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Unfälle

Für Motorradfahrer wird das Sauerland zur Gefahrenzone

21.05.2009 | 13:29 Uhr
Für Motorradfahrer wird das Sauerland zur Gefahrenzone

Arnsberg. Motorradfahrer lieben das Land der Tausend Berge und 100 000 Kurven. Sie sollten es auch fürchten. Denn das Risiko, im Sauerland mit dem Motorrad zu verunglücken, ist ungleich höher als anderswo. Manfred Pax trauert immer noch um seine Lebensgefährtin, die bei einem Unfall starb.

Im Sauerland leben Motorradfahrer ziemlich gefährlich. Allerdings sind es nicht unbedingt die „Jungen Wilden”, die aus den Kurven fliegen. Immer öfter verunglücken Biker „in den besten Jahren”, wie Manfred Pax.

Der Tag hatte so schön begonnen und endete schrecklich. Um 13.22 Uhr an jenem Sonntag im Juni 2008 sah Manfred Pax (40) die scharfe Rechtskurve erst, als es schon zu spät war zum Lenken. Seine Lebensgefährtin Lydia, die hinten auf dem Motorrad saß, überlebte den Aufprall nur kurze Zeit. Sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

»Ich sehe die Kurve und weiß: Die schaffst du nicht«

„Es war eine spontane Idee: Mal kurz ins Sauerland fahren, und abends die Europameisterschaft im Fernsehen schauen”, erinnert sich Manfred Pax genau daran, wie alles begonnen hatte. Mit sechs Motorrädern fuhr die Gruppe in Engelskirchen los, Ziel: Winterberg. Nach dem Mittagessen ging es zurück. „Wir sind eher gemütlich gefahren, haben uns die riesigen Kahlflächen links und rechts der Landstraße angesehen, die der Orkan Kyrill dort bei Winterberg hinterlassen hat”, sagt Manfred Pax.

Dann passiert der Unfall.

Manfred Pax verunglückte mit seinem Motorrad am 8. Juni 2008 schwer im Sauerland. Dabei starb seine Lebensgefährtin Lydia. Foto: Krischer

Nach Rekonstruktion eines Gutachters fährt Pax etwa 70 Stundenkilometer, als er bremst. Der Aufprall auf die Leitplanke erfolgt mit Tempo 30. „Mir fehlen da einige Sekunden. Das letzte, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich plötzlich die Kurve vor mir sehe und mich total erschrecke. Und sofort genau weiß: Die schaffst du nicht.”

Rückenpanzer rettet ihm das Leben

Manfred Pax greift voll in die Bremsen. Das Motorrad bricht hinten aus. Er lässt los, bremst wieder. Das lässt sich am Gummiabrieb rekonstruieren, den die Polizei später auf dem Asphalt ausmisst. In einem schrägen Winkel prallt die Yamaha Fazer mit dem Vorderrad in die Leitplanke. Manfred Pax wird aus dem Sitz geschleudert und fliegt in einem Bogen über die Leitplanke hinweg. Ein Rückenpanzer, mit dem er seitlich gegen einen nahen Baumstamm kracht, rettet ihm das Leben.

Info
Lieber kurze Touren

Die meisten Motorradunfälle passieren nachmittags.

Vermutlich, weil die Fahrer dann unkonzentriert oder ermüdet sind. Polizeisprecher Udo Heppe rät: „Motorradfahren auf kurvigen Strecken im Sauerland kostet Kraft. Planen Sie kürzere Touren mit Pausen und kommen Sie nocheinmal wieder.”

Bei Panoramastraßen ist es wichtig, vorausschauend zu fahren. Wer die Landschaft ansehen möchte, sollte besser einen Parkplatz ansteuern, als vom Motorrad in der Gegend herumzuschauen.

Seine Freundin Lydia fliegt nicht über die Leitplanke. Die 42-Jährige hält sich krampfhaft am Griff des Motorrads fest. So wird sie mit voller Wucht gegen die Leitplanke gepresst. Gebrochene Rippen durchstechen die Lunge, andere Organe im Körper zerreißen.

