Nach der jüngsten Pleite gegen Ingolstadt braucht der VfL ganz dringend professionelle Hilfe. Sportlich, aber auch psychologisch. Spieler, Verantwortliche und Fans sind nach ungezählten Misserfolgen ein Fall für die Couch. Auf der Suche nach therapeutischer Unterstützung kam mir eine Idee. Mein Kollege Daniel ist Dortmunder, BVB-Fan, trotzdem ein netter Kerl und: Diplom-Psychologe . Ein Gespräch in schweren Zeiten:
1848 Einwürfe: Hallo Daniel, mein geliebter Verein enttäuscht mich seit einigen Jahren, spielt nur noch in der Zweiten Liga und blamierte sich zuletzt mit einer Heimniederlage gegen den Tabellenletzten bis auf die Knochen. Meine Stimmungslage pendelt zwischen Wut, Trauer und Fassungslosigkeit. Wie lässt sich eine solche Situation aus psychologischer Sicht am besten bewältigen?
Daniel D.: Die emotionale Reaktion wird ja dadurch ausgelöst, dass ich ein bestimmtes Ereignis (Erfolg) wünsche und dieser Wunsch befriedigt oder frustriert werden kann. Falls ich persönlich keinen (oder nur eingeschränkten) Einfluss auf das Ergebnis nehmen kann, bleibt bei anhaltender Erfolgslosigkeit nur die Distanzierung zum Geschehen. „Diese Söldner“ haben dann verloren – nicht „meine Mannschaft“. Das ist ein gesunder Prozess. Dauerhaftes Leiden ohne Bewältigungsmöglichkeit führt zu „erlernter Hilflosigkeit“ (Seligmann 1967) und damit verbundenen depressiven Reaktionen und Antriebslosigkeit. Wenn ich etwas wichtig finde, mir die Entwicklung nicht gefällt und ich an der Situation nichts ändern kann – dann muss ich zur Aufrechterhaltung einer positiven Stimmung die Relevanz oder die Bewertung verändern.
Dabei spielt allerdings auch die Ursachenzuschreibung eine Rolle – habe ich einen gemeinsamen Feind (Die Presse, DFB, Schiedsrichter) können auch Solidarisierungs- und Trotzreaktionen auftreten. Diese können dann sogar dazu führen, dass der „Kampf gegen den äußeren Feind“ zum Hauptziel und dementsprechend kultiviert wird. Dann wird der „Erfolg“ anders definiert („… dann treten wir ihnen den Rasen kaputt..“). Aus meiner Sicht ist das langfristig aber keine erfolgversprechende Strategie. Deswegen haben Vereine in der Kreisklasse meist auch weniger Fans als Bundesligisten.
Um Deine persönliche Verfassung zu verbessern und Dich nicht einem anderen Verein zuwenden kannst, bieten sich soziale Vergleiche an (s.u.). Ihr spielt wenigstens noch in der Bundesliga. Ihr seid ein Traditionsverein. Ihr habt Fans, keine Zuschauer. Und es wird wieder Erfolge geben.
Stichwort Bewältigungstaktik: Einige Anhänger gehen nicht mehr ins Stadion und ziehen sich vom VfL zurück. Andere wiederum melden sich jetzt erst recht zu Wort, feuern den Gegner an und übergießen die eigene Mannschaft mit Spott und Häme. Welche Strategie empfiehlt hier die Psychologie?
Wie Du in der Frage schon beschreibst, scheinen Menschen da unterschiedliche „Bewältigungsstrategien“ und Ziele zu haben. Die einen halten den Misserfolg ihres geliebten Vereins irgendwann nicht mehr aus und müssen sich aus Gründen der Psycho-Hygiene distanzieren – emotional und räumlich (durch das Meiden des Stadions). Andere scheinen sich eher distanzieren zu können, indem sie DIE (nicht mehr „ihre“) Spieler (Manager/Trainer) beleidigen und angreifen. Die erste Gruppe ignoriert, die zweite Gruppe ändert ihre Bewertungskriterien. Aber auch diese Zuschauer werden nach einem Erfolg „ihre“ Spieler wieder ins Herz schließen, ihnen verzeihen und ihre Lernfähigkeit positiv bewerten. Zudem ergibt sich hier ja auch die Chance, sich als „echter“ Fan zu beweisen, der seinen Verein auch in schweren Zeiten stets begleitet und immer für ihn da ist. Auch hier koppelt man sich von dem rein sportlichen Erfolgsdenken ab und berücksichtigt andere Dimensionen – die „besten Fans der Liga“ zu sein oder zu den „Top-5-Ultra-Szenen“ in Europa zu gehören, befriedigt offensichtlich ja auch.
