Das aktuelle Wetter NRW 23°C

Jucki der Bär

E-Mail:  

 

An   Hotel Zur Krone  

 

 

"Sehr geehrte Damen und Herren

Wir sind am 24.05 abgereist und unser Sohn hat sein Kuscheltier auf dem Zimmer liegen lassen.
Er heißt Jucki und ist eine Art Bär, hellgelb mit einem selbst gestrickten Pullover (gelb, orange, rot).
Wir hatten das Zimmer 1102.
Gibt es eine Möglichkeit, dass Sie uns dem Bären nach Deutschland schicken???"
   

Sämtliche E-Mails, die an das Hotel „Zur Krone“ gesendet wurden, landeten bei der Rezeptionsdame des renommierten Hauses in Wien.

Elke Kaufmann sortierte die Nachrichten und verteilte sie an die verschiedenen Abteilungen des Hotels. Ihre braunen Augen brannten sich lupenförmig in den Bildschirm und sogen neugierig die neue Post auf. Eine Tätigkeit, die sie den ganzen Tag machen würde, wenn nicht andere Arbeiten sie daran hinderten.

Sie las Toni dem Portier die Emails vor.

Es amüsierte ihn königlich, dass die Hamburger Familie, die ihn ohne Trinkgeld die Koffer bis ins Taxi schleppen ließ, das Allerheiligste ihres geliebten Sohnes vermissten.„Geschieht ihnen Recht“, bemerkte Toni bissig.

Du bist fies“, konterte Elke. „Was kann der Junge dafür, wenn du von seinen Eltern keinen Obolus bekommen hast“.

„Natürlich kann das Kind nichts dafür“, wiederholte er den Satz seiner Freundin.

Verärgert biss er sich auf die Lippen. Dieser Satz war überflüssig. Zumindest bei Elke. Seine braunen Locken schienen sich noch ein wenig mehr in der morgendlichen Frühjahrssonne zu kräuseln. Der Glanz des herrlichen Morgens wollte sich in jedem Haar wiederzuspiegeln.

Toni schritt gemächlich zum Aufzug, um sich in sekundenschnelle in die elfte Etage befördern zu lassen. Eigentlich hatte er sich vorgenommen, sich seiner Winterkalorien zu entledigen, indem er zumindest morgens die Treppen laufen wollte. Doch der Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass das Zimmermädchen gerade die angewählte Etage säubern müsste. Mit eiligem Schritt huschte er über den Flur und öffnete Zimmer 02. Mit bedauern stellte sein flüchtiger Blick durch das Zimmer fest, dass sich der Bär nicht mehr hier befand. Er lächelte wie ein gerissener Gauner, der sich unbeobachtet fühlte.

Er seufzte. Wahrscheinlich schon gestern im Fundraum abgegeben worden, ging es ihm durch den Kopf.

Toni zog die Türe leise wieder zu, als hätte er gerade den Geheimgang eines versteckten Schatzes geschlossen.

Doch unter dem Bett funkelten zwei schwarze Knopfaugen im Licht des Tages. Eine weiche Plüschpfote zog den Körper eines kleinen Teddys hinter sich her.

Sehnsuchtsvoll und zugleich traurig dachte Jucki daran, wie er damals von Felix, seinem besten menschlichen Freund adoptiert wurde. 

„Plueschbrumm hatte Erika Schneider ihn zu allererst getauft, als er vor zwei Jahren aus dem grünen Weihnachtspapier von neugierigen Kinderhänden herausgerupft wurde. Die Mutter fand den Namen passend. Aber sie fand ja alles passend, wenn es sich nur kuschelig anhörte. Der zweijährige Sohn blickte den Bären mit dem gelben Pullover vertrauensvoll an und sagte freudig:  

Jucki“

So hatte der kleine Bär mit den schwarzen Knopfaugen seinen Namen bekommen.  

So viele Gaben der Weihnachtsmann Felix auch mitgebracht hatte, aber Felix beschäftigte sich von nun an nur noch mit dem kleinen braunen Plüschbären. All die Pakete, die wohlverpackt vom Vater zum auspacken aufgebaut waren, rührte der Junge nicht an. Sie schienen ihn in keiner Weise zu existieren.

Die frischen Düfte der Tannenzweige schwebten durch alle Räume und vermischten sich mit dem Bratengeruch aus der Küche. Wunderbare Weihnachtsstimmung lag in der Luft. Jucki bekam seine erste Mahlzeit. Sie bestand aus kleinen Schokoladenweihnachtsmännern, Printen und Dominosteinen, die Felix ihm in seinen angedeuteten Stoffmund schieben wollte. Die warme und flüssige Schokolade verteilte sich allmählich in Juckis rundlichem Gesicht. Doch Jucki blieb Teilnahmelos und lies alles über sich ergehen. Obwohl er sich am liebsten gegen die ritterliche Teilung des Weihnachtstellers gewehrt hätte, aber seine Ehre als lieber Stoffbär ließ ihn regungslos bleiben.

Vater Klaus lächelte und holte einen Lappen aus der Küche um das Gesicht des neuen Familienmitglieds zu reinigen. Er wischte vorsichtig mit dem feuchten Tuch durch Juckis verkleckertes Gesicht, bis seine eigentliche hellbraune Gesichtsfarbe wieder zu Vorschein kam.

Felix verstand die Geste des Vaters nicht und begann zu weinen. Warum sollte er die Leckereien nicht mit seinem liebgewonnenen Kuschelbären teilen? Mama teilte doch auch das Essen mit ihm, wenn sie mittags neben ihm saß und einen Löffel für ihn und dann einen eigenen Löffel voller Suppe aß.

Leise Weihnachtsmusik verteilte sich harmonisch aus den Lautsprechern im ganzen Wohnraum. Felix fühlte den Takt der Musik im Herzen. Die wohltuenden Schwingungen übertrugen sich auf den ganzen Körper und er verspürte den Drang sich im Takt der Rhythmen zu bewegen.  

Er erlöste den Bären aus seiner Umklammerung und begann mit Jucki zu tanzen. Er lachte und drehte sich mit Jucki im Kreis.

Vater Klaus und Mutter Erika sahen sich glücklich in die Augen und beide dachten das gleiche.

So tanzten Felix und Jucki unter dem Tannenbaum bestimmt eine geschlagene Stunde, bis der kleine Junge sich mit seinem Bärenfreund auf den Boden legte und glücklich einschlief. Eine weiche und durchsichtige Träne kullerten den schlafenden Felix über die Wangen und tropften auf Juckis Stirn. Wie aus einem tiefen Schlaf erwacht, spürte Jucki, dass er Seele empfing. Er fühlte seinen weichen plüschigen Körper und konnte denken wie ein Mensch. Alles in ihm regte sich, als sei er aus einem tausendjährigen Schlaf gerissen worden.     

Das war vor zwei Jahren Jucki kroch unter dem Bett hervor und wurde noch trauriger. Er schüttelte die Erinnerungen  aus seinem Kopf, doch sein Blick ging betrübt zu Boden. Ob er je wieder seinen besten Freund sehen würde? Er hatte ihn lieb gewonnen und in sein Herz geschlossen, so tief, wie es ein Plüschbär eben kann.

 
Diesen Artikel bookmarken?

0 Trackbacks

Die Trackback URL zu diesem Artikel ist:
http://www.derwesten.de/services/trackbacks/blogs/6015149/create

0 Kommentar