Manfred Pax treten Tränen in die Augen, als er von dieser Situation erzählt. Mit seinen Worten kreist er lange um den Moment, an dem er vom Tod seiner Freundin erzählen muss. Nähert sich dann leise jenem Fakt, der auch sein Leben so veränderte, dass nichts mehr ist, wie es vorher war.

»Lydia starb, weil sie bei mir auf dem Motorrad saß«

„Sie ist innerlich verblutet”, lautete die medizinische Diagnose. „Lydia starb, weil sie bei mir hinten auf dem Motorrad saß”, lautet Pax' Diagnose. Und er flüstert fast: „Auch wenn alle sagen: Es war ein Unglück. Ja. Aber ich fühle mich dennoch schuldig.”

Ein Jahr ist der Unfall nun her, und Manfred Pax' Leben sieht heute anders aus. Er ist weggezogen aus der gemeinsamen Wohnung, in einen anderen Ort. Die Kinder seiner Freundin, die neun Jahre mit ihm zusammen lebten, brachen den Kontakt ab. Freunde gingen verloren. Sein Motorrad und alles, was daran erinnert, hat Pax verkauft oder verschenkt. Nie wieder werde ich damit fahren, sagt er, der bis zu jenem Tag 20 Jahre lang fast täglich mit einem Motorrad unterwegs war.

Wiedereinsteiger gefährdet

„Früher bin ich gefahren wie ein Irrer – in den Kurven immer so tief runter, dass die Knie fast über die Straße schrammten.” Nicht ein Mal hatte Pax einen Unfall gebaut. Und dann gleich solch einen schrecklichen.

Seine Yamaha, die er an jenem Tag fuhr, war kein Rennmotorrad. Ein breiter Lenker darauf sorgte für komfortables Fahren. Mit 40 wollte Pax keine Rennen mehr gewinnen.

68 Tote seit 1996

Wie die meisten der Motorradfahrer, die auf den Straßen des Sauerlands schwer verunglücken. „Anders als bei den Autofahrern sind es nicht die Jungen Wilden, die mit den Motorrädern hier die meisten schweren Unfälle verursachen”, sagt Dieter Zerbs von der Direktion Verkehr bei der Polizei im HSK. „Es sind die Wiedereinsteiger und die immer agiler werdenden Senioren.”

Die Generation Ü 40 hat im Jahr 2008 die weitaus meisten schweren Motorradunfälle verursacht. „Die schwierige Topographie und Selbstüberschätzung führen zu den folgenschweren Motorradunfällen”, glaubt die Polizei. Seit 1996 verunglückten im HSK 68 Motorradfahrer tödlich.

Präventiv kann die Polizei kaum dagegen vorgehen. „Um die Zahl der Kinderunfälle zu senken, kommen wir in den Kindergarten”, sagt Zerbs. „Aber wie sollen wir die Biker aus dem Ruhrgebiet, dem Rheinland und den Niederlanden ansprechen?”

"Das war kein Traum"

„Natürlich würde ich jedem meiner Freunde raten: Fahr vorsichtig. Sei konzentriert. Aber das stößt doch auf taube Ohren”, ahnt Manfred Pax. „Jeder denkt, das passiert mir doch nicht.” Vielleicht sollte er den Freunden aus der früheren Motorradgruppe von seinen Nächten erzählen. „Dann werde ich wach und denke: Was hattest Du denn da für einen Scheißtraum?” Bis ihm dann schrecklich klar wird: Das war kein Traum.

Heinz Krischer

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Kommentare
03.09.2009
00:44
Für Motorradfahrer wird das Sauerland zur Gefahrenzone
von practicus | #32

Gefährlich ist es, mit dem Motorrad gemütlich dahinzurollen und dabei die Landschaft genießen....

Das verursacht Unaufmerksamkeit, und die ist viel gefährlicher als so zu fahren, dass man sich 100%ig auf Maschine und Straße konzentrieren muss...