Lebe ich als Anhänger eines
erfolglosen Vereins eigentlich ungesünder als Bayern- oder BVB-Fans?
Auch hier wird es interindividuelle Unterschiede bei der Bewältigung geben. Wenn ich bspw. Alkohol nutze, um über die Niederlage hinwegzukommen, wird das auch meine Gesundheit beeinflussen. Allerdings habe ich gerüchteweise gehört, dass auch Erfolge zu erhöhtem Konsum beitragen können.
Unabhängig von solchen Verhaltensunterschieden betrachtet, muss die Antwort allerdings lauten: Ja. Misserfolge führen zu negativen Gefühlen, die sich auch im körperlichen Bereich niederschlagen. Die sprichwörtliche „breite Brust“ ist ja bspw. ein äußeres Zeichen für positive Emotionen. Dauerhafte psychische Belastungen führen dann zu Veränderungen der Hormone und Botenstoffe im Nervensystem sowie somatischen Beschwerden.
Oliver Kahn sprach nach dem verlorenen Finale in der Champions League gegen ManU davon, dass sich diese Niederlage für ihn wie ein „Todesfall in der Familie“ angefühlt habe. Spieler und Fans neigen generell dazu, sowohl Erfolge als auch Misserfolge übertrieben wahrzunehmen. Wie kann ich eine normale und gesunde emotionale Beziehung zu meinem Verein aufbauen?
Einerseits wäre zunächst zu klären: Was ist „normal“, was ist „gesund“? Wenn Menschen ihre Emotionen in Stresssituationen mit solchen überspitzten Äußerungen zum Ausdruck bringen, ist dies meiner Ansicht nach noch kein Zeichen für ein „ungesundes“ Verhältnis. „Echte“ depressive Reaktionen oder dauerhafte Selbstüberschätzungen/Euphorie sind wohl eher selten. Schutz bietet ein Lebensrahmen, der auch in anderen Bereichen Erfolge zulässt und ein unterstützendes soziales Umfeld bietet. Ich kann natürlich auch mein Verhältnis zum Verein reflektieren, analysieren und mich fragen, welche Relevanz dieses Spiel für mein Leben „wirklich“ hat. Ich persönlich lehne das aber entschieden ab. Rationalität und Objektivität haben aus meiner Perspektive kein Platz auf den Tribünen.
Du sprachst mal von „sozial aufwärts“ und „sozial abwärts“ gerichteten Vergleichen, die z.B. Fußballfans in Bezug auf ihr Team anstellen. Was hat es damit auf sich?
Die Theorie der sozialen Vergleiche geht auf Festinger (1954) zurück. Nach seiner Vorstellung haben wir ein Bedürfnis nach Selbstbewertung. Da häufig „objektive“ Kriterien fehlen, nutzen wir dazu Vergleiche mit anderen. Ist sein/ihr Auto teurer als meines, putzt er/sie den Flur ordentlicher usw. Es ist uns aber auch wichtig, ein positives Selbstbild zu erhalten. Deswegen identifizieren wir uns gerne mit erfolgreichen Personen/Gruppen und grenzen uns von erfolglosen ab. Es treten also „Aufwärts gerichtete soziale Vergleiche“ („Sich im Erfolg der anderen sonnen“ - z.B. Identifizierung mit erfolgreichen Fußballmannschaften, sich selbst mit Erfolgen anderer in Verbindung bringen und zu Misserfolgen Distanz halten („wir haben gewonnen, die haben verloren“) und „Abwärts gerichtete soziale Vergleiche“ (sich von den Misserfolgen oder unangenehmen Zuständen anderer zu unterscheiden (Kontrastbildung), um die eigene Leistung oder Lage als vergleichsweise positiv zu bewerten / „Schadenfreude“/ Hauptsache vor dem S04) auf.
Dabei ist zu beachten, dass Personen mit niedrigem Status eher zu abwärts gerichteten Vergleichen mit als „noch schwächer“ wahrgenommenen Personen bereit sind. Man kann sich vor diesem Hintergrund auch ausmalen, welche Personen zu „Gegner-Bashing“ neigen und welche eher zur Unterstützung des eigenen Teams … Bei diesen Personen mit niedrigem Selbstwertgefühl wirkt sich ein abwärtsgerichteter sozialer Vergleich günstig auf Stimmung aus – dies erklärt wohl auch die Besetzung der scripted reality- und Doku-Formate im TV und die Zusammensetzung der Rezipientengruppe.
