Viele Experten, die den VfL Bochum in dieser Saison nur via Videotext verfolgten und ein primär gleichgültiges Verhältnis zum sympathischsten Verein der Liga pflegen, schrieben sich in den vergangenen Tagen in einen Zustand blinder Euphorie hinein. Bochum gegen Leverkusen, das werde ein "ganz enges Spiel", überhaupt sei Bochum "enorm konterstark", habe mit Heiko Herrlich einen "tollen Motivator und Taktikfuchs" als Trainer und verfüge mit Holtby als Neuzugang nunmehr über "spielerische Mittel". Holla, soviele Vorschusslorbeeren kassierten unsere blau-weißen Heimspielgötter seit etlichen Monaten nicht mehr - da dürfte auch der zuverlässige Hinweis auf Bochumer "Kämpfertugenden" ganz locker weggesteckt werden.
Apropos Kampf: Zur Einstimmung auf den nachmittäglichen Kick gegen den Tabellenführer gab es im Fernsehen Fußball aus der Premier League zu bestaunen. Liverpool empfing den FC Everton im "Merseyside" Derby, das zu einem extrem hässlichen Fußballbattle ausartete. Einsatz und Härte wurde auf beiden Seiten nicht als notwendige Untersützung spielerischer Mittel verstanden, sondern nur als Vernichtung des Gegners ausgelegt. Vier rotwürdige Fouls in der ersten halben Stunde, gestikulierende Spieler, theatralische Einlagen. Die Legende von der so unglaublich fairen Premier League wurde abermals entkräftet und jeder Fan, der dem VfL bislang empfahl, sich im Abstiegskampf ein Beispiel an englischer Härte zu nehmen, sollte spätestens nach dem heutigen Tage eines Besseren belehrt sein. Denn wie man "richtig" und fair kämpfen kann, bewiesen die Bochumer nach Abpfiff des Liverpooler "war of football" (Zitat des britischen Kommentators) auf vorbildliche Art und Weise.
Taktisch ähnelte die ausgegebene Marschroute frappierend dem Spiel gegen den FC Schalke 04. Dem Gegner wurde Raum und Zeit gelassen, den Ball in den eigenen Reihen zu behaupten, an der Mittellinie ungehindert quer und zurück zu passen sowie das Geschehen bis knapp zehn Meter vor den Bochumer Strafraum zu kontrollieren. Dann jedoch griff ein Verteidigungsrädchen ins nächste. Maric räumte gemeinsam mit Dabrowski gewohnt zuverlässig ab, Maltritz und Mavraj hatten die gefährlichen Flanken von Kroos weitestgehend im Griff und Epallé lauerte hinter dem einzigen Stürmer Sestak auf Leverkusener Nachlässigkeiten. Diese ließen jedoch auf sich warten. Dem sehr souverän agierenden Tabellenführer unterliefen im ersten Abschnitt keine Fehler im Spielaufbau - ganz im Gegensatz zum VfL, bei dem der sichtlich nervöse Debütant Holtby alleine in der Anfangsphase drei dumme Fehlpässe beim versuchten Seitenwechsel durch die Mitte produzierte. Doch unter Heiko Herrlich haben derartige Aussetzer zwar Torchancen für den Gegner zur Folge, bewirken allerdings kein komplettes Auseinanderbrechen der gefestigten Spielstruktur. Das Umschalten nach Ballverlust funktioniert genauso hervorragend wie das mannschaftlich geschlossene Verschieben hinter den Ball. Geschätzte zwei Sekunden nach dem jeweiligen Fehlpass steht die komplette Elf wieder in der eigenen Hälfte und kann den Kontrahenten im Verbund am schnellen Kontern hindern. Genau einmal klappte die Rückwärtsorientierung nicht und Leverkusen wäre keine Spitzenmannschaft, wenn sie die übermotivierte Dribbeleinlage von Epallé mit folgerichtigem Ballverlust nicht abgeklärt genutzt hätte. Zu allem Überfluss stand in dieser Situation auch Maltritz falsch zum Gegenspieler, ließ Derdiyok auf der Innenseite passieren und ungehindert ins linke Torwarteck schlenzen. Das 0:1 kurz vor der Pause war genauso verdient wie unnötig.
Heiko Herrlichs Strafenkatalog wurde in der Kabine um einen weiteren Punkt ergänzt. Standen trikotfreier Torjubel und egoistische Soli bis dato auf dem Index, ziehen ab sofort auch sinnfreie Stolpereien am Mittelkreis die prompte Auswechslung nach sich. Epallé blieb zugunsten von Dedic auf der Bank, Holtby rückte auf die Position hinter der Spitze vor, während der slowenische WM-Teilnehmer zusammen mit Freier die Flügelzange bildete. Die taktische Umstellung zog auch einen Wandel der Mentalität nach sich. Fortan arbeitete das ganze Team noch intensiver, ging beherzt in jeden Zweikampf, ließ sich dabei auch vom übermotiviert kleinlichen Schiedsrichter Wagner (der dank Klimowicz-Abstinenz ohne Feldverweis auskam) nicht bremsen und hatte im aufblühenden Maric seinen besten Akteur. Schön zu beobachten, dass zudem Holtby besser ins Spiel kam, seinen Aktionsradius enorm vergrößerte und mit feiner Vorlage vor Dedics Ausgleich ein erstes Ausrufezeichen setzte. Der Junge kann Fußball spielen!
Der VfL kämpfte verbissen um den Punktgewinn, hatte bei schnell vorgetragenen Kontern sogar Siegchancen. Sestaks versiebter Schuss aus spitzem Winkel erinnerte dabei an seinen vergleichbaren Fehlschuss gegen den HSV vor eineinhalb Jahren, nur dass die negativen Folgen diesmal geringer waren. Die Pole-Position im unteren Tabellendrittel ist weiterhin fest in Bochumer Hand und mit der abgeklärten Mixtur aus fairem Kampf und feinen Kontern dürfte diese bis Saisonende nicht aus der Hand gegeben werden. Zum ersten Mal seit Jahren ist der Teletext-Expertenriege vorbehaltlos zuzustimmen: Ihr habt in eurer ungeahnten Ahnungslosigkeit ja sooo recht.
Einzelbewertung:
Heerwagen (3), Concha (3), Maltritz (4), Mavraj (2,5), Fuchs (3,5), Dabrowski (3), Maric (2), Prokoph (-), Holtby (3), Epallé (4,5), Sestak (3,5), Freier (3), Dedic (2,5)
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