Nullnull in der Hauptstadt. Ein mögliches Fazit könnte lauten: „Aufwärtstrend bestätigt, einen Punkt geholt und Tante Hertha auf Distanz gehalten.“ Oder wie wäre es mit dieser Spielwertung: „Zwei Zähler liegen gelassen, den endgültigen Hertha-Knockout verpasst und zwei Punkte auf den Club verloren.“ Was soll man also vom torlosen Remis halten?
Der VfL hatte das Spiel lange Zeit im Griff gehabt. Ein Endspiel war es vor allem für die Hertha gewesen, die vor diesem Hintergrund in den ersten 60 Minuten viel zu wenig unternahm. Das wirkte alles so emotionslos und ungefährlich. Dabei ging es für die doch um die Wurst. Unverständlich. Der VfL verschob gut, stellte die Räume zu, schaffte Überzahlsituation und musste stellenweise sogar das Spiel machen. Gefährlich war das jedoch ebenfalls nicht.
In der letzten halben Stunde drückte Berlin dann aufs Gaspedal und verlagerte das Spielgeschehen in die Hälfte des VfL. Den einzig echten Hochkaräter vergab Cicero in der 63. Spielminute. Der VfL wusste die sich bietenden Räume nicht zu nutzen und verpasste es, die Konter entschlossener auszuspielen. In der zweiten Spielminute der Nachspielzeit tropfte noch ein Maric-Freistoß an den Pfosten und das war es dann auch. Man reichte sich die Hände und teilte die Punkte.
Mit ein wenig Glück (Chance von Sestak, Schuss von Slawo) hätte der VfL auch alle drei Punkte aus dem Olympiastadion entführen können. Aber bleiben wir mal bescheiden und demütig, wie Heiko Herrlich immer wieder mahnt. Glück haben wir in den letzten Partien mehr als genug gehabt. Der Punkt ist für uns in Ordnung und für die Hertha zu wenig. Das Polster bleibt bestehen. Ich kann mir momentan wirklich nicht vorstellen, dass wir bis zum Ende der Saison einen Vorsprung von zehn Punkten auf die Funkel-Elf einbüßen.
Die Ergebnisse und das Auftreten in den letzten Spielen machen Mut, was die „Mission Klassenerhalt“ anbelangt. Allem Anschein nach versteht die Mannschaft immer besser, was der Trainer von ihr verlangt. Mit Milos Maric hat der Verein – so weit man das nach drei Pflicht- und einem Freundschaftsspiel beurteilen kann – einen Volltreffer gelandet. Und auf Lewis Holtby freue ich mich ganz besonders. Kaum zu glauben, dass der nicht nur für ein halbes Jahr, sondern gleich für 1,5 Jahre kommt. Den hätten wir mit einem anderen Trainer wohl nicht bekommen.
14 Spieltage, viel Arbeit und das ein oder andere Zitterspiel warten noch. Aber inzwischen bin ich wieder ganz zuversichtlich. In der Hinrunde habe ich mich teilweise gefragt, gegen welche Mannschaft wir überhaupt gewinnen können. Mittlerweile denke ich: Wir sind schwer zu schlagen und auch gegen Teams aus dem oberen Drittel nicht chancenlos.
Hier nun die Einzelkritik:
Heerwagen: War in der ersten Halbzeit bei einigen recht ungefährlichen Fernschüssen auf dem Posten und ansonsten wenig beschäftigt. Rettete im zweiten Abschnitt erst gegen Cicero, unterlief dann allerdings einen hohen Ball und ließ einen Schuss von Kringe prallen. Die Patzer blieben jeweils folgenlos. Den gelben Karton holte er sich, als er kurz vor Schluss einen überzähligen Ball Richtung Spree bolzte: 3,5
Concha: Insgesamt eine solide Partie des Schweden. In Halbzeit 1 in der Defensive kaum gefordert hatte der Rechtsverteidiger seine Seite auch in der zweiten Hälfte ganz gut im Griff: 3,5
Maltritz: War wahrscheinlich auch überrascht, dass die Herren Gekas (1 Torschuss!) und Ramos nicht mehr Betrieb machten. Aufmerksam und konzentriert: 3
Mavraj: Ebenso konzentriert und aufmerksam wie sein Nebenmann. Rettete z.B. in der 24. Spielminute gegen Raffael und ließ auch sonst wenig anbrennen. In dieser Form ein klarer Anwärter auf einen Stammplatz: 3
C. Fuchs: Der Ösi profitierte davon, dass sein Gegenspieler Ebert nur ein mäßiges Spiel zeigte. Defensiv stand der Außenverteidiger solide, in der Spieleröffnung zeigte er einige gute Ansätze: 3,5
Dabrowski: Über die Verpflichtung von Maric freut sich der Lange wohl am meisten. Die beiden harmonieren schon gut miteinander. Hätte in der 32. Minute spielen müssen, bevor er den Freistoß zog. War eine ähnliche Kontersituation wie beim 1-0 in Gladbach. Später entwischte ihm Raffael, der die anschließende Schusschance (53.) jedoch nicht verwerten konnte : 3,5
Maric: Der „kleine General“ war der Größte! Maric bolzt den Ball nicht einfach nur nach vorne, sondern reicht ihn überlegt weiter. Sehr präsent, überaus ballsicher und geschickt in den Zweikämpfen. Nur die Ecken kommen noch zu flach. Hätte seine Leistung mit dem Siegtreffer in der Nachspielzeit krönen können, aber leider ist das VfL-Glückskonto derzeit in den Miesen: 2,5
Azaouagh: Ein Individualist in einer Mannschaftssportart. Ihm war anzumerken, dass er nach seiner Denkpause (in Gladbach nur im Kader, gegen Schalke zur 2. Halbzeit eingewechselt) etwas zeigen wollte. Schoss in der Anfangsphase zwei Mal auf den Kasten. Das sah ganz nett aus, war aber vollkommen ungefährlich. Verschleppt immer wieder das Tempo, wenn eigentlich schnell gespielt werden müsste. Ein Jammer, was er aus seinen Fähigkeiten macht: 4,5
Epallé: Auch das Jens-Lehmann-Gedächtnis-Stirnband nützte nichts: Joel wirkte irgendwie saftlos und verunsichert. Viel Schatten, wenig Licht. Sollte Sestak als hängende Spitze unterstützen, kam aber nicht so richtig in Tritt. Richtig peinlich war das „Schwälbchen“ in der 80. Spielminute: 4,5
Prokoph: Versteht sich im Gegensatz zu Aza nicht als Künstler, sondern als Arbeiter. Hatte nur wenige gute Szenen. Die feine Vorarbeit zu einer Sestak-Chance (65.) war eine davon: 4,5
Sestak: Ihm fehlt die Unterstützung und ihm fehlen flache, in den Fuß gespielte Bälle. Nach einer Prokoph-Chance rutschte ihm der Ball über den Schlappen. Sein Schuss in der 19. war für Drobny kein Problem. Fällt gewiss schnell, musste aber auch einiges einstecken: 4
Freier: Marschierte in der 75. auf den Strafraum der Hertha zu und schoss dann über das Tor. Ist halt kein Knipser. Auf Grund der späten Einwechslung ohne Bewertung.





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