Das aktuelle Wetter NRW 6°C
Kolumne

Scénic-Fahrer darf Auto wegen zu hohem Verbrauch zurückgeben

11.05.2012 | 13:19 Uhr
Scénic-Fahrer darf Auto wegen zu hohem Verbrauch zurückgeben
Einem Herner Renault-Besitzer darf seinen 2009 neu gekauften Minivan Scénic wegen zu hohen Verbrauchs zurückgeben.

Bochum.  Wie viel zu viel ist so viel, das es reicht seinen Neuwagen dem Händler wieder auf den Hof zu stellen? Zehn Prozent mehr als die Angabe nach EU-Norm, entschied das Landgericht Bochum angesichts eines Renault Scenic. Damit ließen sich alle Neuwagen zurückgeben, übrigens schön verzinst.

Das Landgericht Bochum hat einem Herner Renault-Besitzer Recht gegeben, der seinen 2009 neu gekauften Minivan Scénic wegen zu hohen Verbrauchs zurückgeben wollte. Der Kläger erhält den Kaufpreis von seinem Bochumer Autohaus, verzinst mit über fünf Prozent seit Klageerhebung, zurück.

Laut Prospekt sollte der kombinierte Verbrauch nach EU-Richtlinie 7,7 Liter betragen. Der 140 PS starke Benzinmotor mit stufenlosem CVT-Getriebe verbrauchte jedoch 11,7 bis 14 Prozent mehr, ohne dass die Werkstatt bei Nachbesserungsversuchen einen Grund dafür fand. Zwei Gutachten bestätigten den Mehrverbrauch.

Das Landgericht Bochum schloss sich in seiner Urteilsbegründung verschiedenen Entscheidungen des Bundesgerichtshofes an, so zur gültigen EU-Verbrauchsmessungs-Richtlinie 93/116/EG. Demnach rechtfertigt ein Mehrverbrauch von über zehn Prozent einen erheblichen Sachmangel und das Zurücktreten vom Kaufvertrag.

EU-Norm ist reif zum Abwracken

Damit ist die EU-Norm zur Festlegung des Kraftstoffbedarfs unserer Autos endgültig reif zum Abwracken, wenn immer mehr Richter – wie die am Landgericht Bochum – sie ernst nehmen. Dann verwandelt sich die realitätsfremde Normverbrauchsangabe in den Freibrief, einen Neuwagen zu erwerben und ihn nach geraumer Zeit mit dem Hinweis auf den völlig am Papierwert vorbeigehenden Verbrauch zurückzugeben, hoch verzinst womöglich noch. Da tickt der Zünder einer kleinen Benzinbombe für den Autohandel.

Schuld daran sind zwei Dinge. Erstens ist die Norm ein Witz. Sie simuliert auf dem Prüfstand eine Schleichfahrt, die mit dem realen Fahren auf der Straße so viel zu tun hat wie ein Spritspartraining mit einem Formel-Eins-Rennen. Zum zweiten die Hersteller: Im Ringen um jedes Gramm Kohlendioxid, das nach Norm pro Kilometer ausgestoßen wird und ständig sinken soll, sind sie durch alle Schlupflöcher gekrochen, die die EU-Bürokraten ihnen offen gelassen haben.

Hybridfahrzeuge und Batterieautos weisen hohe Abweichungen auf

Das geht so weit, dass bei an der Steckdose aufladbaren Hybridautos mit zusätzlichem Elektromotor der verbrauchte Strom überhaupt nicht mitgerechnet wird für den Norm-„Verbrauch“. Besonders hohe Abweichungen zur Normangabe weisen daneben die auf dem Papier besonders sparsamen Hybridfahrzeuge und die neuen Batterieautos auf. 50 Prozent mehr sind hier eher üblich als die Ausnahme.

Die EU-Norm löste einst den guten alten Drittelmix ab und war damals ein großer Fortschritt gegenüber der Verbrauchsermittlung im Stadtverkehr, bei konstant 90 und konstant 120 km/h, die absurde Ergebnisse erbrachte. Bei einem sparsam gefahrenen Diesel war der neue EU-Normwert sogar realisierbar. Längst ist eine Reform der EU-Verbrauchs­ermittlung überfällig. Sie müsste zu wesentlich höheren Verbrauchs- und CO2-Angaben führen, und dagegen werden die Lobbyisten-Heere der Autoindustrie Sturm laufen. Es könnte sie Milliarden kosten.