Immer mehr Vereine beschäftigen Sportpsychologen (wie z.B. Martin Meichelbeck in Fürth), die sich allerdings primär um die Leistungsoptimierung kümmern. Es geht also – vereinfacht gesagt – darum, möglichst viel aus den Spielern „rauszuholen“. Ist dieser Ansatz zu schmal?
Ja, ich habe Martin Meichelbeck auch mal an der RUB getroffen – als er noch für den VfL aktiv war. Aus Sicht der Vereine ist der Ansatz offensichtlich nicht zu schmal. Dies ist aber kein fußballspezifisches Problem. Auch mein Arbeitgeber bietet Gesundheitsprogramme und psychologische Unterstützung an – und auch hier ist (auch wenn dies nie explizit geäußert wird) die Aufrechterhaltung und Erhöhung der Leistungsfähigkeit das Ziel. Es ist eben Leistungssport. Dies muss sich ja auch nicht der individuellen Entwicklung entgegenstehen. Sowohl der Verein als auch der einzelne Spieler können davon profitieren, wenn psychologische Hilfe geboten wird. Man muss aber auch die Grenzen dieser Unterstützung akzeptieren. Ich vergleiche das mal mit dem medizinischen Bereich. Die Versorgung ist hier sicher als hervorragend zu bezeichnen – trotzdem gibt es bspw. immer wieder Fälle, in denen auf Grund nicht diagnostizierter Herzprobleme oder von Infektionen Spieler schwer erkranken oder sogar sterben. Und wie das Beispiel Robert Enke gezeigt hat, schützt auch umfassende psychotherapeutische/fachärztliche Unterstützung nicht vor sehr unglücklichen Entwicklungen. Ich glaube, die Handlungsmöglichkeiten der Psychologie zur umfassenden Bewältigung menschlicher Probleme werden hier überschätzt.
Mit welchen Instrumenten, mit welcher Ansprache kann ein Trainer eine vollkommen verunsicherte Mannschaft wieder aufbauen?
Wenn ich das klar beantworten könnte, würde ich das kommerziell ausnutzen. Durch das Ermöglichen von Erfolgserlebnissen, der Entwicklung von Bewältigungsstrategien, dem Einüben von einfachen Standardreaktionen zur Vermittlung von Sicherheit... Ob das allerdings erfolgreich ist, wenn der erste Pass nicht ankommt oder die eigenen Zuschauer ihren Unmut äußern, wage ich zu bezweifeln. Es ist sicherlich auch abhängig von der Persönlichkeit der einzelnen Spieler oder der ganzen Mannschaft. Der eine Spieler braucht Trost und Unterstützung, während ein anderer Akteur von harten Worten und Druck profitiert. Wie gesagt, wenn ich hier eine Patentlösung hätte, wäre ich woanders…
Du bist Anhänger des dauererfolgreichen BVB. Wie gefährlich ist dieses andere emotionale Extrem, weil es z.B. die Fallhöhe für Niederlagen deutlich anhebt?
Dauererfolgreich? Eine meiner schönsten
Erfahrungen mit dem BVB war in einer verkorksten Saison – das 3:1
durch Jürgen „Kobra“ Wegmann gegen Fortuna Köln in der
Relegation der Saison 85/86. Das ist ja das Schöne am Fußball: Es
sind immer wieder Erfolge möglich, egal auf welcher Ebene und auch
wenn nicht jede Mannschaft Deutscher Meister werden kann. Das macht
nach einer Zeit der Gewöhnung ja nicht mehr so glücklich. Ich kann
mich noch sehr gut an „meine“ erste Meisterschaft mit dem BvB
(94/95) erinnern – die im darauf folgenden Jahr ist mir weniger im
Gedächtnis hängen geblieben.Und momentan nehme ich – wohl auch
auf Grund der Erfahrungen des letzten Jahrzehnts – eine sehr
entspannte Stimmung wahr. Insofern bewerte ich die Gefahr eher
gering. Es werden sicher wieder Menschen ins Stadion kommen, die
vorrangig an „aufwärts gerichteten sozialen Vergleichen“ und dem
„Event“ Fußball interessiert sind. Aber das geht vorüber. Dann
werden wieder Niederlagen und Enttäuschungen folgen (hoffentlich auf
hohem Niveau!). Und damit die Möglichkeit, wieder aufzustehen,
weiter zu kämpfen und neue Erfolge zu erleben. Hier sehe ich ein
sehr schönes Bild für das ganze Leben. Man kann nicht immer ganz
oben stehen. Aber es sollte das Ziel sein!





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