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Erlebniswelt Bahnfahren

Auf meinem Weg zum Praktikum (Von Werl über Dortmund nach Essen Hbf) habe ich in den mittlerweile fast vier Wochen eine Menge erlebt - und das vor allem im Zug. MP3-Playerhören, Zeitunglesen und Sudokuspielen im Zug werden eindeutig überflüssig, wenn man täglich mit mehreren hundert Pendlern, Studenten und Shopping-Fans in der Bahn sitzt.

Mittlerweile habe ich fünf Typen von Bahnfahrern ausmachen können, die eigentlich unterschiedlicher nicht sein könnten:

Der schwer beschäftigte Manager:

stürmt mit Anzug und Krawatte in den Zug, sitzt noch nicht auf dem Hosenboden, da ist schon der Laptop hochgeklappt. Schwer busy werden von Wattenscheid bis Dortmund die letzten Mails getippt, dabei noch mit dem neuen Iphone Telefonate geführt. "Jaja, die Bahn hat wieder Verspätung. Ich fahr dann gleich doch mit dem Taxi". Sollte eine Reisetruppe es wagen, sich über Algenpest auf Ruhrpott-Seen unkundig zu unterhalten, dann wird sich eingemischt. "Entschuldigen Sie, aber mein Unternehmen bietet da folgende Lösung an...".

Die schwer telefonsüchtige Angestellte:

sitzt noch nicht im Zug in Dortmund, ruft aber sofort ihren besten Freund (oder Freund in spe?) an um mit ihm zu klären, wie sie mit ihm morgen seinen Geburtstag verbringt, den seine Mutter dummerweise aber schon total verplant hat. Schwer bemüht versucht die Angestellte, noch irgendwie einen Platz am Geburtstag zu bekommen, legt auf und ruft dann die beste Freundin (von gefühlten 10) an: "Du, der xy wollte gerade unbedingt, dass ich morgen mit ihm was mache. Bla, bla, bla und so. Weißte ja." Doch die selbstsichere Coolness ist nicht von langer Dauer, denn schon bald schwenkt das Gesprächsthema um auf eine dunkle Tat in der Vergangenheit: "Boor, Alter, ich schwör dir, du weißt gar nicht, wie schlimm das ist, wenn ich da nen Prozess bekomme."

Der Lebensgeschichten-Erzähler:

findet sich in drei Formen. Entweder als Pärchen von zwei Angestellten, die jeden Morgen gemeinsam zur Arbeit fahren und sich dann über alles Mögliche unterhalten innerhalb eines Intervals von Bratpfannen, Urlaubsreisen oder den eigenen Kindern. Alle fünf Minuten folgt gleichermaßen der Satz "Ja, das kenn ich auch." In anderere Form tritt der Lebensgeschichtenerzähler auch als neuer Fahrgast auf, der sich in den Vierer nebenan setzt, einen minimalen Gesprächsfetzen aufsaugt und dann durch direkten Blickkontakt versucht, sich ins Gespräch einzuklinken. "Ich mein, wenn dann der .. sagt, dass du das nicht machen kannst und dann kommen die Rechten wieder von links...". Gezwungenermaßen wird dann weggehört oder eingeschüchtert "Ja, so ist das" gemurmelt.

Die letzte Form des Lebensgeschichtenerzählers ist die Person, die mit ihrer Fahrt in der Bahn ihre Lebensgeschichte weiterfortsetzt. Sprich, wenn sie vorher bereits schon jahrelang gereist ist. "Ja mit 16, da hab ich all mein Geld gespart und bin davon nach Australien geflogen. Jetzt geh ich fürn Jahr nach Israel und dann brauch ich noch irgendwie 6000 Euro für fünf Monate Südamerika." Tip von der gegenübersitzenden Freundin aus Mexiko: "Hier, der Juan, der wohnt doch da bei den alten Maya-Tempeln. Da mail ich einfach immermal hin und dann klappt das schon mit dem Besuch."

Die Alternativen:

treten beispielsweise in Form zweiter Gothics im Zug auf. Irritierend auf den unwissenden Fahrgast wirkt schon zu Anfang, dass man und frau Rock trägt. Während Er sich noch mehr oder minder an den "Vollsuff" gestern Abend erinnern kann, überlegt Sie laut: "Boor, weißte was echt krass ist? Ich bin die Einzige von meinen Freundinnen, die noch nicht inna Klapse war. Und das, obwohl ich seit 14 Depressionen habe." Er: "Hmmm. Schon krass. Aber Depressionen ist ein schlechtes Thema." Mit dem Ansetzen einer vollen Pulle JA!-Korn ist die Debatte beendet. Und die Nüchternheit wohl auch.

Zu guter Letzt: Die Flaschensammler:

nutzen jeden noch so kleine Aufenthaltspause von S-Bahn, RegioExpress oder Regionalbahn, um mit dreckigen Fingern jeden Mülleimer im Zug aufzureißen und das Gold der Neuzeit einzusammeln:Pfandflaschen. Mitbringsel der Sammler ist stets ein großer Plastikbeutel, der je nach Inhalt und Schwere vom Erfolg der Pfandjagd zeugt. Zumindest haben die Sammler ein Gutes: Wenn sie kommen, dann dauerts nicht mehr lange, bis der Zug endlich losfährt.

Zugfahren ist somit Action pur, Daily Soap und Werbespotkomik in einem und ersetzt teure Anschaffungen wie Ipod-Nanos oder portable Playstations. Vielleicht sollte die Deutsche Bahn AG einfach mal auf eine andere Werbestrategie setzen, die diese Feststellung verinnerlicht. Denn damit werden zumindest minimal die teuren Preise gerechtfertigt.

 
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