..........8:11 Uhr
Es ist der 6. Dezember 2008 und anlässlich des heutigen Feiertages haben wir sämtliche Kosten und keine Mühen gescheut und ich befinde mich nun in der Aula der Vorschule für hochbegabte Kinder in... einer großen Stadt irgendwo im Ruhrgebiet. Um mich herum befinden sich etwa hundert Kinder im Alter von vier bis sieben Jahren, die zusammen mit dem Lehrpersonal gespannt auf das Erscheinen des Nikolaus warten.
..........8:16 Uhr
Mein Laptop hat inzwischen Betriebstemperatur erreicht und gefährdet die Unversehrtheit meiner Oberschenkel. Vom alten Rauschebart weit und breit noch immer keine Spur. Die Leiterin der Vorschule, Frau Griselda Wurmholz, schaut immer wieder diskret auf Ihre Armbanduhr. Die Kinder tuscheln erwartungsvoll.
.........8:19 Uhr
Die Tür öffnet sich einen Spalt. Er kommt! Der Nikolaus kommt!
..........8:20 Uhr
Der Nikolaus betritt die Aula der Vorschule, schwer bepackt mit einem großen (laut Aufdruck garantiert hundertprozentig biologisch abbaubarem) Jutesack und einem (wie mir der stellvertretende Direktor Herr Gordian Hasselbeck-Kleinschröter zuflüstert - von tibetanischen Mönchen in Vollmondnächten zusammengesuchtem) Reisigbündel.
Ansonsten ist er gekleidet, wie man es von einem Nikolaus erwartet. Also der Nikoalus jetzt, nicht Herr Hasselbeck-Kleinschröter. Roter Umhang mit Kapuze und weißem (Kunst!)fellbesatz an den Säumen, schwere Stiefel, breiter Ledergürtel, dicker Bauch. (Herr Hasselbeck-Kleinschröter trägt ein beiges Jackett mit Hahnentrittmuster und Lederflicken an den Ellbogen.)
.........Immer noch 8:20 Uhr
Sogleich wird der Nikolaus aufgeregt von den Kindern umringt.
..........8:21 Uhr
Mir scheint, ein Hauch Skepsis umweht die Kinderschar, erkennbar an hochgezogenen Augenbrauen und kleinen Falten zwischen kleinen Augenbrauen. Der Nikolaus blickt erst zur Tür und dann zu den Erwachsenen.
Frau Griselda Wurmholz: *klatscht laut in die Hände*: „Guckt mal Kinder, wer da ist! Der Nikolaus!“
..........8:22 Uhr
Nikolaus: „Ho ho ho, ihr Kinder! Vom Wald draußen komm ich her und-...“
Torben (5): „Von welchem Wald?“
Nikolaus: „Äh … na... von draußen aus dem Wald.“
Torben (5): „Aber welcher Wald genau? Wir haben letzte Woche Geographie gehabt und da haben wir uns eine Karte der Umgebung angesehen und der nächste Wald ist 17 Kilometer weit entfernt. Mindestens. Ich habe das ausgerechnet! Mit dem Geodreieck!“
Nikolaus: „Ja... uhm... das ist genau der Wald, von dem ich komme... und ich kann euch sagen, es weihnachtet sehr!“
..........8:25 Uhr
Lydia-Doreen (6): „Weihnachten ist aber erst in 18 Tagen. Heute ist Nikolaus. Solltest du als Nikolaus das nicht eigentlich wissen?“
Nikolaus: „Ehm - ja, klar. Aber das sagt man als Nikolaus halt so, nicht wahr.“
Lydia-Doreen (6): „Wenn du sagst 'man', ist das eine literarische Freiheit, die du dir nimmst oder möchtest du damit andeuten, dass du nicht der einzige existierende Nikolaus bist?“
Frau Wurmholz: „Unsere Lydia-Doreen möchte mal Schriftstellerin werden, deswegen nimmt sie es mit Worten sehr genau!“
Nikolaus: „Ah, Schriftstellerin, das ist aber ein schöner Beruf. Nein, liebe Lydia-Doreen, ich bin der echte Nikolaus und ich hab euch auch ganz viele Geschenke mitgebracht. Aber bevor es die Geschenke gibt, sagt mir erst einmal, ob ihr auch alle brav gewesen seid...“
..........8:28 Uhr
Meinhard (7): „Wie definierst du brav?“
Nikolaus: „Uhm... na ja... eh... also... habt ihr immer euren Eltern gehorcht und euer Zimmer aufgeräumt und ward ihr immer lieb zu euren Freunden?“
