Blitzer-Marathon - "Wer direkt bezahlt, lernt am meisten"

Blitzer in Mülheim: "Die Bürger nach 'Wutpunkten' zu fragen, ist ein guter Ansatz", sagt der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss.
Blitzer in Mülheim: "Die Bürger nach 'Wutpunkten' zu fragen, ist ein guter Ansatz", sagt der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss.
Foto: Christoph Wojtyczka
Was wir bereits wissen
Der zweite Blitz-Marathon in NRW ist groß angekündigt: Die Bürger wissen, wann und wo geblitzt wird. Besteht da nicht die Gefahr, dass Dienstag alle schleichen, aber ab Mittwoch wieder gerast wird? Klar, sagt der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss. Trotzdem hält er den Blitz-Marathon für gut.

Essen.. Man kann es nicht allen recht machen. Beim letzten Blitz-Marathon zog die Polizei ein positives Fazit: Nur wenige Autofahrer seien den Geschwindigkeitskontrolleuren in die Falle gegangen. Die Aktion sei erfolgreich verlaufen. Anders sahen das einige Autofahrer: "Das ganze Ruhrgebiet ist ein einziger Verkehrsübungsplatz", beschwerte sich eine Bochumerin. Alle würden heute schleichen, um morgen wieder zu rasen. Nun steht am Dienstag der nächste Blitzer-Marathon an - und wieder stellt sich die Frage, wie groß der Lerneffekt dabei ist.

Der Verkehrspsychologe Karl-Friedrich Voss hält es für richtig, dass die Polizei die Bürger nach "Wutpunkten" gefragt hat. Mehr als 15.000 vermeintliche Raser-Strecken wurden gemeldet. "Dadurch werden die Bürger miteinbezogen und es entsteht ein Wir-Gefühl", sagt er. Schließlich würden alle davon profitieren, wenn nicht mehr gerast würde.

Die meisten fahren mit "gefühlten 50 Stundenkilometern" durch die Stadt

Es sei ein weitverbreitetes Vorurteil, dass es "die Raser" gäbe, die bewusst zu schnell fahren. Tatsächlich aber seien sich die meisten Autofahrer ihrer Geschwindigkeit nicht bewusst und würden mit "gefühlten 50 Stundenkilometern" durch die Stadt fahren. Deshalb seien Tempo-Tafeln vor Schulen und Kindergärten eine gute Idee, um den Fahrern ihre tatsächliche Geschwindigkeit bewusst zu machen. Gleiches könne Ziel des Blitzer-Marathons sein.

Wie groß der Lerneffekt ist, hängt laut Voss im Wesentlichen davon ab, wie geblitzt wird. Einfache Radaranlagen ohne direkten Kontakt zur Polizei seien nicht sinnvoll. "Wenn ich für mein Fehlverhalten erst drei Wochen später per Bußgeldbescheid bestraft werde, ist der Lerneffekt gering", sagt der Verkehrspsychologe. Besser seien Messtellen mit Radarpistolen oder Videowagen, bei denen die Autofahrer direkt nach der Kontrolle herausgewunken und "abkassiert" würden.

Auswertung des Blitz-Marathons mit den Bürgern ist wichtig

Blitz-Marathon Ebenso seien Belohnungskonzepte sinnvoll. Beim letzten Blitz-Marathon stoppte die Polizei Autofahrer, die sich regelkonform verhalten hatten - und bedankte sich dafür bei ihnen mit Kugelschreibern. "Das kann funktionieren", sagt Voss.

Den größten Nutzen könnte die Polizei laut Voss aus dem Blitz-Marathon ziehen, wenn die Ergebnisse ausführlich ausgewertet werden: Wo sind besonders viele Raser geblitzt worden? Wo kann man etwas gegen Raser tun? "Wenn die Bürger, die Wutpunkte gemeldet haben, eine Rückmeldung kriegen, bekommt das Thema eine eigene Dynamik", sagt er. Ansonsten könnte der Blitz-Marathon ein S trohfeuer sein, das schnell in Vergessenheit gerät.