Mir sind Unfälle nur in Situationen passiert, in denen ich unaufmerksam war und eigentlich eher langsam dahingerollt bin...

Ausserdem kann ein Motorrad auch in Kurven und ohne ABS noch sehr kräftig bremsen... nur lernen muss mans halt

22.05.2009
11:01
Für Motorradfahrer wird das Sauerland zur Gefahrenzone
von frasti | #31

Bin bisher 2x in der Gruppe gefahren, meistens allein. Durchschnittsgeschwindigkeit lt. Bordcomputer mit GPS ca. 10 km/h weniger (ca. 45 gegenüber 55 allein). Kann das also nicht bestätigen.
Er hat die Kurve einfach zu spät gesehen, warum auch immer.

Wie auch #29 bestätigt, sind am gefährlichsten für Mopedfahrer die Autofahrer, die ja im übrigen am Feiertag whrscheinlich auch freizeitmäßig unterwegs sind.

22.05.2009
10:35
Für Motorradfahrer wird das Sauerland zur Gefahrenzone
von otis1 | #30

Die Tatsache, dass er über 20 Jahre fast täglich gefahren ist, hat ihn nicht vor dem Unfall bewahrt. Vielleicht auch, weil er in einer Gruppe fuhr (6 Motorräder), in der man immer schneller fährt, als wenn man alleine unterwegs ist (wieso haben die anderen 5 die Kurve geschafft?).

Die gestiegene Zahl der Unfälle der älteren Motorradfahrer hat zudem nur etwas damit zu tun, dass diese Altersgruppe die mit Abstand größte Gruppe der Motorradfahrer ist. Daher ist es nur logisch, dass diese Gruppe auch am häufigsten in Unfälle verwickelt ist. Bereinigt auf die Gruppengröße sind die 18-jährigen Motorradfahrer immer noch am häufigsten in Unfälle verwickelt. Dies wird durch Studien eindeutig belegt.

Letztendlich ist Motorradfahren riskant, nicht gefährlich! Gefährlich sind die, die drauf sitzen...

22.05.2009
10:12
Für Motorradfahrer wird das Sauerland zur Gefahrenzone
von Popeye | #29

Ich arbeite seit über 20 Jahren eines Rettungsdienstes im Sauerland und wir konnten auch bereits mehrmals Motorradfahrern nicht mehr helfen. Tatsächlich waren die meisten Unfälle direkt für die Betroffenen kaum vermeidbar. Es sind zumeist Unaufmerksamkeiten von Autofahrern Auslöser der Katastrophe gewesen. Die Schuld- oder Verantwortungsfragen stellen sich, wie bei jedem Unfall trotzdem alle Beteiligten später. Belastend bei Motorradunfällen jedoch: Sie geschehen hier fast immer in der Freizeit oder speziell an Feiertagen. Manchmal wetten die Kollegen an diesen Tagen sogar auf die Zeit bis zur Meldung des ersten Motorradunfalls.
Nur für Freitzeitspass wird ein solches Risiko eingegangen und oft dieser hohe Preis gezahlt, Der Unfalltod mit dem Motorrad ist meist sinnlos und daher ist die Bewältigung des Geschehens bei allen Beteiligten und Angehörigen besonders belastend.

21.05.2009
22:28
Für Motorradfahrer wird das Sauerland zur Gefahrenzone
von computerprinzessin | #28

So traurig das ist, daß viele Motorradfahrer tödlich verunglücken; sie können mit einem Organspendeausweis noch Leben retten!