Meinhard (7): „Meine Eltern erziehen mich nicht autoritär, die haben mich ausdrücklich aufgefordert, ihnen nicht zu gehorchen und mir meine eigene Meinung zu bilden.“
Lydia-Doreen (6): „Und ich muss mein Zimmer nicht aufräumen, das macht die N'galla, die ist unsere Au-Pair.“
..........8:29 Uhr
Meinhard (7): „Und was das lieb sein angeht, wann genau ist man lieb? Ist man lieb, wenn man nur etwas Böses vor hat, wie zum Beispiel die Charlotte an ihren doofen Zöpfen zu ziehen?“
Charlotte (4): „Hey! Lass meine Zöpfe in Ruhe!“
Meinhard (7): „Ich mach ja gar nix! Oder ist man lieb, wenn man das nur deswegen nicht tut, weil man sich eine umfangreiche Rückzahlung bei der Geschenkausschüttung erhofft, im Innern seines Selbst aber plant, die Tat danach doch durchzuführen, sobald die Geschenke verteilt wurden, so dass man einer vorzeitigen Bestrafung entgeht?“
Nikolaus: „Wie... kannst du die Frage noch mal... äh... also, das weiß ich jetzt auch nicht so genau...“
..........8:33 Uhr
Auf Stirn und Oberlippe des Nikolaus haben sich Schweißtropfen gebildet. Das muss am Kunstfellbesatz des Umhangs liegen. Frau Wurmholz zupft ständig an ihrer Perlenkette.
..........8:34 Uhr
Meinhard (7): „Das ist eine ziemlich schwache Leistung für jemanden, der als moralischer Grenzstein in der Kulturgeschichte gehandelt wird.“
Benedikt (6): „Meinhard, ich finde du bedrängst den Nikolaus zu sehr. Schließlich ist er doch nur die Manifestation des Wunsches der Gesellschaft das Belohnung-/Bestrafungsprinzip schon den jüngsten Mitgliedern zu verinnerlichen. Du weißt schon, von wegen tu Gutes, dann kriegst du Geschenke, tu Böses und du kriegst die Rute.“
Nikolaus: „Also... mit der Rute, das ist so eine Sache... ich...“
..........8:36 Uhr
Meinhard (7): „Schon richtig, Benedikt, aber ist es nicht ironisch, wenn jemand, der die Inkarnation des kleinen Schiedsgerichts, also sozusagen die Anthropomorphisation des Überichs darstellen soll, so einfache moralische Fragen...“
Erika (5): „Ach herrjeh, jetzt fängt er wieder mit Freud an. Meinhard, du weißt genau, dass Freud ganz oft falsch lag mit seinen Theorien und wir deswegen nicht alles auf sein Drei-Instanzen-Modell reduzieren können.“
Meinhard (7): „Erika, ich bin mir durchaus bewusst, dass du in deiner frühkindlichen Phase natürlich noch nicht mit den Theorien Freuds komplett vertraut sein kannst, aber ich finde es nicht gut, dass du...“
..........8:48 Uhr
Die Kindergruppe um den kleinen Meinhard ist noch immer in eine angeregte Diskussion vertieft. Draußen auf den Zweigen einer Buche sitzt ein Rotkehlchen. Eine Frau mit einem Hund an der Leine geht vorbei.
..........8:54 Uhr
Nikolaus: „Also ich muss dann mal langsam weiter... um halb zehn muss bei meinem nächsten Termin sein... und Sie wissen ja, der Verkehr...“
Frau Wurmholz: „Ja... ich denke, die Geschenke können Sie dann mir geben. Wenn sie erstmal anfangen Psychoanalyse zu diskutieren, sind wir nicht vor dem Mittagsschläfchen fertig...“
..........12:17 Uhr
Es sieht nicht so aus, als würden wir heute noch erfahren, was sich in den bunten Päckchen befindet, die der Nikolaus hier gelassen hat.
..........12:21 Uhr
Wirklich nicht.
..........12:36 Uhr
So. Das war es dann von der Nikolausfeier aus der Vorschule für hochbegabte Kinder in irgendeiner großen Stadt im Ruhrgebiet. Nächstes Jahr blogge ich dann live von der Nikolausfeier des Brieftauben- und Kaninchenzüchtervereins in Wörpelhausen. Vielleicht.





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