So selten, wie wir uns an dieser Stelle in der aktuellen Saison freuen durften, unqualifizierte Jubelausbrüche in die Tastatur hämmern und einfach mal ganz ungeniert drei unverhoffte Punkte abfeiern konnten, so berechtigt ist die lässige Schadenfreude nach dem "Dreier" in Hamburg.
David Jarolim, die personifizierte Fallsucht, sah sich bemüßigt, nach Schlusspfiff eine Spielanalyse in die Sky-Mikrofone zu tröten. Die durch Suggestivfragen herbei geredete Gerechtigkeitsdebatte gipfelte im Fazit des HSV-Kapitäns, die Gäste aus Bochum hätten "nur verteidigt" und könnten "es selbst kaum fassen, hier gewonnen zu haben". All dies sagte er vor dem im Hintergrund routiniert auf seinen Intervieweinsatz wartenden Dennis Grote, der äußerlich keinesfalls den Eindruck erweckte, ob des hart erarbeiteten Auswärtssieges komplett die Fassung zu verlieren.
Bleiben wir sachlich. Wäre ich David Jarolim und würde meine Brötchen beim Hamburger SV verdienen müssen, hätte ich womöglich ähnlich genervt auf besserwisserische Provokationen seitens schnarchnasiger Sky-"Fieldreporter" reagiert. Doch rein inhaltlich betrachtet offenbart Jarolims Plädoyer für Gerechtigkeit grobe Fehleinschätzungen. Zunächst zum Zorn auf Bochumer Verteidigungskunst: Wer - wie hoffentlich Heiko Herrlich - die letzten Partien der Hamburger verfolgte, wird mit Interesse die gravierenden Schwächen im Spielaufbau registriert haben. Sobald ein Gegner tief steht, erst in der eigenen Hälfte ernergisch in die Zweikämpfe geht und bis auf wenige Ausnahmen den zentralen Raum zwischen Sechzehner und Mittellinie engmaschig zustellt, tut sich das in Ermangelung Zé Robertos unter einem kreativen Vakuum leidende HSV-Mittelfeld enorm schwer, Torchancen zu kreieren und diese erfolgreich abzuschließen. Insofern war es fast logisch, dass unser neuer Trainer seine Offensivkräfte zu zurückgezogenem Pressing ab dem Mittelkreis aufforderte und den beiden "Sechsern" Dabrowski und Pfertzel jegliche Öffnung des Zentrums quasi untersagte. So blieb das heuer einsatzfreudige Duo in den ersten 60 Minuten nahezu komplett vor der Viererkette postiert, um den Hamburgern keine Kontereinladungen aussprechen zu müssen. Die vorsichtige Grundhaltung war somit logische Konsequenz aus der taktischen Gegneranalyse und keineswegs moralisch verwerflich. "Nur verteidigt" hat der VfL ohnehin nicht - seine Angriffe wurden in der ersten Halbzeit lediglich wirkungsvoll von der Hamburger Innenverteidigung unterbunden.
Und was Jarolim an der zweiten Hälfte auszusetzen hatte, war noch unverständlicher. Der HSV bekam nichts mehr auf die Kette, schien körperlich und konditionell ausgelaugt zu sein - was im Übrigen Erinnerungen an Labbadias Leverkusener Zeit hervor rief, als die Bayer-Angestellten nach offensivfreudigem Zauberfußball zu Saisonbeginn immer weiter abbauten und letztlich die Europa League verpassten. Torchancen blieben Mangelware, der VfL gewann speziell in den Zweikämpfen ein deutliches Übergewicht. Ein Extralob verdienten sich diesbezüglich Maltritz und Pertzel. Unser viel gescholtener Kapitän lieferte seine beste Saisonleistung ab, während der auf ungewohnter Position agierende Pfertzel dank Lauf- und Einsatzfreudigkeit bestach. Auch der mangels personeller Alternativen ins kalte Wasser geschmissene Prokoph machte die rechte Seite bis auf wenige Ausnahmen zu und vereitelte die einzige Hamburger Tormöglichkeit nach dem Seitenwechsel. Schließlich setzte sich Sestak einmal fair gegen Mathijsen durch, passte auf Grote und der Rest war großer Jubel. 1:0, ein Sieg der cleveren Taktik über ratlose Hamburger. Die Kritik an Labbadia dürfte nicht zuletzt ob der erneut (zu) späten Auswechselung des angeschlagenen Demels lauter werden. Mir soll es recht sein - den Ärger bei David Jarolim nehme ich ebenfalls gönnerhaft zur Kenntnis und spreche tröstende Worte aus: "Keine Sorge, es werden wieder schwächere Gegner in die HSH-Nordbank Arena kommen". Hehe.





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