Das aktuelle Wetter NRW 22°C

2:2 Sieg: Magaths Kühle nach einem heißen Spiel

Ein guter Bekannter, der während Magaths Cheftrainer-Zeit beim SV Werder Bremen als Mannschaftsbetreuer fungierte, berichtete mir vor zwei Wochen von seiner damaligen Tätigkeit und schloss mit der Feststellung: „Wenn Magath einen Raum betrat, wurde es flugs ganz kalt. Niemand traute sich mehr, den Mund aufzumachen.“ Aussagen wie diese sind mit Vorsicht zu genießen, ist die berühmte „oral history“, also die rückblickende Erzählung von so genannten Zeitzeugen, nicht erst seit Guido Knopps Machenschaften im ZDF höchst umstritten. Dennoch: Sollte nur ein kleiner Teil der Bremer Erinnerungen stimmen, dürfte die Temperatur in der Schalker Kabine nach Abpfiff des gestrigen Spiels im hohen zweistelligen Minusgradbereich gelegen haben.

 

Dies war wohl auch der Grund, weshalb viele Kurzzeittabellenführer nach Spielende den Weg in die Katakomben verweigerten, neben dem Spielfeld verharrten und auf der Auswechselbank Platz nahmen – sichtlich fassungslos ob der verspielten Führung gegen den VfL. Und ganz ehrlich, als Schalker hätte ich mir in den Allerwertesten getreten – mit Anlauf und Eisenstollen unter dem Schuhwerk. Denn die 75-minütige Spielkontrolle, ausgeübt vom sehr ballsicheren, fast fehlerfrei agierenden Magath-Kollektiv, fand im lediglich 2 Tore betragenden Vorsprung keine hinreichende Entsprechung. Als Fan des Gegners sind Spiele gegen Magath ein wahrer Graus. Das sieht alles höchst unspektakulär aus, ist von großer Solidität geprägt und gestattet dem jeweiligen Kontrahenten kaum Angriffspunkte. Umso erstaunter war ich, als plötzlich Hashemian freistehend zum Anschlusstreffer traf und sich die Schalker in der Schlussphase auf einen offenen Schlagabtausch einließen. Dem grandiosen Ende sei über Jahre ein Ehrenplatz am Bochumer Erinnerungshorizont garantiert

 

„Die 91. Minute, Schalke hat sich am Bochumer Strafraum festgesetzt und scheint den Ball unter Kontrolle behalten zu wollen. Plötzlich flankt Baumjohann überhastet in den Bochumer Strafraum, Maltritz schlägt das Leder aus der Gefahrenzone. Über Umwege landet der Ball bei Slawo Freier, der per riskanten Ausßenrist-Pass den auf links durchgebrochenen Hashemian ins Spiel bringt. Dessen technisch perfekte Ballannahme verschafft ihm die Möglichkeit, gegen Rechtsverteidiger Rafinha ins Laufduell zu kommen. Zwei Körpertäuschungen, Flanke…Sestak schleicht sich an Bordon vorbei und köpft mittig am verdutzten Neuer vorbei zum 2:2 Ausgleich ein.“

Ein Highlight für die Ewigkeit, eine Belohnung für abermals engagierte, kämpferisch starke und nur selten kopflos auftretende Bochumer, die an diesem Nachmittag sicher die unterlegene Mannschaft waren, jedoch trotz aller Defizite nie resignierten und immer ihre Chance suchten.

 

In der ersten Hälfte deutete allerdings rein gar nichts auf einen Punktgewinn hin. Der VfL offenbarte erneut Probleme im Defensivverhalten auf den Außenbahnen, Farfan und Sanchez setzten Fuchs, respektive Concha arg zu und hatten auch mit den bisweilen zur Unterstützung zurück geeilten Prokoph und Dedic keine Probleme. Das sehr ballsichere Mittelfeld der Gäste ließ Dabrowski und Maric nicht in die Zweikämpfe kommen, provozierte seinerseits bei Ballbesitz des VfL etliche Fehlpässe. Herrlich machte das einzig Richtige, wechselte das biedere Zerstörerduo Prokoph/Dedic aus und wählte mit Azaouagh/Freier die risikofreudigere Variante. Die Maßnahme zahlte sich zunächst nur zu 50% aus, denn während Slawo feurig, ungestüme Dribblings und Torabschlüsse wagte, trottete sein Konterpart auf der linken Seite mit deutlich gedrosseltem Motor über den Platz. Dennoch sah das Spiel dank verdichteter Mittelfeldpräsenz (Maric und Dabrowski wurden von den häufig einrückenden Außenverteidigern wirkungsvoll gestärkt) nun besser aus, Schalke konnte das Geschehen lediglich über kürzere Spielphasen kontrollieren, den jungen Matip und Moritz unterliefen kaum für möglich gehaltene Fehler, selbst Bordon hatte zwei Aussetzer nach hohen Flanken drin.

 

Das 2:2 zeichnete sich natürlich trotzdem nicht ab und ist genau aus diesem Grunde umso unfassbarer. Habe die Videoaufzeichnung vom Ausgleich bestimmt noch fünfmal gesehen und freue mich mit jedem neuen Durchlauf immer mehr. Die hoch gereckten Arme von Sestak, der Lauf Richtung Block M, der Tritt gegen die Kamerahalterung, das jubelnde Knäuel Bochumer Auswechselspieler, Herrlichs coole Reaktion – pure Emotion!

 

Lohnt eine Einzelkritik nach soviel irrationaler Jubelstimmung? Na gut.

Heerwagen (3), Maltritz (3), Mavraj (5), Concha (4,5), Fuchs (4,5), Maric (3), Dabrowski (3,5), Prokoph (4), Dedic (4,5), Epallé (4), Sestak (3), Azaouagh (4,5), Freier (2), Hashemian (1)

 

Den mittelmäßigen Noten zum Trotz: Wer gegen Magaths Granitabwehr zwei Treffer erzielt, hat den Punkt auch verdient. Den "Bonus"punkt? Mitnichten. In der momentanen Verfassung kann der VfL jede Mannschaft ärgern und wird dies nächste Woche in Berlin hoffentlich auch tun.

 
Diesen Artikel bookmarken?

0 Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist:
http://www.derwesten.de/services/trackbacks/blogs/6021690/create

0 Kommentar