21.05.2009
22:08
Für Motorradfahrer wird das Sauerland zur Gefahrenzone
von frasti | #27

@#24
Link funktioniert nicht (zumindest momentan)
Überlastet ;-)

21.05.2009
22:01
Für Motorradfahrer wird das Sauerland zur Gefahrenzone
von frasti | #26

@#12
1. woher haben Sie denn solche Fakten. Ich habe noch nie einen Motorradfahrer gesehen (und auch Autofahrer), der Probleme hat zuzugeben, bei einem Sicherheitstraining was dazugelernt zu haben.
2. wenn Zusatzversicherungen, fallen mir auch andere Gruppen ein, Hoppe ist auch Ihrer Meinung, er nennt auch Dicke und Weintrinker.
Ich würde zumindest Raucher, Skifahrer und Rennradfahrer aufnehmen
3. die Sperrung der B236 ist falsch, weil sie auf dem Sankt-Florian-Prinzip basiert, aber keinen Unfall verhindert. Und wie in einem anderen Thread schon ausreichend erläutert, die Ausweichstrecke noch mehr Leute betrifft.
Und ganz schlimm ist, wenn Anwohner dieser Strecke bei den Motorradunfällen ein bischen versuchen nachzuhelfen, wie man hört. Sie wissen, was ich meine! Andererseits zeigefingerhebend auf den Putz hauen.

21.05.2009
19:52
Für Motorradfahrer wird das Sauerland zur Gefahrenzone
von frasti | #25

@#22
Ob die Zahl stimmt, weiss ich nicht, aber natürlich ist die Gefährdung beim Motorradfahren höher. Es hat eben nicht jeder 1 t Stahl um sich herum verbaut wie ein Autofahrer.
Selbst bei gleicher Geschwindigkeit passiert eben deshalb mehr, auch beim Rad-/Skifahren (siehe Althaus) usw.

Ein Autofahrer hätte den Unfall (mit 30 in die Leitplanke) locker überlebt (wenn er angeschnallt ist), OHNE das es seinem Verdienst oder Können zuzuschreiben gewesen wäre. Aber für den Autofahrer ist sonnenklar, dass Rasen schuld war. Fakt ist, meine Frau als Sozius würde mir was anderes erzählen, wenn ich das tun würde. Also auch in dem Fall eher unwahrscheinlich.

Ein Motorradfahrer muss VOR der Kurve entscheiden, wie schnell er sie durchfahren kann. Auf Strecken, die man nicht kennt oder Hundekurven kann man sich verschätzen. IN der Kurve kann der Motorradfahrer kaum bremsen, auch nicht mit ABS.
Wie verbeult wären wohl die Leitplanken, wenn auch Autofahrer IN Kurven nicht mehr bremsen dürften.
Beim Auto drehe ich am Lenker und wenn ich nicht _viel_ zu schnell bin, fährt das Auto rum, kann schon jedes Kind auf dem Bobbycar. Fahrradfahren wird schon schwerer.
Also nicht alle Motorradfahrer als Deppen oder Raser hinstellen, nur weil die Unfallgefahr höher ist.

21.05.2009
18:14
Für Motorradfahrer wird das Sauerland zur Gefahrenzone
von rtf | #24

da in meinem engsten Bekanntekries sowas auch schon passiert ist kann ich nur mein tiefes Mitgefühl aussprechen und mein Verständnis für sein Schuldgefühl, ich würde ebenso denken. Seit dem Unfall in unserem Bekanntenkreis habe ich niemaden mehr auf meinem Motorrad mitgenommen.
Vielleicht hätte sie überlebt, wenn die Leitplanke gesichert gewesen wäre....der Verein Mehrsi macht sich hierfür stark. www.mehrsi.de

21.05.2009
17:54
Für Motorradfahrer wird das Sauerland zur Gefahrenzone
von motobear | #23

Der Artikel soll nur eine Mahnung sein, möglichst immer so zu fahren, dass der Schutzengel noch mitkommt, aber nie eine Garantie geben kann.
Schuldzuweisungen bringen nichts, sondern ALLE Verkehrsteilnehmer sollten liebr immer hellwach sein und nicht während der Fahrt telefonieren, nicht essen, nicht trinken, keine medikamente einnehmen, nicht rauchen, nicht nach den Kindern hinten schauen, vorher die Brille aufsetzen, sich rechtzeitig Hörgeräte besorgt haben etc...

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