Mit den Karnevalisten ist das immer so eine Sache. Die meisten Anhänger der Fröhlichkeit auf Befehl vegetieren ein ganzes Jahr lang so vor sich hin, haken im Buchhalterstil die Tage bis zur Adrenalinexplosion ab - um dann während der "Narrenzeit" nach dem genau gleichen Muster zu verfahren: gute Laune nach Drehbuch, streng reglementiert, ein Brauchtum der verzichtbaren Sorte. Angemalte Gestalten, die Anfang Februar in den Fußballstadien umher schleichen, von Fernsehteams gerne als unglaublich entspannte, lockere Humorbomben abgefeiert werden, sind in Wahrheit oftmals nur Vertreter urdeutscher Pflichterfüllung. Um es auf den Punkt zu bringen: Wer während der Karnevalszeit wirklich "happy" ist und mal abseits der per albernen "Orden" etablierten Hierarchien einen gar nicht mal so zotigen Witz reißt, wird mindestens schief angeschaut oder vom Ort des seltsamen Treibens verwiesen.
Bereits wenige Tage nach Beendigung der nervigsten Jahreszeit fallen die beruflichen Rotnasenträger jedoch in altbekannte Verhaltensmuster zurück. Der FSV Mainz 05, der gestern gegen unseren VfL ein verdientes 0:0-Unentschieden erkämpfte, wurde von eben jenen Fans ausgepfiffen, die binnen Wochenfrist noch den Eindruck erweckten, selbst eine kurzfristige Strafversetzung in die Oberliga könne ihnen die gute Stimmung nicht verhageln. Eine eher fragwürdige Verhaltensweise, war doch selbst ohne Promilleschleier erkennbar, wie bemüht, engagiert - wenngleich limitiert - die Elf von Thomas Tuchel an der Fortsetzung ihrer Überraschungssaison arbeitete. Lustig auch, dass trotz jüngster Bochumer Erfolge in Fankreisen immer noch die Meinung dominiert, gegen den "kleinen, putzigen" Revierclub mal eben im Vorbeigehen gewinnen zu können. Spieler und Trainer sehen dies freilich anders. Zurecht. Tuchel, der nach Spielende die richtigen Worte für das pfeifende Publikum fand, ordnete das Geschehen treffend ein, sah überlegene Mainzer in den ersten 30 - und schwer zu spielende Bochumer Räumezusteller in den folgenden 60 Minuten.
Dem Web 2.0-affinen VfL-Fan dürfte nicht entgangen sein, dass Neuzugang Lewis Holtby regelmäßig mehr oder minder interessante "Tweets" via Twitter verschickt (www.twitter.com/lewisholtby). Ich habe noch nicht nachgesehen, wie er das Remis am Mainzer Bruchweg zusammenfasste, aber die passende 140-Zeichen Zwitscherei könnte eigentlich nur folgendermaßen lauten: 0:0. Falsche Position gespielt. Trainer änderte das zum Glück. Danach besser. Ziemlich geil verteidigt, fast gewonnen. :D
Manchmal helfen seitenlange Analysen nicht, wenn die Wahrheit offen und ehrlich ausgesprochen wird. Herrlich räumte seinen Fehler ein, zu Beginn auf Holtby als defensiven Mittelfeldersatz für Maric vertraut zu haben. Als unser Erfolgstrainer die Fehleinschätzung nach einer halben Stunde korrigierte, Johansson für Epallé ins Spiel brachte und dadurch dem Zentrum zur gewohnten Stabilität verhalf, war das Spiel fortan für die Mainzer gelaufen. Johansson konnte zwar nicht die Robustheit und Balleroberungsraffinesse eines Marics aufbieten, überzeugte aber dank kluger Pässe, cleverer Laufarbeit und guter Abstimmung mit Nebenmann Dabrowski, der mit zunehmender Spieldauer immer stärker wurde. In diesem Zusammenhang überrascht die Aussage von Herrlich, er hätte statt Epallé auch "vier oder fünf andere Spieler" auswechseln können. Spontan fiele mir der fahrige Mavraj ein, der ähnlich wie jüngst gegen Hoffenheim eklatante Fehlpässe spielte und gegen Bancé in der Anfangsviertelstunde zweimal das Nachsehen hatte. Auch Holtby wäre - seine Leistung als "6er" zugrunde gelegt - ein Kandidat gewesen. Ansonsten fiel anfangs niemand individuell ab, den man per Auswechslung von seinem Leid hätte erlösen müssen. Es hakte vielmehr im gesamten Mannschaftsgefüge. Nach Balleroberung rückte man zu zaghaft nach, ließ sich umgekehrt von den Mainzern bis in den Strafraum zurückdrängen. Selbst gegen Spitzenreiter Leverkusen agierte der VfL mutiger, positionierte die Viererkette weit vor der Sechzehnmeterlinie und verlegte das Aktionszentrum dadurch bis knapp hinter die eigene Mittellinie. Unter diesem Gesichtspunkt mutete die Initiativlosigkeit, mit der dreißig Minuten lang um ein Gegentor gebettelt wurde, schon reichlich seltsam an.
Aber der VfL 2010 übersteht auch Schwächeperioden mit Bravour, kann sich nach holprigen Startphasen immer wieder ins Spiel zurück kämpfen taktieren und ist, wie Philipp Heerwagen ein Zitat des Mainzer Kollegen Florian Heller nach Abpfiff wiedergab, einfach "eklig" zu spielen.
Pfiffe nach Punktgewinn gegen starke, im neuen Jahr noch ungeschlagene, abgeklärte, "eklige" Bochumer? Ausgelassener und von karnevalistischer Reglementierungswut verschonter Jubel wäre die angemessenere Reaktion gewesen. Oder?





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