Drei Tage danach ist das 1-4 gegen den BVB halbwegs verarbeitet. Was soll man auch lange darüber lamentieren: Die Borussia war phasenweise turmhoch überlegen, das Ergebnis fiel entsprechend deutlich aus. Deckel drauf. Eine Klatsche gab es allerdings nicht nur in sportlicher, sondern leider ebenso in atmosphärischer Hinsicht. Daran konnte selbst die eindrucksvolle Choreo der Ultras nichts ändern. Vor und während des Spiels hörte man aus der Ostkurve hauptsächlich Schmährufe in Richtung des Nachbarn. Selbst das Einlaufen (!) der Mannschaften wurde von herzhaften „Scheiße BVB“-Rufen begleitet. Wer das nicht glaubt oder sich das Intro noch einmal geben möchte, hat hier die Gelegenheit: http://www.youtube.com/watch?v=b6bioEMmMbk
Natürlich gehören derartige Anti-Gesänge auch zur Derby-Folklore, keine Frage. Irgendwann hört der Spaß und somit die gesunde Rivalität jedoch auf. Ab einem gewissen Punkt wird das Ganze ungesund und es stellt sich die Frage, ob man in erster Linie für den VfL oder zunächst einmal gegen den BVB, S04 oder wen auch immer eingestellt ist. Anders formuliert: Wäre es nicht viel schöner, souveräner und produktiver, vorrangig das eigene Team anzufeuern anstatt primär den Gegner herabzuwürdigen? Im Kern geht es hier nicht bloß um irgendwelche Gesänge; es geht vielmehr um das grundlegende Selbstverständnis und die Identität der VfL-Fans. Zum VfL Bochum und seinen Sympathisanten hat Königsblogger Torsten vor einigen Wochen an dieser Stelle das folgende Statement abgegeben:
„Der Verein als solches geht schon. Die sich fast ausschließlich an Neid und Missgunst aufputschende Anhängerschar stört ab und an, wirkt anklagend, als könne unsereins was für ihre Komplexe. Aber das ist auch auszuhalten.“
Harte und deutliche Worte, die einen gleichzeitig sehr nachdenklich und traurig stimmen. Der VfL sucht als Verein eine Nische zwischen den beiden Riesen aus Dortmund und Schalke, die Fans notgedrungen auch. Es ist ohnehin schon problematisch, wenn man sich primär über die Anti-Haltung zu einem anderen Verein als VfL-Anhänger definiert und durch „Scheiße BVB“- oder „Scheiße 04“-Rufe auf sich aufmerksam machen möchte. Richtig peinlich wird es natürlich dann, wenn es sportlich nicht läuft. So wie am Samstag. Der Dortmunder Anhang verteilte im Gegenzug aus ganz großen Kübeln Häme und Spott in Richtung Ostkurve („Die graue Maus fährt jetzt nach Haus“, „Für ein Heimspiel seid ihr ganz schön laut“) und winkte zum Abschied mit Taschentüchern. Eine Demütigung ersten Grades. Etwas weniger Hochmut hätte es auch getan, aber irgendwie sind diese Reaktionen auch nachvollziehbar.
Dass es auch anders geht, sieht man z.B. bei den Anhängern des FC St. Pauli, die in vielerlei Hinsicht einen Sonderstatus genießen. Die Paulianer präsentieren sich sich meist mit entwaffnender Selbstironie („Wir sind Zecken, asoziale Zecken ...“) und schicken in der Regel kein böses Wort in Richtung der gegnerischen Fans. Während man anderer Stelle z.B. nach zweifelhaften Entscheidungen des Schiedsrichters verbal entgleist, rufen die Hamburger gerne mal nach einem „Auswechsel-Schieri“. Etwas mehr St. Pauli und etwas weniger Hass und Kleinmut würde uns gut zu Gesicht stehen. Wir müssen den Dortmundern ja nicht gleich eine Fan-Freundschaft anbieten.
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