Zugegeben, es gab speziell in der zweiten Hälfte nur selten sehenswertes Direktpassspiel zu bestaunen, doch Spitzenmannschaften, wie es der VfL nunmal ist, unterstellen wir mal, dass nur soviel wie gerade nötig getan wurde. Ist zuviel Selbstbewusstsein eigentlich ungesund?
2. Umschalten nach Ballverlust: Mit Maric und Dabrowski stand die Absicherung vor der Abwehr sehr solide. Auffallend, wie selten beide Akteure in die Zweikämpfe gingen, sondern stattdessen lieber bis kurz vor dem eigenen Sechzehner die Räume zuliefen, um erst dann - oft gemeinsam mit einem Innen- oder Außenverteidiger - den Angreifer zu doppeln. Auf diese Weise entstanden nur selten Unterzahlsituationen vor der Viererkette. Leider erwies sich die Hereinnahme von Johansson als Fehler, da der nun offensiver agierende Maric hinten fehlte und Johansson zu schnell und unkontrolliert auf die Gegner zulief. Hier ist in den kommenden Wochen noch Stabilisierungsarbeit zu verrichten.
3. Verteidigung gegnerischer Standards: Herrlich lässt meist beide Pfosten besetzen. Maric ist wohl fest für den langen Pfosten eingeteilt, was leider auf eine kleine Schwäche bei Kopfbällen hindeutet. Hatte ehrlich gesagt gehofft, dass dem nicht so wäre und er neben Dabrowski für Lufthoheit im Zentrum sorgen könnte. Andererseits ist Prokoph ein wichtiger Faktor, der bei Bedarf die Flanken sicher klärt (und vielleicht der entscheidende Grund, weshalb der engagierte aber limitierte Nachwuchsakteur derzeit einen Stammplatz innehat). Unter dem Strich wirkte die Abwehr bei den Gladbacher Ecken sicherer, die Nagelprobe steht nächste Woche gegen die bei Standards starken Schalker an.
4. Torgefährlichkeit bei ruhenden Bällen: Fuchs zeigte seine Freistoßkünste bereits zum Ende der Hinrunde, nun gelang auch endlich mal ein Treffer nach eigenem Eckball. Marics Erfolgsquote bewegte sich insgesamt im ausbaufähigen Bereich (die Hälfte der Flanken kam zum Mann, die andere Hälfte waren Shinji Ono-Gedächtnisecken), doch der von Prokoph auf Dedics Füße verlängerte Ball zum zwischenzeitlichen 2:0 brachte das langersehnte Erfolgserlebnis.
Insgesamt ein positives Signal der Mannschaft, die allerdings in der Schlussphase mächtig schwomm und damit eine zuvor taktisch sehr solide Vorstellung leicht verwässerte.
Einzelkritik
Heerwagen - eine Unsicherheit, dafür mit dem Fuß verbessert und präsent im Strafraum. Note 2,5
Concha - zu Beginn nervös, zwischen der 15. und 45. Minute jedoch mit bärenstarker Leistung. Wurde beim Halbzeitgang in die Kabine vom Betreuerstab abgeklatscht und konnte seine Leistung, beschämt grinsend, selbst kaum fassen. Note 2,5
Maltritz - ohne große Fehler, stark in den Zweikämpfen gegen allerdings schwache Gladbacher Stürmer. Note 2
Mavraj - ähnlich wie Nebenmann Maltritz, jedoch mit zwei zu kurzen Befreiungsschlägen in die Mitte. Note 2,5
Fuchs - offensiv kaum in Erscheinung getreten, defensiv mit bekannten Schwächen. Note 3,5
Dabrowski - tolle Vorlage zum 1:0, vor allem in der ersten Hälfte nahezu perfekt im Zusammenspiel mit Maric. Baute im weiteren Spielverlauf etwas ab. Note 2
Maric - taktisch gut geschult, mit cleveren Bewegungen aus der Bedrängnis heraus. Wusste nach Einwechselung von Johansson in leicht vorgezogener Position nicht zu gefallen. Note 3
Prokoph - Kopfballverlängerung zum 2:0, laufintensive Defensivarbeit und sogar zwei gefällige Aktionen mit Ball am Fuß. Eine positive Überraschung. Note 3
Dedic - Abstaubertreffer im Stile eines Torjägers, Trikotlüftung im Stile eines hormonübersteuerten Jugendlichen. Note 3,5
Epallé - statt "Blick auf den Ball" und "Ab durch die Mitte" brillierte der Kameruner mit feinem Fuß vor dem 1:0, ansonsten eher unauffällig. Note 3
Sestak - wuchtiger Abschluss bei seinem Tor, wurde durch die Mitspieler häufiger eingebunden als zuletzt. Note 2,5
Freier - machte leider viel falsch und leitete zumindest drei gefährliche Gladbacher Angriffe durch Ballverluste in der Vorwärtsbewegung ein. Kämpferisch aber vorbildlich, deshalb noch Note 4.
Johansson - schwache Vorstellung des Schweden. Als zusätzliche Absicherung eingeplant, brachte er das taktische Gefüge durcheinander und verlor fast jeden Zweikampf. Deutlich zu langsam für das hohe Tempo des Gegners in der Schlussphase. Note 4,5





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