Gerd Heidecke



Kommentare
11.05.2012
21:56
@Zanti #4
von Eduard79 | #5

Lesen Sie mal Neuwagenprospekte und/oder Autozeitschriften. Da unsere Autos immer gößer und schwerer werden, handelt es sich bei 140 PS schon fast um eine Basismotorisierung. In der Mittelklasse können Sie überhaupt kein Fahrzeug unter 100-110 PS Leistung mehr kaufen. Dass man mit 140 PS in der oberen Leistungsliga mitspielt ist 30, wenn nicht 40 Jahre her.

Davon ab: Es tut bei der Thematik überhaupt nichts zur Sache, und wenn das Auto 500 PS hätte. Es geht um eine Diskrepanz zwischen dem, was beim Kauf versprochen wird und der Realität.

11.05.2012
20:11
Scénic-Fahrer darf Auto wegen zu hohem Verbrauch zurückgeben
von Zanti | #4

Wer so um sein Geld bedacht ist, dass er wegen zu hohem Verbrauch vor Gericht zieht, der sollte sich keinen 140 PS starken Wagen zulegen...

11.05.2012
18:57
Scénic-Fahrer darf Auto wegen zu hohem Verbrauch zurückgeben
von wkohn | #3

Die 5%-ige Verzinsung gibt es erst ab dem Datum der Klageeinreichung und dann auch nur für aktuellen Fahrzeugwert. Wer ermittelt diesen wohl? Sie haben vergessen, dass man dem Händler eine Nutzungsentschädigung zahlen muss. Da diese in der Regel nicht so günstig ist, trägt der Händler also kein großes Risiko. Er nimmt einen PKW zurück und erstattet den Kaufpreis minus Abnutzung. Das könnte für den Händler sogar günstiger als ein schlechter Leasingdeal sein.Mein Kommentar: Reine Aufmachung auf unterem Niveau.

11.05.2012
17:19
Scénic-Fahrer darf Auto wegen zu hohem Verbrauch zurückgeben
von feder24 | #2

Gibt es nicht Politiker/-Innen die mit solch "getürkten" (Entschuldigung) Verbrauchsangaben über die deutsche Autoindustrie herfallen?

11.05.2012
14:16
Landgericht Bochum gibt Scénic-Fahrer das Recht auf Fahrzeugrückgabe wegen seines Verbrauchs
von ArchieLeach | #1

Wow, das ist mal eine Überschrift. So einen Satzbau habe ich seit dem zweiten Schuljahr nicht mehr gesehen.

Nebenbei halte ich das Foto für ziemlich daneben. Das Bild eines- wenn auch nur Filmalkoholikers- neben einem Bericht über Spritsäufer finde ich ziemlich grenzwertig.

P.S.: Ist der Autokäufer Ex-Jugoslawe ? Minivan Scenic ist doch ein typischer Name. :-)

1 Antwort
Scénic-Fahrer darf Auto wegen zu hohem Verbrauch zurückgeben
von kadiya26 | #1-1

Danke für den letzten Satz, ich erhol mich gerade vom Lachkrampf :-D

Aus dem Ressort
Das Lustigste von der langweiligsten IAA
Kolumne
Selten war eine IAA so langweilig wie dieses Mal. Aber es gibt sie noch, die lustigen Dinge, auch auf der Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt.
Ein Feriensommer ohne Benzinpreisrunde
Kolumne
In diesem Sommer fehlt zum „Summer Feeling“ so einiges. Zum Beispiel die sonst übliche Benzinpreistreiberrunde mit allen ihren unschönen Randerscheinungen.
Wenn Kloppo bei der Autopanne hilft
Rückspiegel
Eine Umfrage will herausgefunden haben, von wem sich „die Deutschen“ bei einer Panne am liebsten helfen lassen würden. Herausgekommen ist eine Liste des Grauens, inklusive Markus „Limbo“ Lanz und Sylvie Ex-van-der-Vaart.
Das Elektro-Motorrad fürs Militär
Kolumne
Der Siegeszug der Elektromobilität scheint unaufhaltsam. Jüngstes Indiz: Es gibt jetzt ein erstes Elektro-Motorrad fürs Militär. Was die Menschheit wirklich braucht, sind strombetriebene Panzer, denen man im Kriegsfall einfach den Stecker ziehen könnte.
Endlich! Top Gear auf deutsch
Kolumne
Die beste Auto-Sendung der Welt gilt als genauso unübersetzbar wie einst der englische Humor von Monty Python. Aber das gedruckte Heft zur BBC-Sendung „Top Gear“ gibt es jetzt auch auf deutsch, und - oh Wunder - es funktioniert so gut wie ein DSG-Getriebe, wenn es nicht in China gebaut wurde!
Umfrage
Der deutsche Beitrag zum Spenden-Song
 
Fotos und Videos